Grandios gescheitert

Hochhäuser in den Bergen: Die Absicht tönt spannend, anders die Realisierung. Was aus den bisherigen alpinen Luftschlössern wurde.

Wollte bislang niemand finanzieren: Entwurf von Herzog & de Meuron für einen Hotelturm auf der Davoser Schatzalp. Foto: PD

Wollte bislang niemand finanzieren: Entwurf von Herzog & de Meuron für einen Hotelturm auf der Davoser Schatzalp. Foto: PD

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Pfeiler und Bögen ragen aus dem Wolkenmeer, die Bergspitzen sind kristallförmig behauen, auf Gipfeln balancieren nadeldünne Pyramiden. Es sind traumähnliche Bilder, mit denen der deutsche Architekt und Stadtplaner Bruno Taut 1919 in der Publikation «Alpine Architektur» seine Utopien einfing, die Architektur und Natur verschmelzen sollten.

Die Bilder zum Valser Projekt:

Seit er die Berge verschönern wollte, geistern alpine Megalomanien durch die Architektur, die jedoch meist Fiktion blieben. Das zeigt derzeit die Ausstellung «Dreamland Alps» in der Architektur­galerie in München, die bis zum 10. April 22 vorwiegend utopische Projekte in den Bergen präsentiert. 1913 ersann Adolf Loos ein gigantisches Wintersporthotel in Österreich. Ein Sanatorium gross wie ein Kreuzfahrtschiff bahnt sich 1927 auf den Plänen von Henry-Jacques Le Même den Weg durch das Plateau d’Assy. Ebenfalls in Frankreich projektierte Fernand Ottin 1946 ein Solarium, das sich um die eigene Achse drehte.

Gebaut wurde nichts davon, was den Gipfelträumen jedoch keinen Abbruch tat. Dies zeigt auch das Musée de Bagnes in Le Châble, das bis Ende Mai Walliser Visionen vorstellt. Etwa eine Hochhaussiedlung mit 23 Türmen, in den 60er-Jahren am Hang über Crans-Montana projektiert. Nur drei Türme wurden realisiert, doch ein wohlhabender Russe glaubt heute wieder an die Idee: Er will fünf neue Türme errichten.

Abschied vom sanften Tourismus

Das ist kein Einzelfall. Das Konzept des Tourismusresorts, erfunden in den 60er- und 70er-Jahren, ist wieder en vogue – nur spektakulärer und luxuriöser. Während sich die Schweiz in den letzten Jahren zusehends vom sanften Tourismus verabschiedete, können die Resortpläne nicht überrissen genug sein. Architektonisch scheinen sich zwei Varianten durchzusetzen. Einerseits der gequälte Verschnitt aus Chalet und Betonklotz, wie es Samih Sawiris Hotel The Chedi in Andermatt vormacht. Andererseits der unförmige Blobb, abgeworfen aus der virtuellen Welt, wie etwa das Hotel Intercontinental in Davos. Die dritte Möglichkeit liegt in der Höhe, mit der angeblich die Zubetonierung der Berge gestoppt werden soll. Der Haken dabei: Das Hochhaus spart zwar Land, versperrt aber das, wofür alle hergereist sind: den Blick auf die Berge. Davor steht nun eine Hauswand und will mit der Magie der Felswände mithalten, ein gleichermassen ­arroganter wie kümmerlicher Versuch.

Zu den ersten Projekten dieser Kategorie in jüngster Zeit gehört der Hotelturm auf der Schatzalp in Davos, 2003 entworfen von der Architekten Herzog & de Meuron, lange bevor sie für Roche den Basler Himmel eroberten. Der Bau sollte so hoch wie das bestehende Hotel lang werden: 105 Meter. Landschaftsschützer liefen gegen das Projekt Sturm, das die Davoser mit 54 Prozent Ja-Stimmen befürworteten. Der Turm blieb trotzdem nur Papier. Die 200 Millionen Franken wollte bisher niemand stemmen, schon gar nicht, bevor die Zweitwohnungshüter in Bern sich einigen.

Abfuhr für Mario Botta

Auch der Tessiner Architekt Mario Botta ist am Turmbau in den Alpen gescheitert. Seinem 77-Meter-Hochhaus in Celerina im Oberengadin, das nicht die Berge, aber doch die Kirche überragen sollte, erteilte die Gemeindeversammlung 2008 eine deutliche Abfuhr. Der Walliser Gemeinde Lax schwebte gar ein Drehturm vor, der auf 2200 Meter über Meer 100 Meter hoch durch den Wind rotiert. 2007 hätte das Projekt des Berner Architekturbüros X6 eröffnet werden sollen. Doch der Baugrund liegt an der Grenze zum Unesco-geschützten Aletschgletscher. Entschieden schüttelten Umweltschützer darum den Kopf und bald auch die Investoren, die nicht 60 Millionen Franken in den Schnee setzen wollten.

Auf die Spitze trieb die Idee der Höhe in der Höhe der Architekt und Künstler Heinz Julen. Er träumte im Auftrag der Zermatter Bergbahnen von einer 117 Meter hohen pyramidenförmigen Konstruktion aus Stahl und Glas, die er auf dem Kleinen Matterhorn montiert und so aus dem 3883 Meter-Berg den 77. Viertausender der Alpen gemacht hätte. Bruno Tauts Kristallberg lässt grüssen. «The World’s Dream Peak», wie das Projekt hiess, hätte ein Luxushotel mit Wellnessanlagen und Kongressraum beherbergen sollen. Die Konstruktion glich einer Raumstation, inklusive Druckausgleichkapseln. Doch der Albtraum platzte. Die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz erhob Einsprache gegen die Einzonung der Bergspitze, 2012 begrub der Bauherr die Pläne für die Gipfelprothese.

Seit Tauts malerischen Visionen regen die Berge architektonische Gipfelstürmer an. Doch so hochfliegend diese fantasieren, so hart landen sie auf dem Talboden der Realität.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.03.2015, 23:08 Uhr

Valser nehmen Stellung zum Hotelturm, den Investor Remo Stoffel in ihrem Dorf plant. (Video: Lea Blum)

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