Besser dran ohne die bessere Hälfte

Singlefrauen über 35 haben auch heute noch mit Vorurteilen zu kämpfen: Man bemitleidet sie und hält sie für unglücklich. Dabei, so zeigen Studien, ist niemand so wenig einsam wie eben Frauen ohne Partner.

«Die Singlefrau wird komplett falsch wahrgenommen»: Zwei Frauen in einer Zürcher Disco.

«Die Singlefrau wird komplett falsch wahrgenommen»: Zwei Frauen in einer Zürcher Disco. Bild: Keystone

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Am schlimmsten sind die Hochzeitseinladungen. Wenn sie eine solche aus dem Briefkasten fische, sagt Katja G., 38 und seit drei Jahren ohne Partner, müsse sie jeweils schwer seufzen. Weil sie genau weiss, was da auf sie zukommt. Nämlich die immer gleichen und offenbar unvermeidlichen Fragen, die einer 38-jährigen, nicht liierten Frau ungeniert gestellt werden: Wo denn ihr Freund sei? Sie habe keinen? Weshalb denn nicht? Ob sie es vielleicht schon mal auf Online-Plattformen versucht habe? Und was sie davon halten würde, wenn man ihr mal den Kollegen Simon vorstellte, der ein ganz Netter sei?

Vorurteile, sagte mal einer salopp in einem politisch etwas unkorrekten Vergleich, seien wie Kakerlaken: langlebig und kaum totzukriegen. Singles sind Opfer eines solchen Vorurteils. Es wird ihnen unterstellt, sie seien unglücklich. Und den Frauen ergeht es dabei wesentlich schlechter als den Männern.

Der Singlemann verkörpert ein Lebensgefühl

Männer ohne Partnerin gelten als einsame Wölfe, es umgibt sie dieser Hauch von Verwegenheit, und sie werden gleichermassen von ihren Geschlechtsgenossen wie von Frauen bewundert. Von den Männern, weil ein Singlemann keine Pflichtbesuche bei den Schwiegereltern absolvieren muss, weil er Fussball schauen und Bier trinken kann, so lange und so viel er will, und weil ihm überhaupt niemand dreinredet in sein Leben. Die Frauen bewundern ihn, weil er sich nicht zähmen lässt, bindungsunwillig ist, was ihn sexy macht und zu einer Art Trophäe. Der Singlemann jedenfalls verkörpert ein Lebensgefühl: Freiheit. Und die ist, ganz entscheidend, selbst gewählt.

Die Wahrnehmung der Singlefrau ist eine komplett andere. Deren Freiheit und Unabhängigkeit werden nicht als selbst gewählt betrachtet. Single-Frauen gelten als eine Art Opfer, als unvollkommen, als Mangelexemplar. Es fehlt ihnen etwas, nämlich ein Mann, der Schlüssel zum Glück. Es schwingt Mitleid mit, wenn man über sie redet, erst recht, wenn die Frauen ohne Partner über 35 sind. Weil doch die biologische Uhr tickt. Und weil ja jede Frau Kinder haben will. Egal wie hoch die Scheidungsrate steigt: Eine Frau, die Single ist, muss ganz einfach ein Problem haben.

Das zelebrierte Zweierglück

Obschon die Zahlen längst was anderes aufzeigen – Singles sind auf dem Vormarsch: 2010 waren 44 Prozent der Schweizer Bevölkerung verheiratet und 43 Prozent ledig, wobei die Geschiedenen und die Verwitweten separat gezählt wurden –, wird immer noch suggeriert, dass nur das Leben zu zweit Erfüllung verspreche. In der Werbung, in der Politik, in der Gesellschaft überhaupt: Das Paar gilt als das Mass aller Dinge, auch 2012 wird diese Lebensform immer noch als die einzig wahre erachtet.

Eine Hochzeit ist der Garant für jedes C-Sternchen, auf dem Titel einer Illustrierten zu landen, während die prominenten Singles – man denke etwa an Jennifer Aniston vor ihrer aktuellen Beziehung – partout als verzweifelt beschrieben werden. Das Glück zu zweit wird derart penetrant zelebriert, dass die amerikanische Autorin Laura Kipnis von «Paar-Tyrannei» spricht. Zu Recht: Nirgendwo sonst wurden die Vorurteile, mit denen Singlefrauen über 30 konfrontiert sind, so witzig, klug und scharfsinnig seziert wie in der als progressiv gepriesenen Serie «Sex and the City». Aber eben nur vermeintlich. Denn letzten Endes ging es sechs Staffeln lang darum, dass die vier New Yorkerinnen dem Elend des Singledaseins entfliehen können, um da hinzukommen, wo das Glück wartet: in den Armen des Mister Right und im Hafen der Ehe. Und es war kein Zufall, dass die freizügige Samantha Jones für ihren Lebensstil mit Brustkrebs bestraft wurde.

Der Begriff Single ist ein Etikett, erfunden für all jene Bemitleidenswerten, die nicht dem Normalfall entsprechen. Katja G. kann ein Lied davon singen. «Ich mag mein Leben, so wie es ist. Das Verrückte ist, dass mir von meiner Umgebung geradezu eingeredet wird, dass ich unglücklich sein sollte. Ich habe es aber längst aufgegeben zu widersprechen, es wird mir ohnehin nur als Trotz ausgelegt.» Klar, sagt sie, hin und wieder wäre es schön, am Sonntagmorgen nicht alleine aufwachen zu müssen. Aber der Kern ihres Daseins beschränke sich nun wirklich nicht darauf, einen Mann zu finden. Genauso wenig wie ja Frauen in einer Beziehung, denen ihr Partner mitunter auf die Nerven gehe, sofort in einer Trennung die Lösung sähen.

Singlismus ist diskriminierend

Katja G. beschreibt damit ein Phänomen, das die amerikanische Sozialpsychologin Bella DePaulo als Singlismus bezeichnet. In ihrem Buch «Singlism – What It Is, Why It Matters, and How to Stop It» erklärt die Professorin der Universität von Kalifornien, dass es sich dabei genauso um einen -ismus handle wie beim Sexismus oder Rassismus. Singlismus sei nichts anderes als die Stigmatisierung von alleinstehenden Erwachsenen und beinhalte eine negative Stereotypisierung sowie Diskriminierung. DePaulo kritisiert die Obsession mit der Partnersuche, dem Heiraten und der ganzen Zweierkiste – sie nennt es «Matrimania» –, denn es werde suggeriert, dass es nur einen Weg zum Glück gebe: den zu zweit. Der Singlismus, sagt sie deshalb, diskriminiert all jene, die einen anderern Weg wählen, ob gewollt oder ungewollt. DePaulo wehrt sich dagegen, dass Singlemenschen als unvollkommen stigmatisiert werden. Sie plädiert für mehr Toleranz in der Gesellschaft, dafür, dass diese Lebensform als gleichwertig angesehen wird und vor allem dafür, dass sich Frauen nicht rechtfertigen müssen, wenn sie als Single nicht in Depressionen verfallen.

Schuld am Singlismus sind, wie eingangs erwähnt, die alten Rollenbilder, die sich hartnäckig halten und deutlich machen, wie wenig tolerant die Gesellschaft Frauen gegenüber ist, die sich nicht für den herkömmlichen Weg mit Heirat und Kindern entscheiden. Sie können heute mehr Geld verdienen als Männer, eine bessere Ausbildung haben, Chefinnen sein, unabhängig in jedem Sinn. Aber eine Frau, die keinen Mann braucht und das auch frei von der Leber weg so sagt, die es keineswegs als Makel empfindet, nicht im Duo auftreten zu können, gilt als Provokation. Weil sich Singlefrauen männlich verhalten. Sie sind niemandem etwas schuldig, niemandem verpflichtet, sie gehen keine Kompromisse ein; auch Katja G. sagt, dass sie lieber allein sei als in einer unbefriedigenden Beziehung auszuharren, wie das viele verbandelte Freundinnen in ihrem Umfeld tun würden. Single-frauen geniessen ihr Leben, tun, wonach ihnen der Sinn steht und unterwerfen sich keinem Diktat. Sie holen sich Sex, wenn sie Lust darauf haben – für Singlefrauen wesentlich einfacher als für Singlemänner, es sei denn, deren Stolz wird nicht tangiert, wenn sie dafür bezahlen müssen.

Unabhängigkeit und Neid

Und vor allem: Während Singlemänner entgegen des Klischees weitaus häufiger einsam sind, verfügen Singlefrauen über ein gut funktionierendes Netz von Freundinnen und Freunden. Sie sind kaum je allein, einsam schon gar nicht, und gerade im Alter, so belegen Studien, ist keine Bevölkerungsgruppe besser sozial eingebettet als die Singlefrauen. Das Schicksal vieler Witwen, nämlich nach dem Tod des Gatten mutterseelenallein zu sein, bleibt ihnen erspart, weil sie sich nie auf die Zweierschiene konzentriert haben, weil immer Raum und Zeit für Freundschaften blieb, die gepflegt wurden.

Interessanterweise kämen die mitleidigen Blicke und jener bedauernde Unterton vor allem von liierten Frauen, sagt Olivia S., ebenfalls 38 und seit fünf Jahren Single. «Manchmal habe ich das Gefühl, dass es um Neid geht. Neid auf meine Freiheit, Neid auf meine Ungebundenheit. Dazu kommt wohl auch ein gewisser Frust, weil sich die Erwartungen an das vermeintliche Glück mit Mann und Kindern nicht erfüllt haben, weil der Alltag stressig ist, kaum Zeit für sich selbst bleibt, weil sich Mütter die Karriere abschminken mussten. Solche Frauen werfen ihr dann Hedonismus vor – eine Aussage, die deutlich macht, was von Frauen eben doch immer noch erwartet wird: Sie haben die Erfüllung in einer Partnerschaft und letztlich in der Mutterschaft zu finden. Singlefrauen in ihrer Eigenständigkeit hingegen sind ein Fehler im System. Weshalb sich Katja G. und Olivia S. bisweilen anhören müssen, sie seien halt allein, weil zu anspruchsvoll. Eine eigenartige Feststellung, die beide jeweils mit einer Gegenfrage parieren: Weshalb sollten wir das nicht sein?

Unlängst verbrachte Katja G. mit einer Freundin ein Wellnesswochenende in den Bergen. Sie waren das einzige Nichtpaar. Während des Abendessens im Hotel amüsierten sich die beiden Freundinnen einmal mehr darüber, was sie an den Nebentischen beobachten konnten: Während sie sich blendend unterhielten, lachten und überhaupt sehr vergnügt waren, herrschte zwischen den meisten Paaren, wie so häufig, Schweigen. Weshalb um alles in der Welt, fragt Katja G., sollte man mit mir Mitleid haben? (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.01.2012, 07:26 Uhr

Buchtipp

Bella DePaulo: Singlism – What It Is, Why It Matters, and How to Stop It. Double Door Books, 2011. 266 S., ca. 15 Fr.

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