Alpinisten liefern uns den Thrill

Dass Topbergsteiger in Todesnähe klettern, hat seinen guten Grund.

Ein Traumberg, aber auch eine Herausforderung, die immer wieder Todesopfer fordert: Der Shisha Pangma. Foto: Getty

Ein Traumberg, aber auch eine Herausforderung, die immer wieder Todesopfer fordert: Der Shisha Pangma. Foto: Getty

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Die Kritik klingt immer etwa gleich, wenn Spitzenalpinisten sterben: Ach, diese Rekordsucht, heisst es dann. Das ist doch krank. Sind diese Wahnsinnigen nicht selbst schuld? Sie begeben sich in unkontrollierbare Situationen, nur des Adrenalins wegen, des Ruhms.

Seit der Deutsche Sebastian Haag und der Italiener Andrea Zambaldi letzte Woche am Shisha Pangma bei einem Lawinenunglück umgekommen sind, tönt es wieder so. Die zwei waren mit Ueli Steck und mit Haags Berg­partner Benedikt Böhm kurz vor dem Gipfel. Für das deutsche Duo war es Teil eines Rekordversuchs: Haag und Böhm wollten zwei Achttausender innert weniger Tage besteigen und die 170 Kilometer dazwischen mit dem Mountainbike zurücklegen.

Haag hatte seinen Job als Tierarzt letztes Jahr aufgegeben für die Berge. In seiner Lage braucht man Sponsoren, muss Vorträge vor einem staunenden Publikum halten. Wie aber gewinnt man Sponsoren? Und wie bringt man Leute dazu, Eintritt zu zahlen und Bücher zu kaufen?

Als dem Berner Steck 2011 eine spektakuläre Solobegehung an der Shisha-Pangma-Südwestwand gelang, war das den Medien (auch dieser Zeitung) höchstens ein paar Zeilen wert. Ein – überlebter – Absturz an der Annapurna hingegen, eine Prügelei mit Sherpas am Everest, eine Rekordbegehung der Eiger-Nordwand: Das bringt Öffentlichkeit. Das lockt Sponsoren und Zuschauer. Das weckt die Buchverlage und TV-Anstalten.

Natürlich wählen Alpinisten ihren besonderen Beruf freiwillig. Wer Leute wie Steck und Böhm kennt, weiss aber, dass sie nicht hirnlose Hasardeure sind. Sie wollen die Grenzen ausloten, Rekorde jagen. Doch vom Lob des Fachpublikums allein lebt kein Spitzenbergsteiger.

Wir Laien wiederum wollen das Besondere, den Thrill, sonst wenden wir uns gelangweilt anderem zu. Wir tun uns schwer, die eigentliche Leistung zu bewerten – zu fremd ist uns das Treiben in der Todeszone über 8000 Meter. Das macht uns nicht mitschuldig am Tod von Haag und Zambaldi. Aber wir sollten daran denken, wenn wir über das Leben und Wirken von Spitzenalpinisten reden.

Gerade wenn es um ihren Tod geht.

Erstellt: 28.09.2014, 23:05 Uhr

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