Als die Welt verstummte

Was passiert, wenn man plötzlich nichts mehr hört? Die Geschichte des 29-jährigen Bülachers Hung-Mao Hsu, der sein Gehör verlor — und wieder fand.

Hsus letzte Chance: Ein Implantat im Kopf, das Stimmen und Geräusche in digitale Signale umwandelt.

Hsus letzte Chance: Ein Implantat im Kopf, das Stimmen und Geräusche in digitale Signale umwandelt. Bild: Sophie Stieger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Aus dem Autoradio ertönen Gitarrenklänge, als habe sie jemand für diesen Highway geschrieben. Das kalifornische Asphaltband dehnt sich vor Hung-Mao Hsu bis zum Horizont. Links funkelt der Pazifik, auf dem Beifahrersitz lehnt sich sein Freund Christian zurück. Hsus schwarzer Kamm wippt zum Takt der Musik – und plötzlich setzt ein Rauschen ein. Ein Rauschen, das nicht aus dem Autoradio kommt, nicht von der Strasse, nicht vom Meer. Das Rauschen ist in seinem rechten Ohr. Es wird lauter, lauter, bis ein hohes Zing dazwischenfährt – ein Ton, als ob in seinem Kopf eine Gitarrensaite gerissen wäre.

Hung-Mao Hsu (ausgesprochen Chung-Mau Schü) fährt weiter. Den Sohn taiwanischer Einwanderer wirft so schnell nichts aus der Bahn. Mit 10 Jahren erlebt er, wie sich seine Eltern trennen, mit 19, wie sein Vater, ein Diplomat, an Krebs stirbt, und mit 24, wie seine Mutter mit Brustkrebs kämpft. Trotzdem macht der ehrgeizige Bülacher die Matur, studiert Geografie und erfüllt sich mit 25 Jahren seinen Berufswunsch: Geografielehrer. Seither unterrichtet er wie sein Reisegefährte Christian an der Kantonsschule Zürich Birch in Oerlikon.

Erst am Abend im Hotel testet Hsu sein Gehör. Er hält sich das Ohr zu, während ihm Christian Wörter zuflüstert. Hsu lacht, als er merkt, dass er nicht alles versteht. Trotzdem sucht er noch während der Reise ein Spital auf. Ein Arzt diagnostiziert eine Mittelohrentzündung. Hsu wundert sich: Er ist weder erkältet, noch schmerzt sein Ohr.

Ton um Ton verschwindet

Zurück in der Schweiz, erklärt ein Facharzt ihm, dass er einen Hörsturz hatte. Sein Gehör werde sich davon erholen, beruhigt ihn der Mediziner. Doch weitere Hörstürze folgen – zunächst auf dem rechten, dann auch auf dem linken Ohr. Eine Tonlage nach der anderen verschwindet, dazwischen plagen ihn Gleichgewichtsstörungen, Kopfschmerzen und ein ständiges Pfeifen. Nach 20 Hörstürzen nimmt Hsu nur noch die tiefen Töne wahr. Dank eines Hörgeräts kann er weiterhin unterrichten. Aber er benötigt immer empfindlichere Gehörhilfen, bis er seine Schüler auch mit dem stärksten Hörgerät kaum noch versteht.

Von Spezialärzten an der Uni-Klinik erfährt er, dass er unter dem Cogan-Syndrom leidet – einer seltenen Krankheit, die jeden treffen kann. Sie beschädigt das Immunsystem im Innenohr und damit auch die Gleichgewichtsorgane. Weltweit sind nur wenige Hundert Fälle des Cogan-Syndroms registriert. Betroffen sind mehrheitlich junge Menschen. Die Ursachen sind unbekannt – und die Chancen einer Heilung liegen praktisch bei null.

Möwen, die nicht schreien

Mit Kortisonspritzen versuchen die Ärzte, Hsus verbliebene Hörkraft zu retten. Obwohl er nur tiefe Töne wahrnimmt, geht er aus, trifft sich mit Freunden. Vier Monate sind seit dem Vorfall in Kalifornien vergangen, als er von einem Männerabend in seine Bülacher Wohnung zurückkehrt. Trotz des 3500 Franken teuren Hörgeräts hat er kaum einen Satz verstanden. Er weint, betet zu Gott und tippt Worte der Verzweiflung in den Computer. Er schreibt vom Druck und dem ständigen Pfeifen in seinem Kopf, von der Qual, nicht einmal zu wissen, wie laut er spricht.

«Es macht mich voll fertig, nur noch ein Minimum von allem zu erfahren. Praktisch nichts verstehen zu können, ist so schlimm. Man hat das Gefühl, dass das Leben an einem vorbeizieht – und so ist es auch. Ich habe Angst zu vereinsamen.»

Mehrmals unterbricht er seine Schreibarbeit – zu sehr schmerzt sein Kopf. Nach drei Tagen schickt er die drei A4-Seiten lange Mail seinen Freunden.

Um sich abzulenken, unternimmt Hsu Tagesausflüge. Er fährt auf den Uetliberg, den Dolder, streift durch die Stadt und schlendert den Zürichsee entlang. Wellen schlagen gegen die Steine am Ufer, ohne zu plätschern, Drahtseile wickeln sich um Schiffsmasten, ohne zu klirren, und Möwen schiessen über seinen Kopf hinweg, ohne zu schreien. Überall junge, gesunde, gut aussehende Menschen. Vor dem Chinagarten stemmt ein Vater sein Kind in die Höhe, und beide reissen ihre Mäuler auf. Zum ersten Mal in seinem Leben empfindet Hsu ein Gefühl von Neid. Vor seiner Krankheit fühlte er sich selbstbewusst: Er war ein gebildeter, sportlicher junger Mann mit Perspektiven. Jetzt ertragen seine Augen nur noch die Sicht auf den See.

«Hinter jedem Türchen ein aufmunternder Spruch»

Es sind die kleinen Freuden des Lebens, an denen sich Hsu festhält. Abends, wenn er nach Hause kommt und die Leere der Wohnung ihn an die ungewisse Zukunft denken lässt, notiert er die Glücksmomente des Tages:

«Die feuchte Luft in meinem Gesicht gespürt; am Warenmarkt in Bülach geschmolzenen Käse, gedünstete Zwiebeln und gebrannte Mandeln gerochen; einen guten Film mit Untertiteln geschaut; einen Adventskalender meiner ehemaligen Schüler erhalten – hinter jedem Türchen ein aufmunternder Spruch.»

Hsu lernt das Alleinsein schätzen. Er beginnt, Bücher zu lesen, in guten Speiselokalen zu essen und die Schönheit der Natur zu geniessen. Doch er sucht auch die Nähe seiner Freunde.

Der Lärm will nicht raus

Einmal trifft er sie abends in einer Zürcher Bar, um gemeinsam ein Fussballspiel zu schauen. Auf dem Weg durch die Stadt überquert er Strassen, vollgestopft mit Autos, still und leuchtend, als wäre die Stadt eine Kathedrale. Vor der Bar bleibt er stehen. Drinnen sieht er Menschen, dicht aneinandergedrängt, die Scheiben scheinen vor Leben zu vibrieren. Er drückt die Tür auf, doch der Lärm will nicht raus.

Er tritt in die Stille, pflügt sich zwischen Schultern hindurch. Eine Hand landet auf seinem Nacken, neben ihm steht einer seiner Freunde. Dessen Mund öffnet sich weit und formt sich zu einem Lächeln. Auf seinem Arm spürt Hsu eine andere Hand, noch ein Lächeln taucht vor ihm auf, immer mehr. Er schwenkt seinen Kopf, so langsam, als trage er einen zehn Kilogramm schweren Helm. Hsu ist umringt von strahlenden Gesichtern. Er lächelt zurück. «Nein, ich verstehe nichts», sagt Hsu. Von manchen Gesichtern schwindet das Lächeln, sie drehen sich ab, wenden sich ihm wieder zu, Münder gehen wieder auf. «Ich verstehe wirklich nichts», wiederholt Hsu: «Nein, gar nichts.» Einem Freund hält er einen Notizblock hin, den er nun immer bei sich trägt. Schön, dass du kommen konntest, schreibt dieser. Andere kramen ihr Handy hervor und tippen Sätze ein, die sie ihm auf den Bildschirmen zeigen. Einer demonstriert, was er kürzlich in Gebärdensprache gelernt hat. Er mimt einen Geigenspieler und schreibt ins Notizbuch: Das bedeutet Langeweile in Gebärdensprachen-Slang. Hsu lacht. Die Blicke seiner Freunde richten sich auf den Bildschirm. Das Fussballspiel beginnt. Die Masse rückt noch näher zusammen, während Hsu sich in eine Ecke zurückzieht.

Gerät wandelt Geräusche in Signale um

Von seinen Ärzten erfährt Hsu, dass ihm nur noch eine einzige Chance bleibt, wenn er je wieder hören möchte. Seine Chance heisst Cochlea-Implantat, kurz CI. Ein Gerät, das in seinem Kopf eingebaut wird und Stimmen wie Geräusche in digitale Signale umwandelt. Die Signale werden vom Hörnerv zum Hirn weitergeleitet und dort als akustische Information erkannt.

Er willigt in den Eingriff ein. Obwohl er weiss, dass ein Risiko besteht und das Immunsystem das Implantat auch abstossen könnte. Als er aus der Narkose erwacht, ist das CI in seinem Kopf eingebettet. Um Platz zu schaffen, fräste der Arzt einen Teil des Schädelknochens weg.

Den Tag, an dem ihm Ärzte hinter dem Ohr einen Sprachprozessor anbringen, wird Hsu nie vergessen. In seinen dunklen, dichten Haaren ist das Gerät kaum zu erkennen. Der Prozessor überträgt die Geräusche auf das Implantat und bleibt durch dessen Magnetfeld am Schädel kleben. Mit einem Griff kann Hsu seine Hörhilfe entfernen oder je nach Geräuschkulisse vier verschiedene Filter einstellen.

Seine Audioagogin schaltet den Prozessor ein. Alles, was er hört, ist ein Piepsen. «Immerhin etwas», geht ihm durch den Kopf. Sie schaut ihm in die Augen, öffnet ihren Mund, und aus dem Piepsen und Rauschen lösen sich einzelne Wortfetzen, die sich zu Sätzen formieren und einer Computerstimme gleich in sein Bewusstsein gelangen.

Jedes Ding hat ein Geräuschchen

Die Audioagogin programmiert seinen Sprachprozessor, und er versteht immer besser. Hsu öffnet eine PET-Flasche Mineralwasser. Er hört das Plastik des Deckels knistern, die Luft entweichen, das Zischen, das Sprudeln, das Plätschern, auf einmal tönt alles um ihn herum. «Aus jedem Ding entweicht ein Geräuschchen», sagt Hsu entzückt.

Viele Geräusche bleiben ihm aber verschlossen. Ton um Ton muss er sich in Trainings bei seiner Audioagogin erarbeiten. Während er wegschaut, zerknüllt sie Alufolie und Papier – oder tippt mal mit Holz, mal mit ihren Fingern auf den Tisch. Da er vergleichsweise kurze Zeit taub war und intelligent ist, kann sein Gehirn die Geräusche schnell wiedererkennen.

Seine Audioagogin erhöht die Schwierigkeitsstufe und spricht ihm einen Satz mit den Wörtern «Uhr» und «Ohr» vor. Hsu kann die Wörter unterscheiden. Schwieriger ist die Übung, als seine Audioagogin das Fenster öffnet und Strassenlärm ins Zimmer dringt. Musik hören, fernsehen oder sich in einer Bar mit Menschen unterhalten, wird für ihn immer eine Herausforderung bleiben. Zwei Monate später erhält er ein CI für das andere Ohr. Seine beiden Sprachprozessoren, die je 13 000 Franken kosten, zieht er ab, wenn er Sport treibt oder die Batterien wechseln muss. Nachts trägt er sie nie – auch nicht beim Staubsaugen.

1988 erhielt Hans-Jörg Studer als einer der Ersten ein Cochlea-Implantat. Heute präsidiert er die Interessengemeinschaft der CI-Patienten und gibt zu bedenken, dass sich nicht alle so gut rehabilitieren wie Hsu. Belastend für Hörbehinderte sei, dass sie nicht nur andere, sondern auch sich selbst nicht mehr hören – und dadurch die Kontrolle über ihr gesprochenes Wort verlieren. Mal sprechen sie zu laut, mal zu leise, ihre Stimme verändert sich, und manche werden deshalb für dumm gehalten.

Zurück im Klassenzimmer

Sieben Monate nach dem Eingriff läuft Hsu im Schulzimmer der Kantonsschule Zürich Birch in Oerlikon auf und ab. Es ist der Tag, an dem er eineinhalb Jahre nach seiner Erkrankung wieder unterrichten darf. Er fragt sich, ob er hier sein sollte. Ob seine Krankheit nicht ein Zeichen war, den falschen Beruf gewählt zu haben. Was, wenn er seine Schüler nicht richtig hört, wenn er seinen geliebten Beruf noch einmal aufgeben muss? Endlich geht die Tür auf. Die ersten Schüler schlurfen zu ihren Plätzen. In der Ecke nimmt Christian Platz: der Freund, mit dem er durch Kalifornien reiste, und der ihn als Praktikumslehrer beim Wiedereinstieg begleitet.

Hsu tippt auf seinen Laptop. Auf der Leinwand hinter ihm erscheint sein Porträt. Unter dem Foto steht: Bitte laut und deutlich sprechen. Die zweite Slide zeigt Nordamerika, die dritte die Sierra Nevada, die nächste Kalifornien. Hsu will wissen, wie die drittgrösste Stadt in diesem Bundesstaat heisst. Eine Schülerin wirft ihre Hand in die Höhe und sagt fälschlicherweise: Phoenix. Für einen Sekundenbruchteil glaubt Hsu, nicht gut gehört zu haben. Er grinst – und gibt seiner Schülerin noch einen Versuch.

Erstellt: 21.02.2011, 19:58 Uhr

Artikel zum Thema

Dank dem gehörlosen Kollegen hören alle besser zu

Ein Thalwiler Architekturbüro ist für die Integration eines Hörbehinderten ausgezeichnet worden. Die Mitarbeiter büffeln nun einmal pro Woche Gebärden und kommen zu überraschenden Einsichten. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Hochwasseralarm: Touristen im Gänsemarsch auf einem Laufweg auf dem Markusplatz in Venedig. (13. November 2019)
(Bild: Stefano Mazzola/Getty Images) Mehr...