Bitte 10 Milliampere Entspannung

Mein Selbstversuch mit einer digitalen Droge.

Stimmungen per Knopfdruck: Der Autor während des Tests. Foto: Doris Fanconi

Stimmungen per Knopfdruck: Der Autor während des Tests. Foto: Doris Fanconi

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Oft bin ich nach Feierabend in Gedanken noch bei der Arbeit, wie magnetisch zieht es die Finger zum Smartphone. Aber heute will ich entspannen. Ich sitze auf dem Sofa, die Beine auf dem Couchtisch. Auf meiner Schläfe ist ein weisses Gerät befestigt. Es ist ein digitaler Stimmungsmacher, eine digitale Droge.

Thync heisst das Teil, das ich mir für 199 Dollar von der gleichnamigen Firma aus dem Silicon Valley zuschicken liess. Es sieht aus wie ein dreieckiges Apple-Produkt, weiss und elegant. Statt Musik allerdings streamt es Milliampere und beeinflusst die Nervenzellen im Gehirn. Das Ruhepotenzial der betroffenen Neuronen wird so entweder vergrössert oder verkleinert. Über eine App lässt sich der gewünschte Effekt steuern: Man wählt zwischen «Calm» oder «Energy». Die beiden Zustände sind in Unterkategorien wie «Zen», «Sleep», «Boost» oder «Work» aufgeteilt.

Als erste Dosis habe ich mich für das Programm «Bliss» entschieden. Es dauert 15 Minuten und verspricht «rauschhafte Entspannung». Eine Anspielung auf den Effekt von Cannabis? Ich drücke auf meinem Smartphone den Play-Button, darauf leitet mir Thync per Bluetooth 10 Milliampere in den Kopf. Ein Gefühl, als ob ein Ameisenstaat über meine Stirn krabbelt. Nicht gerade entspannend!

Doch nach ein paar Minuten verschwinden die Ameisen, und ein neuer, angenehmer Eindruck setzt ein: eine beruhigende Hand, die sich auf die Stirn legt, schwer und weich. Paranoia oder Essgelüste habe ich nicht, auch eine ­Bewusstseinserweiterung tritt nicht ein. Ich fühle mich für eine Stunde leicht ­sediert wie nach zwei Gläsern Rioja. Ähnlich erging es offenbar 12 Probanden, denen Thync vor einem Rendezvous verabreicht wurde. 11 beschrieben ihre Erfahrung als positiv – wobei einer fand, er sei zu entspannt gewesen, aber sein Gegenüber habe ihn als guten Zu­hörer gelobt.

Thync ist Technologie, die man am Körper trägt. Investoren und Analysten sehen in solchen Wearables einen enormen Wachstumsmarkt. Schon heute sind viele mit Fitnesstrackern oder Smartwatches unterwegs. In ein paar Jahren sollen Kleidungsstücke mit eingenähten Sensoren zur Messung von Körperfunktionen so alltäglich sein wie heute Smartphones. Zum Beispiel T-Shirts, die Herzrhythmusstörungen erkennen. Bei Geräten wie Thync geht man einen Schritt weiter: Sie messen die Körperfunktionen nicht nur, sondern beeinflussen sie. Ein ähnliches Produkt namens Halo wurde im Sommer von US-Skispringern getestet. Resultat: 31 Prozent mehr Sprungkraft.

Sweetspot bei 70 Prozent

Ist es eine gute Idee, sich regelmässig Strom ins Gehirn zu jagen? Laut den Thync-Machern, zu denen auch ein paar Neurowissenschaftler gehören, ist der Vorgang unproblematisch. Andere ­Experten sind skeptisch. Zwar basiert die Thync-Technologie mit ihrer «transkraniellen Gleichstromstimulation» auf einer medizinisch gängigen Technik, die bei der Behandlung von Depressionen zum Einsatz kommt. Doch wie die Methode bei Gesunden wirke, sei bisher wenig erforscht worden. Wird ein ­Bereich des Gehirns künstlich aktiviert, könnte das auf Kosten anderer Hirn­kapazitäten geschehen – was die Wirkung reduzieren oder sogar schädlich sein könnte.

Tatsächlich hatte ich nach dem ersten Thync-Einsatz ein bisschen Kopfweh, was laut der Gebrauchsanweisung nicht vorkommen dürfte. Handelte es sich um einen Placebokater, weil mir die Technologie nicht ganz geheuer ist? Wahrscheinlich. Aber was ist mit Langzeitfolgen? Wer garantiert mir, dass mein Gehirn nicht langsam zu Gemüse wird? Oder ich zu einem Freak mit psycho­kinetischen Fähigkeiten!

Ein bisschen beunruhigt, mache ich mich an den zweiten Versuch. Diesmal soll mir Thync Energie verleihen. Das Programm namens «Work» verspricht «Motivation und einen verstärkten und nachhaltigen Fokus». Toll, 15 Milli­ampere Arbeitswut kann ich gut gebrauchen. Wieder spüre ich zuerst die Ameisen, die sich nun auch hinter dem Ohr bemerkbar machen. Ungeduldig jage ich das Level auf 100 Prozent. Ein stechender Schmerz, als würde man schnell zu viel Glace essen, durchbohrt meine Stirn. Schnell wieder runter auf 70 Prozent. Hier liegt offenbar mein persönlicher «Sweetspot». Jedenfalls setzt ein Gefühl ein, als ob das Hirn massiert würde. Besonders motiviert bin ich zwar nicht. Aber eine seltsame Wachheit hat von mir Besitz ergriffen. Obwohl ich spätabends auf dem Sofa liege, bin ich aufmerksam und schaue einen Film ohne einzuschlummern bis zum Schluss. Das kommt nicht oft vor.

Es fehlt ein Ritual

«Erobere dein Leben» lautet der Marketingslogan von Thync. Er ist die vermeintliche Lösung für ein weitverbreitetes Gefühl: dass unser Tun hinter unseren Möglichkeiten zurückbleibt. Für eine Gesellschaft, die sich dem Multitasking verschrieben hat, ist Thync eine umso grössere Versuchung – sowie ein Zeitgeistsymptom: Es ist nun auch die gewünschte Stimmung per Knopfdruck verfügbar.

Das kann man kritisch sehen: Braucht es für die Wettbewerbstüchtigkeit inzwischen Aufputschmittel, weil der unbehandelte Mensch nicht mehr leistungsfähig genug ist für die Ansprüche des Systems? Begeben wir uns in eine Zukunft, wo Tigermütter ihre Kinder neurologisch pimpen, damit sie bessere Noten schreiben? Nun, wir sind schon so weit. Wer nächtelang büffelt, greift zum Medikament Modafinil. Wer Prüfungsangst spürt, zu Betablockern.

Thync will eine saubere Alternative zu pharmakologischen Uppers und Downers sowie herkömmlichen Muntermachern wie Alkohol, Kaffee oder Energydrinks sein. Weil die Forschungslage unbefriedigend ist, hat die US-Medikamentenaufsicht Thync nur als Freizeit-Gadget zugelassen, mit einer Obergrenze von 20 Milliampere. Theoretisch wären höhere Spannungen mit stärkerer Wirkung möglich.

Allerdings scheint die Akzeptanz von digitalen Drogen gering. Mein Umfeld jedenfalls reagierte auf meinen Versuch skeptisch. Vielleicht ist den Leuten ja die Vorstellung einer Droge ohne Neben­wirkungen unheimlich. Weil sie gegen unser Verständnis von Ausschweifung verstösst, die entweder verdient oder zumindest abbezahlt werden muss, zum Beispiel mit einem tüchtigen Kater. Was raufgeht, sagte Newton, muss auch runterkommen.

Meine persönliche Meinung: Thync ist unpraktisch, der Klotz an der Stirn stört. Die Wirkung ist real, kein Placeboeffekt. Es fehlt allerdings ein begleitendes Ritual. Als ich Thync ausprobierte, nippte meine Frau an einem Glas Wein, und ich kam mir wie ein Idiot vor. Aber so fühlten sich die ersten E-Zigaretten-Raucher wohl auch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.11.2016, 08:28 Uhr

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