Wie man Amokläufe verhindert

Amokläufe finden oft am Arbeitsplatz statt. Eine betriebliche Sozialberatung, an die sich Mitarbeiter mit ihren Problemen wenden können, wirkt präventiv gegen eine Eskalation von Gewalt, sagen Experten.

Eine betriebliche Sozialberatung kann präventiv gegen eine Eskalation der gewalt wirken: Ein Careteam kümmert sich nach dem Amoklauf in Menznau um die Angestellten (Februar 2013).

Eine betriebliche Sozialberatung kann präventiv gegen eine Eskalation der gewalt wirken: Ein Careteam kümmert sich nach dem Amoklauf in Menznau um die Angestellten (Februar 2013). Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Viel wurde in den letzten Jahren in der Schweiz zur Früherkennung und Prävention von gezielter Gewalt unternommen. Dabei fokussierte man sich vor allem auf die Gewalt an Schulen, was auf die Amokläufe an deutschen Schulen zurückzuführen sei, sagt Erwin Brühlmann vom Kommissariat Prävention der Stadtpolizei Zürich. Man habe sich in der Schweiz deshalb entsprechend wappnen wollen.

Zu blutigen Gewalteskalationen ist es bis jetzt an Schweizer Schulen nicht gekommen. Wohl aber gab es bereits mehrere Amokläufe in Betrieben. Der jüngste in der Menznauer Holzfirma Kronospan liegt noch keine zwei Monate zurück. Die Nachfrage von Firmen, welche die Stadtpolizei Zürich um Unterstützung angehen beim Umgang mit bedrohlichen Situationen, hat laut Experte Brühlmann in jüngerer Zeit deutlich zugenommen.

«Auch private Probleme wirken sich am Arbeitsplatz aus»

Die Prävention von Gewalt am Arbeitsplatz muss jedoch frühzeitig einsetzen. Als wirksames Mittel zur Früherkennung von Krisen propagiert der Verband der Sozialarbeiterinnen, ­Avenir Social, die betriebliche Sozialberatung. Angestellte sollen sich bei Problemen Hilfe holen können bei einer neutralen Anlaufstelle, die vom Arbeitgeber zur Verfügung gestellt wird.

Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um Konflikte handelt im Zusammenhang mit der Arbeit. «Auch private Probleme wirken sich meist früher oder später am Arbeitsplatz aus, deshalb ist die betriebliche Sozialberatung so wichtig», sagt Katja Mügg­ler, die bei Avenir Social das Netzwerk der betrieblichen Sozialarbeit vertritt.

Andere Lösungen aufzeigen

Dass eine Sozialberatung selbst bei akuter Drohung einer Eskalation wirksam sein kann, davon ist Müggler überzeugt. «Wenn jemand wegen eines Konflikts am Arbeitsplatz bereits mit Gewaltfantasien spielt, dann geht es darum, ihm andere Lösungswege aufzuzeigen.» Falls nötig, schalte man auch einen Notfallpsychiater ein. «Betriebliche Sozialberater sind ausgebildete Profis.

Sie wissen, wie man mit Leuten umgeht, die unter grossem Druck stehen und die sich nicht mehr zu helfen wissen.» Auch im Fall der Bluttat im luzernischen Menznau hätte man mit einer rechtzeitigen Intervention die Gefahr vermutlich bannen können, glaubt Müggler, zumal die familiären Probleme des Täters im Betrieb offenbar bekannt gewesen seien. Doch die Firma Kronospan verfüge über keine betriebliche Sozialberatung.

«Uns fehlte ein Angebot für psychische Nothilfe»

Das bestätigt Urban Braun, Sprecher der Kronospan. Zwar könnten sich die Mitarbeiter bei Problemen an ihre Vorgesetzten oder ans Personalmanagement wenden. Das werde aber kaum genutzt – wohl auch deshalb, weil die Angestellten an der Unbefangenheit der Ansprechpersonen zweifelten. Nun überlege man sich bei der Kronospan eine neue Lösung mit einer neutralen ­internen oder externen Anlaufstelle. Von der präventiven Wirkung betrieblicher Beratungsstellen ist man auch bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB) überzeugt.

Nach dem Tötungsdelikt von 2004 in der Stadt Zürich, als ein Bankangestellter seine beiden Vorgesetzten und sich selbst umbrachte, reagierte die Bank mit einem Netz von Anlaufstellen. Schon zuvor verfügte die ZKB über ein Konzept zum Schutz der Gesundheit am Arbeitsplatz. «Was uns damals aber fehlte, war ein Angebot für psychische Nothilfe. Das haben wir nach der Bluttat aufgestellt», sagt Pressesprecher Urs Ackermann.

5 bis 10 Prozent nutzen das Angebot

Heute können sich die Angestellten bei Problemen an eine von 14 externen Psychologinnen wenden; die Bank kommt für die Kosten von fünf Sitzungen auf. Sind mehr nötig, müsse dies bewilligt werden, sagt Ackermann. Zudem absolvierten alle Mitarbeitenden ein Konfliktbewältigungsseminar, wo sie lernten, bei Konflikten konstruktiv eine Lösung zu suchen.

Dass die Beratung in Betrieben einem Bedürfnis entspricht, zeigen die Zahlen: Gemäss Avenir Social nutzen jährlich rund 5 bis 10 Prozent der Angestellten das vorhandene Angebot. Die grosse Mehrheit tut dies freiwillig und von sich aus. Die übrigen werden von Vorgesetzten an die Sozialberatung verwiesen.

Betriebe setzen auf externe Anlaufstellen

Bei der Migros-Genossenschaft Aare wandten sich im letzten Jahr 750 der total 12'000 Mitarbeiter persönlich an die Sozialberatung; weitere 1000 Anfragen konnten gemäss Sprecher Thomas Bornhauser mit einem telefonischen Gespräch erledigt werden. Den Angestellten könne man so bei Problemen helfen, die ohne Einschreiten zu einer Verschlimmerung der Situation führten. Auch die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter bleibe dadurch erhalten. «Zugleich ist die Sozialberatung eine Art Radar, der früh aufzeigt, an welchen konkreten Problemen die Mitarbeiter leiden», sagt Bornhauser.

Zentral ist die Verschwiegenheit der Sozialberater und die Anonymität der Beratung. Mitarbeitende müssen sichergehen können, dass nichts nach aussen dringt, was sie der Fachperson anvertrauen, und das Unternehmen von ihrer Hilfesuche nichts erfährt. Deshalb würden manche Betriebe auf externe Anlaufstellen setzen, weil das mehr Diskretion signalisiere, sagt Katja Müggler von Avenir Social.

Mitarbeiter sollen von der Beratung wissen

Bei der Swisscom wurde jedoch die Beratung in den letzten Jahren in die Swisscom-Gebäude integriert. «Wir wollten die Schwelle senken, damit die Sozialberatung für die Mitarbeitenden selbstverständlicher wird», sagt Anita Attinger, fachliche Leiterin der Sozialberatung. So sei das Angebot auch sichtbarer geworden. Denn es sei wichtig, dass die Mitarbeitenden von der Beratung wüssten, damit sie diese möglichst freiwillig nutzten.

Infos zur Betrieblichen Sozialberatung: www.proitera.ch27. 

Erstellt: 15.04.2013, 08:42 Uhr

Prävention von Gewalt am Arbeitsplatz

Mitarbeiter sollen auffälliges Verhalten von Kollegen melden können, sagt Psychologe Jens Hoffmann.

Amokläufe finden oft am Arbeitsplatz statt. Stehen dahinter meist arbeitsplatzbezogene Probleme?

Ja, das ist so. Wenn es zu schwerer Gewalt kommt, muss das aber nicht heissen, dass die Probleme besonders gross waren. Vielmehr heisst das, dass sie für den Täter zentral waren und dass er sie schlecht verarbeitet hat. Meist kommen noch andere, private Konflikte dazu.

Teilen Sie die Einschätzung, dass Firmen mit einer betrieblichen Sozialberatung besser gewappnet sind gegen Konflikte, auch gegen solche, die massive Auswirkungen haben können?

Ja, ohne Zweifel. Eine betriebliche Konfliktberatungsstelle ist für die Prävention sehr positiv, damit lässt sich vieles verhindern. Aber Sie können mit einer Sozialberatung nicht alle erreichen, die Konflikte haben. In den wirklich schweren Fällen handelt es sich bei den Tätern oft um Personen, die nicht lösungsorientiert ausgerichtet sind. Die gehen ihre Probleme nicht selber an. Die fühlen sich immer ungerecht behandelt und bringen sich selbst immer wieder in ­Situationen, wo sie glauben, die andern wollten ihnen übel.

Wie ist dem beizukommen?

Aus Studien wissen wir, dass die Täter schon vorher Auffälligkeiten zeigen. Das können kleine Auffälligkeiten sein wie Äusserungen von Ausweglosigkeit oder das Gefühl, von andern bedroht zu sein. Es kann auch sein, dass jemand Drohungen ausspricht. Und wir wissen, dass es fast immer Arbeitskollegen gibt, die das wahrnehmen. Deshalb ist es wichtig, im Betrieb auch Anlaufstellen zu haben, wo die Kollegen solche Beobachtungen anbringen können. Das gehört zu einem konstruktiven Bedrohungsmanagement und hat sich bewährt.

Bedrohungsmanagement? Könnten Sie noch etwas näher ausführen, was darunter zu verstehen ist?

Ein Bedrohungsmanagement beschreibt eine Strategie, einen Ablauf von Vorgehensweisen, wie mit krisenhaftem Verhalten von Mitarbeitern umzugehen ist. Dabei setzt man auf die Strukturen, die im Betrieb vorhanden sind, wozu auch die Sozialberatungsstellen gehören.

Sind die Auffälligkeiten, wie Sie sagen, für Arbeitskollegen immer erkennbar? Man will ja schliesslich niemanden anschwärzen?

Auffälliges Verhalten zu melden, heisst nicht, dass man hingeht und sagt, das ist der Amokläufer von morgen. Tatsächlich liegen oft krisenhafte Entwicklungen vor, ohne dass man weiss, wohin sie führen. Die Auffälligkeiten, die jemand aussendet, sind wie einzelne Puzzlestücke, die zusammenpassen. Aber das setzt voraus, dass man hinschaut, die Person darauf anspricht und ihr wenn nötig Hilfe anbietet. Das Bedrohungsmanagement ermöglicht es dem Unternehmen, die Entwicklung zu schweren Gewalttaten frühzeitig zu erkennen. Es hilft auch, Grenzüberschreitungen von Mitarbeitern, etwa solche, die Drohungen aussprechen, rechtzeitig zu stoppen und das Umfeld vor belastenden Situationen zu schützen. (Mit Jens Hoffmann sprach Andrea Fischer).

Artikel zum Thema

«Innerlich war die Pistole schon geladen»

Interview Unsichere Verhältnisse am Arbeitsplatz können Stress erzeugen. Für einen Amoklauf reiche dies allein aber nicht aus, sagt der Psychologe Jens Hoffmann. Mehr...

Wann ein Amokläufer getötet werden darf

Der Schütze von Menznau starb selber an Schussverletzungen. War es keine Selbsttötung, dürfte es Notwehr gewesen sein. Zudem wurde bekannt, dass sich der Schwinger Benno Studer dem Amokläufer in den Weg stellte. Mehr...

«Ein paar Minuten haben unsere heile Welt zerstört»

Nachrichten aus der Stille: In Willisau gedachten gestern Nachmittag Hunderte der Opfer der Bluttat in der Holzfirma Kronospan. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Zum Anbeissen: Dieser Eisfischer in Peking versucht sein Glück mit mehreren Angeln. (7. Dezember 2019)
(Bild: Ma Wenxiao (VCG/Getty Images)) Mehr...