Bitte keine Kinder mehr

Die Zahl der Abtreibungen bei Teenagern sinkt seit Jahren. Dafür beenden vermehrt Frauen über 30 ihre Schwangerschaft. Warum?

Mit dem Alter lässt die Vorsicht nach: Illustration von Birgit Lang.

Mit dem Alter lässt die Vorsicht nach: Illustration von Birgit Lang.

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Passieren konnte nichts. Sie hatte gegoogelt: fruchtbare Tage, Zyklus, Alter. 44 war sie. Die Chance, jetzt schwanger zu werden? 1 Prozent. Vielleicht 5 Prozent, allerhöchstens. Odette Fux, so soll sie hier heissen, hatte eine lange Beziehung hinter sich, 15 Jahre, in der sie die meiste Zeit auf natürliche Art verhütet hatte. An den heiklen Tagen ein Gummi, sonst nichts. «Ich vertraute meinem Körper, wusste genau, wann mein Eisprung ist», sagt sie. Die Pille durfte sie wegen eines gutartigen Lebertumors nicht nehmen.

Dann: Beziehungsende, Af­färe, positiver Schwangerschaftstest. Sie, die nie Kinder wollte, fragte sich, ob das ein Wink des Schicksals sei: Eine Möglichkeit, auf den letzten Metern doch noch anders abzubiegen, «damit ich mit 50 nicht bereuen würde, dass ich keine Kinder habe». Wieder googelte sie, 8 mm lang war der Fötus in ihrem Bauch. Doch der Entscheid stand fest: Sie würde abtreiben. Vollnarkose, mit einem Röhrchen saugten die Ärzte die Frucht ab, am nächsten Tag erschien Fux im Büro. Die Affäre erfuhr nichts.

Abtreibungsrate bei Teenagern hat sich fast halbiert

Eine Schwangerschaft, glauben viele, brechen vor allem sehr junge Frauen ab, die ohne Ausbildung, ohne grosses Einkommen, ohne festen Partner sind. Kinder, die Kinder bekommen. Dieses Bild jedoch stimmt nicht mehr. Seit 2005 hat sich die Abtreibungsrate bei Teenagern fast halbiert, wie die neusten Zahlen des Bundesamtes für Statistik zeigen. Auch der Trend über alle Altersgruppen hinweg ist seit mehreren Jahren leicht rückläufig. Es findet aber eine Verschiebung statt – eine bisher wenig beachtete Gruppe treibt häufiger ab: die über 30-Jährigen. Die Zahl der Frauen zwischen 30 und 40, die ihre Schwangerschaft beendeten, ist in den vergangenen zehn Jahren von 3669 auf 4166 gestiegen.

Ärztin Theres Blöchlinger vom Frauenambulatorium Zürich bestätigt den Trend zu Abtreibungen in höherem Alter. Das dürfte un­ter anderem daran liegen, dass Frauen später schwanger werden. «Ausbildung und Studium dauern länger, für viele ist es mit 30 zu früh für eine Familie», sagt Blöchlinger. Ausserdem werden dank pränataler Diagnostik Fehlbildungen, die zu einem Schwangerschaftsabbruch führen, immer besser erkannt – das ist besonders für ältere Frauen von Bedeutung.

Von der Ärztin bis zur Putzhilfe

Am Inselspital in Bern entfällt ein Drittel der Abtreibungen auf verheiratete Frauen. Die übrigen Betroffenen sind meist in einer Beziehung. Silke Johann, Leiterin des Zentrums für sexuelle Gesundheit an der Uniklinik, sagt: «Die Frau, die nach dem One-Night-Stand schwanger wird und einen Abbruch vornimmt, ist die Ausnahme.» Ein Irrtum sei es auch zu glauben, dass ungewollte Schwangerschaften eine Frage der Bildung seien: «Frauen aus allen sozialen Schichten können sich für einen Abbruch entscheiden – von der Ärztin bis zur Reinigungshilfe.»

Theres Blöchlinger beobachtet eine weitere, häufige Konstellation: Frauen, die nach einer Scheidung oder einer langen Beziehung (wieder) schwanger werden. Wie Odette Fux. Sie machen eine Art zweite Pubertät durch, haben wechselnde Partner. «Sie leben ihre Sexualität selbstbestimmt aus», sagt Blöchlinger. «Tindern und daten», nennt es Fux.

Etliche dieser Frauen sind bereits Mütter. Warum entscheiden sie sich gegen weitere Kinder? Es ist offenbar genau diese prägende Erfahrung, dass sie nicht wieder schwanger werden wollen. Blöchlinger: «Sie sind nicht mehr so optimistisch und hoffnungsvoll wie mit 20. Ihre Lebenserfahrung hat sie etwa gelehrt, dass Kinder eine finanzielle Belastung sein können.» Sie wissen, was sie an persönlicher und beruflicher Freiheit opfern müssten. Oder sie wünschen sich weitere Kinder, aber erst später.

Die Illusion der Emanzipation

Monika Lange – auch dies ein Pseudonym – drückt es so aus: «Ich wollte mein Leben im Griff behalten. Und meinen beiden kleinen Kindern eine gute Mutter bleiben.» Sie war Anfang 30 und verwitwet, als sie sich neu verliebte, schwanger wurde – und abtrieb. Sie wünschte sich zwar ein Kind mit diesem Mann, doch die Beziehung war noch jung. Es fehlte an Geld und an Energie: «Ich weiss, was es bedeutet, mit dem Baby in die Kita zu rennen, dann ins Büro und abends nach Hause, wo alle müde sind und etwas von mir wollen.»

Bevor sie Mutter geworden sei, sagt Lange, habe sie sich für eine emanzipierte, moderne Frau gehalten. «Aber sobald du Kinder hast, merkst du, dass das eine Illusion ist. Ich hatte immer Männer, die halfen, die mit den Kindern spielten und sie fütterten. Aber die mühsamen Pflichten blieben an mir hängen: Arzttermine und Kindergeburtstage organisieren, in der Kita anmelden – die ganze Grundversorgung eben.»

«Wie ein unaufgeklärtes Tüpfi»

Vergangenes Jahr meldeten die Ärzte in der Schweiz gut 10'000 Abtreibungen. Zum Vergleich: Knapp 85'000 Babys kamen zur Welt. Die Schweiz hat mit 6,2 Abtreibungen auf 1000 Frauen im gebärfähigen Alter eine der niedrigsten Abbruchraten in Europa. Der Eingriff bleibt ein gesellschaftliches Tabu.

Theres Blöchlinger sagt, viele litten darunter, dass sie sich niemandem anvertrauen können. «Ich erlebe immer wieder Frauen, die gestehen, dass sie sich früher nie hätten vorstellen können, abzutreiben. Sie sind entsetzt über sich selber.» Ein Gefühl, das Odette Fux nur zu gut kennt: Vier Monate nach der Abtreibung wurde sie nämlich erneut schwanger. Vom gleichen Mann, aus der gleichen falschen Annahme heraus, sie habe gerade nicht ihre fruchtbaren Tage. Sie, die Akademikerin, einst Kaderfrau, schämte sich, kam sich vor «wie ein unaufgeklärtes Tüpfi.» Wieder trieb sie ab.

Monika Lange wurde ebenfalls noch mal schwanger. Sie bekam ein Kind mit ihrem neuen Partner, wie sie es sich gewünscht hatte. Und dann, da war sie schon über 40, wieder ein positiver Schwangerschaftstest, der Mann war mittlerweile ein anderer. Lange hatte von der Pille bis zur Kupferspirale alle möglichen Verhütungsmittel ausprobiert – entweder vertrug sie sie nicht, oder ihre sexuelle Lust war dahin. Also fing sie an, ihre Körpertemperatur zu messen. «Irgendwann wurde ich unvorsichtig, schaltete den Kopf aus», sagt sie. «All die Jahre hatte ich immer nur funktioniert, ich lebte so kontrolliert. Nur beim Sex liess ich mich gehen.» Auch sie trieb erneut ab.

Mit dem Alter lässt die Vorsicht nach

In der sinkenden Abbruchrate bei den sehr jungen Frauen macht sich der bessere Sexualunterricht in den Schulen bemerkbar. Viele nehmen die Pille, auch um Akne und Mensbeschwerden zu lindern. Irgendwann wollen zahlreiche Frauen aber keine künstlichen Hormone mehr nehmen, sagt Helene Huldi, Präsidentin vom Arbeitskreis Abruptio und Kontrazeption. Manche setzen dann auf unsichere Verhütungsmethoden. «Einige Frauen werden nachlässig. Sie denken, sie hätten ihren Zyklus im Griff, und wissen nicht, dass dieser ab Ende 30 oft unregelmässig wird. Sie unterschätzen das Risiko, auch in höherem Alter schwanger zu werden.» In Ausnahmefällen ist dies bis ein Jahr nach der Menopause möglich.

Odette Fux und Monika Lange haben ihre Abtreibungen nur wenigen Personen anvertraut. Fux sagt: «Ich bin für meine Eltern die vernünftige Tochter, die ihr Leben im Griff hat. Ich will, dass sie das weiterhin glauben.» Lange sagt: «Das Problem ist die soziale Ächtung. Ich schäme mich zwar, dass ich nicht besser aufgepasst habe. Aber ein schlechtes Gewissen habe ich nicht.»

Und wo sind die Männer in dieser Geschichte? Sie spielen meist eine Nebenrolle. Am Ende, sagt Blöchlinger, entscheide die Frau fast immer: «Jüngere Frauen werden von aussen beeinflusst, von den Eltern oder dem Freund. Ältere entscheiden viel selbstbewusster.» Untersuchungen haben gezeigt, dass besonders das Gefühl, schweigen zu müssen, das soziale Stigma, traumatisch ist. Blöchlinger sagt: «Abtreibung wird als schlecht angesehen. Immer noch.» Dabei, darin sind sich alle Fachleute einig, tut sich keine Frau leicht mit dem Entscheid – nie.

Erstellt: 24.06.2018, 10:02 Uhr

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In der Schweiz treiben 95 Prozent der Frauen, die ihre Schwangerschaft beenden, innerhalb der ersten zwölf Wochen ab. Danach ist ein legaler Abbruch nur noch möglich, wenn ein Arzt feststellt, dass der Frau eine schwerwiegende körperliche Schädigung oder eine schwere seelische Notlage droht. So steht es seit 2002 im Straf­gesetzbuch. Drei von vier Abtreibungen erfolgen medikamentös, die restlichen chirurgisch. In ländlichen Gebieten sind Abbrüche seltener als in der Stadt.

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