Hintergrund

Anna hungerte, um für Freier weniger attraktiv zu sein

Die Tschechin Anna wurde in der Schweiz zur Prostitution gezwungen. In einem Dokumentarfilm spricht sie über ihr Schicksal – und gibt den Opfern des Menschenhandels ein Gesicht.

Anna (links) reckt auf dem Breithorn den Arm in die Höhe und umarmt Regisseurin Chantal Millès.

Anna (links) reckt auf dem Breithorn den Arm in die Höhe und umarmt Regisseurin Chantal Millès. Bild: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Anna ist 19 und verliebt. Ihr Freund verspricht der Tschechin eine Arbeit in einer Produktionsfirma für orthopädische Artikel. Er lernt ihre Familie kennen, sie ist voller Hoffnung. Als das Paar in die Schweiz zurückfährt, zeigt er kurz vor der Grenze sein wahres Gesicht. Er nimmt der jungen Frau den Pass ab, sie muss ab sofort seinen Befehlen gehorchen. Anna ist verzweifelt, hat keine Ahnung, wo sie sich befindet. Im Welschland wird sie zur Prostitution gezwungen. Das war vor 14 Jahren.

Anna ist eines von Dutzenden von Opfern des internationalen Menschenhandels. Die Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration in Zürich betreute vergangenes Jahr 209 Fälle – so viele wie noch nie. 2004 lag die Zahl noch bei 85.

Anna ist aber auch die Protagonistin im neuen Dokumentarfilm «Anna in Switzerland» von Chantal Millès und Daniel Howald. Millès hat den Film am Samstag im Rahmen der «Woche gegen den Menschenhandel» als Vorpremiere im Pfarreizentrum Liebfrauen gezeigt. Zum Thema Menschenhandel würden sich meist nur Experten äussern, sagt Millès. Die betroffenen Frauen kämen nur am Rande der Gerichtsverfahren vor. «Mir ging es darum, mich einmal auf das Opfer zu konzentrieren und die traumatischen Folgen des Erlebten zu zeigen.»

Wie ein Stück Fleisch behandelt

Im Film erzählt Anna, wie sie mit einer in den Mund gehaltenen Pistole zur Prostitution gezwungen wird. Wie sie von Männern wie ein Stück Fleisch präsentiert und an den Meistbietenden verkauft wird. Wie ihre Peiniger sie bei einem Fluchtversuch an den Haaren zurückziehen und immer wieder schlagen. Wie sie nur noch wenig isst in der Hoffnung, dadurch für Freier unattraktiv zu werden, und zur Nahrungsaufnahme gezwungen wird.

Nach mehreren Monaten gelingt Anna dank einer Helferin die Flucht. Doch das Schlimmste erlebt sie nach dem eigentlichen Martyrium: «Ein Opfer zu sein, und niemand der glaubt, dass ich trotzdem noch Träume haben kann», sagt Anna.

Äusserst leidvoll ist für sie auch die fehlende Unterstützung ihrer Eltern. Sie verweigern das Gespräch, blocken ab. Das Stigma sei eine grosse Bürde. Diese werde sie ein Leben lang mit sich herumtragen, sagt Anna. An eine normale Sexualität ist für die ehemalige Zwangsprostituierte nicht zu denken. «Nur schon in der Nähe von Menschen habe ich mich geekelt», sagt Anna. Immer habe sie versucht, sich vom Erlebten zu lösen und Kopf und Geist zu trennen. Doch es gelingt ihr nicht.

Der Justiz stellt Anna ein schlechtes Zeugnis aus. Sie fühlt sich von ihr im Stich gelassen. «Es wäre einfacher gewesen für mich, eine Truppe mit Leuten zusammenzustellen», sagt Anna. «Selbstjustiz?», fragt Regisseurin Millès. Dies sei politisch nicht korrekt. «Wer am Boden liegt und ständig Schläge einsteckt, wird politisch unkorrekt», sagt Anna.

Sie versuchte, die Täter anzuzeigen. Doch das Vorhaben scheiterte aus Furcht von Racheakten an ihren Eltern. Diese waren nicht bereit, das angestammte Umfeld aus Sicherheitsgründen zu verlassen. Was sie heute gegenüber ihren Peinigern empfinde, will Millès wissen. «Nichts», sagt Anna.

Der Film strahlt auch eine hoffnungsvolle Botschaft aus. Annas lang gehegter Wunsch, als Sozialarbeiterin tätig zu sein, erfüllt sich. Sie arbeitet in einem Heim mit autistischen Kindern. Und am Ende des Films – nach einer gemeinsamen Reise durch die Schweiz mit Regisseurin Millès – bezwingt Anna nicht nur symbolisch, sondern ganz real einen hohen Berg, das Breithorn mit einer Höhe von 4164 Metern.

Strichplatz löst Probleme nicht

Der Fall von Anna sei durchaus typisch, sagte Markus Gähwiler in der anschliessenden Podiumsdiskussion. Gähwiler ist bei der Stadtpolizei Zürich tätig und Mitglied der Interpol-Arbeitsgruppe gegen Menschenhandel. Sechs Fälle von Menschenhandel sind bei der Stadtpolizei Zürich zurzeit in Arbeit. In der jüngeren Vergangenheit haben Gerichte Hintermänner des Menschenhandels teils zu hohen Haftstrafen verurteilt. Das Zürcher Obergericht sprach im vergangenen Sommer für einen Zuhälter eine Haftstrafe von 14 Jahren aus.

Die Stadt Zürich versucht mit einer neuen Prostitutionsgewerbeverordnung und dem kürzlich in Betrieb genommenen Strichplatz sowohl die Prostituierten als auch die Wohnbevölkerung zu schützen. Mit dem Strichplatz sei der Menschenhandel aber nicht einfach verschwunden, sagt Gähwiler. Seien die Zuhälter früher am Sihlquai nahe den Prostituierten gestanden und hätten das erwirtschaftete Geld direkt eingetrieben, bewegten sie sich heute diskret im Hintergrund. Manchmal hielten sie sich in einem anderen Kanton oder im Ausland auf.

Um die Prostituierten zu kontrollieren, setzen sie auch Frauen ein. Gähwiler beobachtet auch noch andere Veränderungen seit der Schliessung des Sihlquais: Frauen arbeiten vermehrt in Escort-Services oder Bordellen. Dies erschwert der Polizei die Kontrollmöglichkeiten und den Kontakt mit den Frauen.

Ausstiegswillige Prostituierte

Diese Beobachtung stützen auch die jüngsten Zahlen des Zürcher Amts für Wirtschaft und Arbeit. In der ersten Hälfte dieses Jahres haben sich laut einem Bericht der «NZZ am Sonntag» doppelt so viele Rumäninnen und Bulgarinnen als Prostituierte in Bordellen angemeldet als im ersten Halbjahr 2012. Die Zahl der auf dem Strassenstrich arbeitenden Frauen, die mehrheitlich aus Ungarn stammen, stagniert dagegen.

Schärfere oder neue Gesetze braucht es laut Gähwiler nicht, um den Menschenhandel zu bekämpfen. «Wir brauchen aber mehr geschultes Personal und Fachleute.» Die Arbeit von Gähwilers Team und seinen in Zivil arbeitenden Polizisten erfordert Geduld. «Zuerst stellen die angesprochenen Prostituierten Probleme in Abrede.» Erst mit der Zeit würden sie sich öffnen und Vertrauen gewinnen. Durchschnittlich eine Frau pro Woche bewegen die Polizisten zum Ausstieg.

Die Aktionswoche «Die Schweiz gegen Menschenhandel» dauert vom 18. bis zum 25. Oktober. Der Film «Anna in Switzerland» ist unter anderem heute Abend im Kino Cineboxx in Einsiedeln und im Frühjahr in den Kinos zu sehen. Infos: www.18oktober.ch

Erstellt: 21.10.2013, 06:56 Uhr

Artikel zum Thema

«Für die Prostituierten ist das sicher keine Verbesserung»

Die Stadt vertreibt Sexsalons aus dem Langstrassenquartier. Wohin sich das Milieu nun verlagert, können selbst Fachpersonen nicht abschätzen. Sicher ist nur, dass die Frauen so in neue Abhängigkeiten geraten. Mehr...

Mit Liebesgesäusel umgarnt und mit Gewalt zur Prostitution gezwungen

Mindestens sechs Prostituierte soll ein Zuhälter aus Ungarn über Jahre in Zürich ausgebeutet haben. Gestern musste sich der 35-Jährige vor dem Bezirksgericht dafür verantworten. Mehr...

Strassenprostitution nur noch an drei Orten

Im August 2013 soll der neue Strichplatz in Altstetten seine Tore öffnen. Ab dann dürfen Dirnen nur noch dort, in der Brunau und im Niederdorf anschaffen. Und: Sie müssen volljährig sein. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Spielvergnügen: Kinder spielen in einem 20'000 Quadratmeter grossen und zwei Kilometer langen Maislabyrinth bei «Urba Kids» in Orbe, Waadt. (22. August 2019)
(Bild: Laurent Gillieron) Mehr...