Apple, bei dir piepts wohl!

Das iPhone erfasst nun alle möglichen Gesundheitsdaten, von der Menstruation bis zur sexuellen Aktivität. Das ändert alles.

Neuerdings interessiert sich das iPhone nicht nur für unseren Blutdruck, sondern für alle möglichen Gesundheitsdaten.

Neuerdings interessiert sich das iPhone nicht nur für unseren Blutdruck, sondern für alle möglichen Gesundheitsdaten. Bild: Steve Marcus/Reuters

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Ich mag mein iPhone wirklich, diese elegante Fusion aus Funktionalität und Design. Und ich behandle es auch ganz sorgsam, damit ich nicht schon wieder mit gesprungenem Glas im Apple-Store aufkreuzen muss. Erst kürzlich etwa verteidigte ich es wie mein Erstgeborenes, als einer im Speisewagen seinen Tee über den ganzen Tisch vergoss. Worauf mein iPhone lag. Falls sich nun der hohe Vertreter eines Bundesamtes Sorgen um seine Haftpflichtversicherung macht, weil er mir wegen eines möglichen Wasserschadens mürrisch seine Visitenkarte aushändigen musste: Mein Telefon ist heil! Und dennoch mache ich mir Sorgen um mein iPhone.

Was ganz entschieden mit dem jüngsten Update zu tun hat. Danach blieb ich nämlich ziemlich lange an der Health-App hängen, die ich eigentlich ganz praktisch finde, weil sie einen Schrittzähler hat. Und die man auch gar nicht ignorieren kann: Health ist eine der wenigen vorinstallierten Apps, die sich nicht löschen lassen. Nach dem jüngsten Update gibt es da kleine Animationsfilmchen, die einen zu mehr Achtsamkeit gegenüber sich selbst auffordern. Etwa durch bewusstes Atmen («Siehst du? Du fühlst dich gleich besser»).

Schmierblutung, Menstruation?

Etwas seltsam fand ich hingegen die Rubrik «Reproduktionsmedizin», worin man alles (Un-)Mögliche eintragen kann. Nicht nur Angaben zur «sexuellen Aktivität», sondern auch zur Menstruation, zur Schmierblutung und zum Zervixschleim. Was mich als Mann etwas ins Grübeln brachte. Und mich auch daran zweifeln liess, ob Health wirklich dazu geeignet ist, mein Leben zu verbessern.

Etwas mehr Bewegung, gesünder essen, besser schlafen und sich Zeit für sich nehmen: So ginge das mit dem richtigen Leben. Sagt Health. Ich hingegen war eher überfordert, als ich sah, dass man allein in der Rubrik «Ernährung» vierzig Angaben erfassen kann – von den Ballaststoffen und den «einfach ungesättigten Fetten» hin zum Molybdän, der Pantothensäure und dem Riboflavin, das man mit der Nahrung aufnimmt. In einer anderen Rubrik kann man die «elektrodermale Aktivität», die «forcierte Vitalkapazität» und den «peripheren Perfusionsindex» eintragen. Hallo Apple, bei dir piepts wohl? Ich wollte ein Telefon und kein Medizinstudium!

Nach längeren Gesprächen mit Apples Assistentin Siri, in denen ich mir die einzelnen Health-Begriffe nachschlagen liess, begann ich mich zu fragen, ob ich einfach etwas spiessig bin, dass ich die Frequenz meiner sexuellen Aktivitäten nicht einer Datenkrake wie Apple anvertrauen will. Vielleicht unterhalten die coolen Leute von heute Pärchenaccounts, mit denen sie ihre Angaben synchronisieren und so die Beziehungsgespräche auf ein ganz neues Level schrauben? («Du Schatz, ich habe in Health gesehen, dass deine Basaltemperatur und deine Schmierblutung...» – «Jetzt hör mal auf, ich will kein Kind von einem Mann, der so wenig Riboflavin zu sich nimmt, du Mangan-Junkie!»)

Oder ist die App nur die Aufforderung an den modernen Mann, sich zu optimieren oder sich in Sachen Geschlecht etwas flexibler zu zeigen? Vielleicht muss ich ja bald zur Tour de France, wenn mein «Peak Flow» sowie meine «Einsekundenkapazität FEV1» mit derjenigen von Chris Froome rivalisiert? Oder ich werde als Model nach Paris weggecastet, wenn ich meine «mageren Körpermasse» optimiere und das mit dieser Menstruation irgendwie doch noch hinkriege! Wenn Sie also demnächst hören, dass ein Schweizer alle Radrennen dieser Welt gewinnt oder die weiblichen Supermodels vom Laufsteg wegbitcht: Das bin dann wohl ich. Oder das, was Apples Health aus mir gemacht hat. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.10.2016, 20:53 Uhr

Ein Apple-Laden in Zürich stellt ein neues iPhone zum Verkauf. (25. Oktober 2013)

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