«Bei uns schlafen Schreikinder nach einer Woche meist durch»

Dietmar Langer behandelt Familien mit Schlafproblemen. In heiklen Momenten schickt der Psychologe Eltern auch mal weg.

Während des Trainingsprogramms wird tagsüber die Bindung gestärkt, damit es dem Kind am Abend leichterfällt, sich zu trennen und einzuschlafen. Foto: Getty Images

Während des Trainingsprogramms wird tagsüber die Bindung gestärkt, damit es dem Kind am Abend leichterfällt, sich zu trennen und einzuschlafen. Foto: Getty Images

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Herr Langer, Sie leiten in Deutschland eine Klinik, in der Eltern und Kinder ein dreiwöchiges Schlaftraining absolvieren. In welchem Zustand kommen diese Familien bei Ihnen an?
Sie sind alle völlig verzweifelt und am Ende. Zu der tiefen Erschöpfung kommt meist noch ein quälendes Versagensgefühl aufseiten der Eltern. Es kommen oft Familien, bei deren ersten beiden Kindern alles wunderbar rundlief, aber beim dritten klappt das, was bislang klappte, hinten und vorne nicht.

Weshalb nicht?
Weil das dritte Kind vielleicht eine schwierige Geburtssituation und ein damit verbundenes hohes Stresslevel hatte, das sich nicht abbaut. Die Eltern versuchen es dann mit «Mehr desselben». Noch mehr kümmern. Noch mehr Milch aufwärmen nachts um drei. Das Kind kann trotzdem nicht schlafen. Es geht nur mehr um das kranke Kind, die gesunden Geschwister fallen hinten runter.

Welche Probleme haben die Kinder?
Wir behandeln chronische Störungen, Schlafen, Essen, Regulation – die sogenannten Schreikinder. Auch Asthma und Neurodermitis. Kinder, bei denen der Arzt nichts findet, die dann aber trotzdem viel schreien, nicht schlafen, eine Fütterstörung haben. Bei den Jugendlichen dann chronische Kopf- und Bauchschmerzen bis hin zur Unfähigkeit, die Schule noch zu besuchen. Solche Kinder fallen im Gesundheitssystem meist durch alle Maschen.

«Kinder spiegeln in erster Linie, was bei den Eltern los ist.»

Das Besondere an Ihrer Klinik ist, dass das Kind nie allein kommt.
Ich würde bei chronischen Stressbildern immer sagen: Ein Kind isoliert therapieren zu wollen, funktioniert nicht. Kinder spiegeln in erster Linie, was bei den Eltern los ist.

Das Ganze ist also ein familientherapeutisches Modell?
Genau. Wir arbeiten sehr intensiv an der Beziehung zwischen Eltern und Kind. Regelmässig gemeinsam essen. Bei Schreikindern aus der Spirale aus Geschrei und Erschöpfung oder Wut herausfinden. Und ganz zentral ist unser Schlaftraining, das primär die Mutter oder den Vater betrifft.

Was trainieren Sie mit den Eltern?
Erst mal schauen wir der Bezugsperson zwei, drei Tage in ihrem Alltag mit dem Kind zu. In der Zwischenzeit machen wir die Anamnesen, wir lernen uns gegenseitig kennen. Es gibt währenddessen schon Vorträge über Grundstrukturen. Wie ticken Kinder? Was haben wir überhaupt vor? Dann gibt es ein Vorgespräch zum Schlaftraining. Ganz zentral ist das klare Ritual mit einem festen Anfangs- und Endpunkt. Das kann ein Lied sein, Vorlesen, Kuscheln. Um damit zum Einschlafen überzuleiten. Dann verabschiedet sich die Bezugsperson von ihrem Kind, solange es noch wach ist. Und ab da ist die Nachtschwester zuständig.

Das Kind schreit, und die Mutter soll weggehen?
Ja. Da die Eltern in dem chronischen Stress ihres Kindes mitgefangen sind, Ängste haben, Aggressionen oder Unsicherheit empfinden, sind sie nicht in der Lage, das Ritual entspannt zu Ende zu führen. Stattdessen kommen sie dabei in ihre eigenen emotionalen Muster aus Frustration oder Wut. Also übernehmen wir diesen Part zeitweise für die Eltern. Das ist für die meisten Eltern der allerschwerste Moment in all den Wochen.

Und in der Nacht?
Wenn sich das Kind meldet, geht die Schwester hin und schaut, ob es ein akutes Bedürfnis hat. Wenn es sich im Bettzeug verheddert hat, wird ihm natürlich geholfen. Nur: Zum Schlaf gehört in erster Linie der Schlaf. Bei diesen Kindern haben sich aber im Lauf des chronischen Stresses oft völlig chaotische Muster aufgebaut. Jede Stunde wach werden, dann ein Fläschchen, um zwei eine Runde spielen, um drei ins Elternbett, wo das Theater weitergeht. Genau dieses Theater liefert die Nachtschwester ihm nicht.

Und wenn das Kind lauthals protestiert?
Damit geht die Schwester ruhig und gelassen um. Dann kann das Kind sich auf deren flaches Stressmass einpendeln. Im Schnitt schlafen die Kinder nach sechs bis acht Tagen durch – und sind ab dem Moment auch tagsüber anders. Weil sie erholt sind, sind sie auch entspannter und verhalten sich viel kooperativer. Das Gleiche gilt für die Bezugsperson.

Reicht es also, wenn die Eltern standhaft bleiben?
Man muss konsequent sein, aber liebevoll. Wir machen deshalb sehr viel Entspannung mit den Kindern und ihren Eltern. Snoezelen zum Beispiel.

«Wir stärken tagsüber die Bindung, dann fällt es dem Kind auch leichter, sich am Abend zu trennen.»

Was ist das?
Das Wort kommt aus den Niederlanden. Es ist eine Mischung aus dösen und kuscheln – in einem weissen Raum mit sanft wechselndem Licht, entspannter Musik und Kuschelkissen. Die Eltern gehen mit dem Kind in diesen Snoezelenraum und haben nur die Aufgabe, innerlich zur Ruhe zu kommen. Auf diese echte Entspannung der Eltern reagiert das Kind, es kann dann plötzlich Nähe viel besser aushalten und kooperativer kommunizieren. Das Snoezelen ist das Gegenstück zum nächtlichen Abgeben. Wir stärken also tagsüber die Bindung, damit fällt es dem Kind dann auch leichter, sich am Abend zu trennen.

Wenn Kinder im Grunde nur ein Verhalten oder eine Angst der Eltern spiegeln – wie helfen Sie den Eltern?
Ganz zentral ist es, ihnen die Schuldgefühle zu nehmen. Schon deshalb, weil diese Gefühle in pädagogischer Hinsicht so destruktiv sind: Die Eltern reagieren, indem sie entweder alles fürs Kind machen und es hofieren, damit aber die Krankheitslinie aufrechterhalten. Oder indem sie sich zurückziehen und aufgeben. Wir machen mit ihnen jeden Tag autogenes Training, das ist Pflicht. Oder progressive Muskelentspannung. In Einzelgesprächen bearbeiten wir auch die jeweilige Geschichte. Da kommen oft Traumatisierungen hoch. Und wir ermuntern die Eltern dazu, hier abends ruhig mal wegzugehen. Für viele ist es dann das erste Mal entspannte Aussenwelt seit mehreren Jahren.

Sie machen das jetzt seit 30 Jahren. Haben sich die Krankheitsbilder geändert?
Wir haben heute viel mehr Schlaf- und Regulationsstörungen als vor 10 bis 15 Jahren. Und bei den Jugendlichen häufiger chronische Bauch- und Kopfschmerzen.

Wie erklären Sie sich das?
Es gibt mehr Stress in der Gesellschaft und damit in den Familien. Mehr Druck, grössere Existenznot. Und die Eltern ruhen noch weniger in sich als früher. Wenn die heute ihre Geschichte erzählen, geht es oft um ihr eigenes Leben, in dem jeder Halt fehlt. Da ist dann die Grundunsicherheit und damit auch das Stresslevel von vornherein grösser.

Hängen die Probleme oft mit geringem Einkommen oder geringer Bildung zusammen?
Es gibt verschiedene universitäre Studien, die alle möglichen Hypothesen getestet haben. Wir haben von der Chefärztin bis zum Sozialhilfeempfänger Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft – inklusive eines Pädagogikprofessors, der hier völlig ratlos mit dem eigenen Kind sass.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 15.11.2018, 08:49 Uhr

Dietmar Langer

Dietmar Langer (60) ist Co-Leiter der Abteilung für pädiatrische Psychosomatik der Bergmannsheil-Klinik in Gelsenkirchen.

Schlaftraining mit Kindern

In der Bergmannsheil-Klinik in Gelsenkirchen werden jede Woche Eltern-Kind-Paare zu einem mindestens dreiwöchigen Trainingsprogramm aufgenommen. Das Ärzteteam beschäftigt sich dabei mit dem gesamten Beziehungsgeflecht der Familie.

Tagesanzeiger.ch/Newsnet wurde nach der Publikation dieses Artikels von Leserinnen und Lesern darauf aufmerksam gemacht, dass gegen die Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen ein Verfahren der Staatsanwaltschaft Essen laufe. Es geht um den Verdacht der Misshandlung Schutzbefohlener. Dieses Verfahren wurde eingestellt, wie die «Zeit» am Donnerstagabend meldete.

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