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Höflichkeit und Anstand sind wichtig für das Zusammenleben. Eltern sollten ihren Kindern schon früh gute Manieren beibringen. Einige Tipps.

Das Essen ohne Besteck ist bis sieben Jahre noch angebracht: Mädchen isst Himbeeren. Foto: Getty Images

Das Essen ohne Besteck ist bis sieben Jahre noch angebracht: Mädchen isst Himbeeren. Foto: Getty Images

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Was für ein schöner Augenblick! Lea strahlt, weil sie von der Verkäuferin einen Luftballon bekommen hat. Doch dann geht irgendwie alles schief.

«Wie sagt man?», fragt die Mutter ihre Tochter. Lea verkriecht sich sofort wortlos hinter der Mama. Auch nach mehrmaliger Ermahnung kommt das Zauberwort nicht über Leas Lippen. Dafür steigt das Unbehagen bei allen: Die Verkäuferin wollte mit ihrem Geschenk keinen Streit vom Zaun brechen, die Mutter ärgert sich, dass ihre Tochter nicht gehorcht, und Lea ist die ganze Aufmerksamkeit unangenehm.

Solche oder ähnliche Situationen haben viele schon erlebt – wenn nicht als direkt Beteiligte, dann als Zuschauer. Ein Dankeschön an die Verkäuferin wäre angebracht. Nur: Kann man das Dankesagen von der vierjährigen Lea schon erwarten? Wie bringt man ihr das bei? Welche Anstandsregeln müssen Kinder heute überhaupt noch lernen, und weshalb? Alles Fragen, die Eltern umtreiben können.

Höflichkeit und Anstand sind wichtig für das Zusammenleben. Es geht dabei um Achtsamkeit und Respekt gegenüber seinen Mitmenschen und deren Gefühlen. Gutes Benehmen sei daher nicht spiessig, sondern trage dazu bei, dass sich alle wohlfühlen, sagt Katrin Künzle aus Oetwil an der Limmat, die seit zwölf Jahren mit ihrem Team Knigge-Kurse für Kinder, Jugendliche und Erwachsene gibt.

«Verhalten sich Kinder immer anders, als es in einer bestimmten Gruppe üblich ist, kann es sein, dass sie ausgeschlossen werden.»Moriz Daum, Entwicklungspsychologe

Entwicklungspsychologe Moritz Daum, Professor an der Universität Zürich, vergleicht Anstandsregeln sogar mit Verkehrsregeln: «Halten wir uns nicht daran, kann es leicht im Chaos enden.» Die Gesellschaft habe diese sozialen Regeln festgelegt, damit die Menschen besser als Gemeinschaft funktionieren können, «denn Menschen haben das Bedürfnis, einer Gruppe anzugehören».

Der 44-Jährige findet es wichtig, dass Kinder diese Regeln so früh wie möglich kennenlernen, damit sie sich gut in der Gesellschaft zurechtfinden und von ihr akzeptiert werden. «Verhalten sie sich immer anders, als es in einer bestimmten Gruppe üblich ist, kann es sein, dass sie ausgeschlossen werden.» Mit acht Jahren sollte ein Kind gemäss Daum die Grundsätze des guten Benehmens erlernt haben. Menschen seien zwar ein Leben lang lernfähig und können sich jederzeit verändern. «Mit zunehmendem Alter wird es aber aufwendiger, schlechte Gewohnheiten wieder abzustreifen.»

Fehlende Vorbilder

Beim Vermitteln guter Manieren spielen die Eltern eine Schlüsselrolle. Kinder werden zu einem grossen Teil zu Hause geprägt: Was Vater und Mutter tun, schauen sie sich ab. «Es sind kleine Lernmaschinen, die Dinge genau beobachten und sie imitieren – auch wenn sie noch nicht verstehen, warum etwas auf eine bestimmte Weise getan wird», sagt Daum. Eltern sollten daher ihren Kindern von Anfang an Rücksichtnahme, einen respektvollen Umgang, gute Kommunikation und Tischmanieren vorleben.

Danke, Bitte, Entschuldigung – das seien die drei Zauberwörter, sagt Knigge-Expertin Künzle. Bedanke man sich beispielsweise nicht für das Essen, das gerade serviert werde, zeuge das von mangelnder Anerkennung. «Leider hört man diese Worte auch von Erwachsenen kaum noch. Wie sollen es dann die Kinder lernen?»

Gute Tischmanieren haben gemäss Künzle bei Kindern ohnehin rapide nachgelassen «Viele können das Besteck nicht richtig halten. Dabei geht es gar nicht nur um die Ästhetik, sondern auch ums Praktische: Wer Messer und Gabel nicht richtig hält, hat Mühe beim Essen.»

Diese Entwicklung habe mit der Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen zu tun. Gemeinsame Mahlzeiten als Familie seien seltener geworden, und in Kitas oder im Hort gebe es kaum Zeit, um auf Tischkultur zu achten. Umso wichtiger sei es, jede Möglichkeit im Alltag zum Vorleben guter Manieren beim Essen zu nutzen.

Weder «Killerklaue» noch «Tussigriff» oder «Roboterhand»: Der richtige Händedruck will gelernt sein.

Neben guten Tischmanieren gehört die Begrüssung mit Augenkontakt und Handschlag zu den wichtigsten Anstandsregeln in unserer Gesellschaft. Das vermittle nicht nur Vertrauen, es bedeute auch, dass man sich gegenseitig wahrnehme, sagt Katrin Künzle. In ihren Knigge-Kursen frage die 53-Jährige die Kinder jeweils, wie es sich anfühle, nicht gegrüsst zu werden. «Ausnahmslos alle empfinden das als schlimm. Auf diese Weise versuche ich, die Kinder zu sensibilisieren. Denn wenn man sich nicht grüsst, grenzt das an Mobbing.»

Doch auch ein guter Händedruck will gelernt sein. Unpassend ist der «tote Fisch», wie Künzle es nennt. Eine eher passive Art des Händedrucks. Auch die «Killerklaue», bei der die Hand zu stark gedrückt wird, der «Tussigriff», bei dem sich nur die Fingerspitzen berühren, oder die «Roboterhand» mit völlig ausgestrecktem Arm sind nicht optimal. Den angenehmsten Händedruck bringe man mit einem Armwinkel von neunzig Grad zustande, sagt Künzle. Dadurch sei auch die richtige Distanz zum Gegenüber gewahrt. Diese werde gerade bei Kindern oft nicht eingehalten. «Küsschen geben muss niemand», betont sie.

Konsequent und mit Überzeugung

Entscheidend bei allen Regeln, die man seinen Kindern vermitteln will, ist das konsequente Durchsetzen. Sonst gibt man den Kindern das Gefühl, dass Regeln unterschiedlich ausgelegt werden können, und sie erkennen nicht eindeutig, was von ihnen erwartet wird. «Es ist für Eltern nicht hilfreich, wenn ein Kind ein ‹Nein› als ein ‹Vielleicht› interpretieren kann», sagt Entwicklungspsychologe Daum.

Wichtig sei zudem, dass Eltern hinter jeder Verhaltensregel stehen können und für jede eine nachvollziehbare Erklärung bereithalten. «Wenn Kinder älter werden, wollen sie wissen, warum sie gewisse Dinge tun sollen und andere nicht. Sätze wie ‹Das ist einfach so› reichen dazu nicht aus.» Sagt man beispielsweise dem Kind, dass es die Schuhe wegräumen soll, damit niemand darüber stolpert, wird es das eher einsehen.

Natürlich erfordert das Durchsetzen solcher Regeln gute Nerven und viel Geduld, aber der Einsatz lohnt sich. Denn letztlich möchten auch Kinder ihre Sache gut machen – und bei anderen gut ankommen.

(Schweizer Familie)

Erstellt: 16.02.2018, 10:05 Uhr

Eine gute Kinderstube – so gehts

Rund um den Tisch
Gute Tischmanieren gehören zum Alltag und nicht nur ins Restaurant, dann beherrschen sie die Kinder irgendwann aus dem Effeff. Ab etwa fünf bis sechs Jahren sollten Kinder am Tisch sitzen bleiben können, ab sieben bis acht Jahren mit Messer und Gabel umgehen und die Serviette richtig nutzen können. Das Händewaschen vor und nach dem Essen – natürlich auch nach der Toilette – ist nicht nur eine Frage des Anstands, sondern auch aus gesundheitlichen Gründen ein Muss.

Grüezi und Merci
Weigern sich kleine Kinder, zu danken oder zu grüssen, können Eltern die Handlung für sie übernehmen und ihnen in einem ruhigen Moment sagen, weshalb ein Gruss oder ein Dankeschön in der Situation angebracht gewesen wäre. Wichtig ist, dass man Kinder nicht bestraft, wenn sie etwas nicht auf Anhieb richtig machen. Sonst verbinden sie die Handlung mit negativen Gefühlen. Ab sechs Jahren kann man allerdings von einem Kind erwarten, dass es mit Händedruck grüsst.

Furzen, rülpsen, niesen
Manchmal rülpsen und furzen Kinder extra, um auszuprobieren, wie weit sie gehen können. Bleibt man gelassen, verliert das schnell seinen Reiz. Am Tisch geht Rülpsen und Furzen allerdings gar nicht. «Es zeugt von fehlendem Respekt», sagt die Knigge-Expertin. Muss man mal niesen oder husten, sollte man sich dazu abwenden und die Armbeuge oder die linke Hand vors Gesicht halten, nicht aber die rechte. Die braucht man zum Grüssen.

Sich entschuldigen
Hat ein Kind einen Fehler gemacht, sollte es sich hinstellen und sich entschuldigen können – selbst wenn es keine Absicht war. Dasselbe gilt auch für Eltern. Entschuldigen sie sich bei ihren Kindern für ihr Fehlverhalten, fühlen diese sich ernst genommen. Ihre Gefühle werden respektiert, und dadurch merken sie, wie wichtig diese Wertschätzung ist.

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