Angst macht jeden achten Europäer krank

Wer sich fürchtet, lebt länger. Verselbstständigt sich jedoch Angst, raubt sie Betroffenen die Lebensfreude. Was hilft?

Igitt, eine Spinne! Phobiker reagieren bei diesem Anblick mit extremer Angst. Foto: iStock

Igitt, eine Spinne! Phobiker reagieren bei diesem Anblick mit extremer Angst. Foto: iStock

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Alle Wirbeltiere verspüren Angst. Mäuse fürchten sich vor Katzen, Antilopen vor Löwen und Menschen vor kleinen und grossen Tieren, Dunkelheit, Höhe, Aufzügen, Schmerzen und noch vielem mehr. Die Empfindung ist nicht umsonst so universell und umfassend: Denn wer sich fürchtet, lebt länger. «Angst hilft uns, Gefahren aus dem Weg zu gehen», sagt Michael Rufer, Chefarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich.

Bei manchen Menschen gerät dieser natürliche Schutzmechanismus aber ausser Kontrolle. Wer beim Anblick einer Spinne erstarrt, Herzrasen bekommt und nach Luft schnappt, reagiert mit extremer Angst. Die steht freilich in keinem Verhältnis zur realen Situation. Viele Spinnenphobiker wissen, dass ihre Angst unbegründet ist – vor allem in Europa, wo es keine gefährlichen Spinnen gibt. Sie können die Angst dennoch nicht abstellen, meiden Keller und Wiesen und gehen nicht zelten.

Häufige psychische Störung

Ärzte sprechen in solchen Fällen von einer Angststörung. Die Angst ist unverhältnismässig stark, zu häufig und dauert zu lange an. Angststörungen sind die häufigste psychische Erkrankung: 14 Prozent der europäischen Bevölkerung, also mehr als 61 Millionen, erkranken daran. Unterschieden wird zwischen Phobien, die objekt- oder situationsbezogen sind, also etwa Platzangst oder die Angst vor Spinnen, und ungerichteten Angststörungen wie Panikattacken oder der generalisierten Angststörung, bei der man sich pausenlos sorgt.

«Oft vermeiden Betroffene die angstauslösende Situation, was das Berufs- und Privatleben sehr einschränken kann», erklärt Rufer. Wenn jemand etwa Angst hat, vor Publikum zu sprechen, dies im Beruf aber regelmässig tun müsste. Oder wer die erste Panikattacke im Kino erlebt und von nun an auch Theater, Konzerte und Supermärkte meidet. «Bei manchen Patienten beherrscht die Angst den Alltag. Der Leidensdruck ist dann sehr hoch», sagt Katharina Domschke, Leiterin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Freiburg im Breisgau.

Als Überlebenshilfe gedacht

Die körperlichen Symptome, die mit starker Angst einhergehen, helfen uns beim Überleben: Hält uns jemand ein Messer an die Kehle oder begegnen wir einem zähnefletschenden Raubtier, versetzt das unseren Körper schlagartig in höchste Alarmbereitschaft. Das Stresshormon Adrenalin flutet den Körper, die Blutgefässe verengen sich, das Herz pumpt schneller, die Muskeln spannen sich. Das alles mit nur einem Ziel: Der Körper ist nun maximal aufmerksam und leistungsfähig, um entweder zu kämpfen oder zu fliehen.

Passiert das aber in einem Lift, in der Warteschlange oder sogar aus dem Nichts heraus, ist das entsetzlich anstrengend. Auch schwächere Angstreaktionen sind auf Dauer zermürbend. Aber warum verselbstständigt sich die Angst bei manchen Menschen überhaupt?

«Es sind immer mehrere Faktoren beteiligt», sagt Katharina Domschke. Die Ursachen für die Entstehung einer Angststörung sind also vielschichtig. So spielen zunächst einmal biologische Faktoren eine Rolle. Forscher des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig zeigten 2017, dass die Angst vor Spinnen und Schlangen in uns angelegt sein könnte: Bereits sechs Monate alte Babys reagierten auf Fotografien dieser Tiere mit Stress, auf Bilder von Blumen und Fischen hingegen nicht.

«Die Angst wird dabei zwar nicht gelöscht, aber man lernt einen neuen Umgang mit ihr.»Michael Rufer, Chefarzt Psychiatrische Uniklinik Zürich.

Forscher interpretieren das als evolutionäres Erbe: Da die Angst vor Schlangen und Spinnen in unserer Stammesgeschichte einen Überlebensvorteil bot, reagieren heute noch viele empfindlich auf die Tiere. Experten sprechen auch von der «biologischen Bereitschaft», eine bestimmte Angst zu entwickeln. «Es gibt auch Belege dafür, dass eine Angst vor Spinnen schneller gelernt wird als eine Angst vor Steckdosen, die evolutionsbiologisch betrachtet eine sehr junge Gefahr darstellt», sagt die Psychologin Johanna Lass-Hennemann von der Universität des Saarlandes.

Auch Affen zeigen diese Bereitschaft: Rhesusaffen, die in Gefangenschaft grossgezogen werden, haben keine Angst vor Schlangen. Beobachten sie aber Artgenossen, die sich vor Schlangen fürchten, übernehmen sie die Angst sehr schnell. Sie lernen hingegen nicht, sich vor Blumen oder Kaninchen zu fürchten.

Beim Menschen hat sodann auch das Lernen einen erheblichen Einfluss auf die Entstehung von Angststörungen: Beobachtet ein Kind die ängstliche Reaktion der Mutter auf einen Hund, übernimmt es diese womöglich. «Es ist ein Unterschied, ob ein Kind lernt, dass es immer vorsichtig sein soll, weil die Welt gefährlich ist und an jeder Ecke Gefahr lauert, oder ob es lernt, dass es sich meistens sicher fühlen und Ängste überwinden kann», sagt der Zürcher Psychiater Rufer.

Darüber hinaus spielen auch Umweltfaktoren eine Rolle: Die Scheidung der Eltern, Missbrauch, aber auch persönliche Erfahrungen: Wurde man als Kind von einem Hund gebissen, kann das eine Angststörung auslösen. Die Kopplung an bestimmte Lebensereignisse ist gerade für Panikstörungen typisch: finanzielle Probleme, Arbeitsplatzverlust, Tod der Eltern. «Aber auch die Geburt eines Kindes oder eine Beförderung können Auslöser sein. Denn damit steigt die Verantwortung», erklärt die Freiburger Expertin Domschke.

Gut behandelbar

Erfreulicherweise lassen sich Angststörungen aber sehr gut behandeln, wie Psychiatrie-Chefarzt Rufer erklärt: «Für spezifische Phobien liegt die Erfolgsquote bei bis zu 90 Prozent. Selbst bei der generalisierten Angststörung, die am schwierigsten zu therapieren ist, liegt die Erfolgsquote bei 60 bis 70 Prozent.»

Als etablierte Standardbehandlung gilt dabei die «kognitive Verhaltenstherapie»: Betroffene lernen, wie Ängste entstehen und warum sie nicht wieder verschwinden wollen. Die Patienten müssen daraufhin ihren eigenen Alltag analysieren und die angstauslösenden Situationen identifizieren. Herzstück der Therapie sind Konfrontationsübungen: Betroffene begeben sich wiederholt in die Angstsituation, etwa in einen Lift. Sie lernen dabei, dass sie die Situation durchstehen und die Ängste regulieren können. «Die Angst wird dabei zwar nicht gelöscht», sagt Rufer, «aber man lernt einen neuen Umgang mit ihr, was die Angst dann reduziert.»

Letzte Option: Medikamente

Ist die Angststörung ausgeprägt und kommen andere Probleme wie Depressionen hinzu, werden auch Medikamente eingesetzt. «Viele Patienten kommen erst nach Jahren. Oft haben sie versucht, ihre Angst mit Alkohol oder Beruhigungsmitteln zu bekämpfen. Das macht die Behandlung komplizierter», sagt Rufer. «Aber auch Patienten, die seit langem an einer Angststörung leiden, haben gute Chancen, von der Therapie zu profitieren.»

Erstellt: 30.09.2018, 17:55 Uhr

Habe ich eine Angststörung – und was kann ich dagegen tun?

Sind Sie unsicher, ob Sie an einer Angststörung leiden, helfen Ihnen folgende Fragen weiter:


  • Ich denke die meiste Zeit des Tages über meine Ängste nach.

  • Meine Lebensqualität ist wegen meiner Ängste deutlich eingeschränkt.

  • Wegen meiner Ängste werde ich immer depressiver.

  • Ich bekämpfe meine Ängste mit Alkohol, Beruhigungstabletten oder Drogen.

  • Wegen meiner Ängste ist meine Partnerschaft in Gefahr.

  • Wegen meiner Ängste habe ich Probleme im Beruf oder bin sogar arbeitslos.


Wenn Sie eine oder mehrere dieser Fragen mit Ja beantworten, sollten Sie einen Arzt aufsuchen.

Man kann aber auch selbst einiges tun gegen die Angst:

  • Nehmen Sie Ihre Empfindungen ernst. Versuchen Sie herauszufinden, wie sehr die Angst Ihren Alltag beherrscht und Sie einschränkt.

  • Informieren Sie sich über die Erkrankung.

  • Sorgen Sie für Entspannung in Ihrem Alltag, etwa mit Yoga, autogenem Training oder Übungen zur progressiven Muskelentspannung.

  • Bewegen Sie sich regelmässig.

  • Wichtig zu wissen: Eine Panikattacke geht vorbei und hinterlässt keine Organschäden.


Buchempfehlung: Michael Rufer, Heike Alsleben und Angela Weiss: Stärker als die Angst. Ein Ratgeber für Menschen mit Angst- und Panikstörungen. Hogrefe, 2.16.

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