Hintergrund

Blau gegen Grau

Der Amerikanische Bürgerkrieg (1861–1865) war ein gigantisches Blutbad. Für den britischen Historiker John Keegan standen sich damals vor allem Gegner und Anhänger der Sklaverei gegenüber.

Gettysburg brachte die Wende zugunsten der Nordstaaten. Gemälde «The Battle of Gettysburg» von Paul Philippoteaux.

Gettysburg brachte die Wende zugunsten der Nordstaaten. Gemälde «The Battle of Gettysburg» von Paul Philippoteaux. Bild: Keystone

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John Reynolds schlug sich die Hände vor den Kopf. Der Unionsgeneral war in Gefangenschaft geraten – an sich schon Schmach genug. Doch nun stand er auch noch vor seinem alten Freund General D. H. Hill, ein Jahrgangskamerad an der US-Militärakademie West Point. Hill aber trug die graue Uniform der Südstaatler und war deshalb ein Gegner. Die Grauen hatten an diesem 27. Juni 1862 bei Gaine’s Mill in Virginia die blauen Unionstruppen aus dem Norden geschlagen. «Hill, wir müssen keine Feinde sein», sagte der peinlich berührte Reynolds, als er nach verlorener Schlacht seinem Gebieter vorgeführt wurde, mit dem er Tisch und Zelt geteilt hatte. «Reg dich nicht auf», erwiderte Hill, «das Kriegsglück ist launisch.» Tatsächlich: Wenige Wochen später wurde der Nordstaatler Reynolds gegen einen gefangenen General aus dem Süden ausgetauscht.

Diese Episode sei nicht untypisch, schreibt der britische Militärhistoriker John Keegan in seinem neuen Buch «Der Amerikanische Bürgerkrieg». Einige Offiziere, die von 1861 bis 1865 auf verschiedenen Seiten dienten, hatten zuvor gemeinsam West Point durchlaufen – mit einem Bürgerkrieg hatten die 30 Millionen Einwohner Amerikas nicht gerechnet. Erst nachdem die Südstaatler am 12. April 1861 Fort Sumter beschossen und die Unionstruppen in der Garnison zur Kapitulation gezwungen hatten, begann hier wie dort die Mobilisierung. Fortan übten zahllose Männer, wie man marschiert und wie man schiesst.

Sie alle wollten Sklaven

Doch hatten sich der Norden und der Süden längst auseinandergelebt. Der Norden exportierte Kohle und Stahl, die Grossstädte Philadelphia und New York wurden zu Wirtschaftszentren mit gut bezahlten Jobs. Der Süden dagegen war im 18. Jahrhundert stehen geblieben, rustikal und ländlich. Grossflächig angebaut wurde Baumwolle. Zu Beginn des Jahrhunderts waren es 70'000 Ballen, 1860 schon mehr als 4 Millionen, wobei ein Ballen etwa 200 Kilogramm wog; die Nachfrage der britischen Textilindustrie war markant gestiegen.

Gepflückt wurde die Baumwolle von Sklaven. Und die gab es nur im Süden: Bis 1860 war ihre Zahl auf 4 Millionen angewachsen, alleine durch Fortpflanzung, denn der internationale Sklavenhandel war seit 1807 verboten – die Sklavenhalter waren zu Sklavenzüchtern geworden. Es gab jedoch nur wenige Grossgrundbesitzer mit mehr als 100 Sklaven, weissen Herrenhäusern und schönen Frauen wie Scarlett O’Hara im Film «Vom Winde verweht» oder Madeline Fabray aus «Fackeln im Sturm», der Fernsehserie über den Bürgerkrieg. Die meisten Südstaatler waren arm, 80 Prozent lebten noch als Selbstversorger. Aber sie alle wollten Sklaven: Wer mindestens 20 besass – das entsprach einem Wert von 20'000 Dollar –, galt als vermögend und erfolgreich.

Die kleine Frau, dessen Buch zum Krieg führte

Die Nordstaatler hingegen, obwohl gemäss Keegan «ohne Zweifel negrophob», schämten sich dafür, dass die USA als einziges westliches Land die Sklaverei noch erlaubten. Millionen wurden zu Abolitionisten, zu erklärten Gegnern der Sklaverei, nachdem sie Harriet Beecher Stowes «Onkel Toms Hütte» gelesen hatten. Hauptmotiv des 1852 erschienenen Romans war die familiäre Trennung: Durch den Verkauf von Sklaven verwaisten Kinder, wurden Ehepartner geschieden, vereinsamten Verwandte. Als Stowe Präsident Abraham Lincoln vorgestellt wurde, soll er gesagt haben: «Soso, dies also ist die kleine Frau, die das dicke Buch schrieb, das zum grossen Krieg führte.»

Auf Krieg standen die Zeichen ab Dezember 1860. Lincoln und seine Republikanische Partei hatten die Wahlen gewonnen, weil sie die Sklaverei ablehnten. South Carolina zog als erster Bundesstaat die Konsequenzen und trat am 20. Dezember 1860 aus der Union aus. In diesem Baumwollstaat gab es mehr Sklaven als Amerikaner. Am Ende sollten sich 11 Gliedstaaten mit gut 9 Millionen Einwohnern – die Hälfte davon Sklaven – von der Union abspalten und die Konföderierten Staaten von Amerika gründen. Hauptstadt wurde Richmond, Virginia, der erste und einzige Präsident war Jefferson Davis.

«Verweichlichte Yankees»

Zunächst verlief der Krieg wahllos, planlos und führungslos. Die Soldaten eines Regiments wählten ihre Vorgesetzten selbst und setzten sie auch wieder ab. Allerdings war der Amerikanische Bürgerkrieg «eines reichen Mannes Krieg, aber eines armen Mannes Kampf»: Landbursche aus dem Süden kämpfte gegen Landbursche aus dem Norden, der eine als Rebell, der andere für die Lincoln-Regierung, Johnny Reb gegen Billy Yank, wie sie generell genannt wurden. Der gebildete Billy Yank bewunderte seinen Gegner für dessen Schneid, der zähe Johnny Reb hingegen wollte den «verweichlichten Yankees» eine Tracht Prügel verabreichen.

Allerdings litt der Süden unter Nachschubproblemen, während sich der Norden auf sein ausgedehntes Eisenbahnnetz verlassen konnte. Für Keegan war «die ungeheure Weite des Territoriums» entscheidend. Das Gebiet allein der abtrünnigen Staaten hatte eine Fläche von 2,5 Millionen Quadratkilometern ohne durchgehende Strasse. Die Truppen waren verdammt zu langen Querfeldeinmärschen, und das ohne Landkarten.

Europäischer Kontext

Keegan, der Doyen der englischsprachigen Militärhistoriker, überzeugt vor allem dann, wenn er den Bürgerkrieg in die wirtschaftliche und soziale Entwicklung einordnet. Positiv ist auch, dass der Brite – anders als viele seiner amerikanischen Kollegen – den europäischen Kontext des Kriegs in Amerika nicht ausser Acht lässt. Generell ist das Buch gut lesbar, sieht man von einigen unnötigen Wiederholungen ab. Wenn Keegan die grossen Schlachten schildert, verliert er sich zudem in zahllosen Details, was vom Leser viel Ausdauer abverlangt – ohne die Schlachtkarte im Buchdeckel wäre man verloren.

Entschieden wurde der Abnützungskampf, nachdem die Nordstaatler den Mississippi erobert und das Gebiet der Südstaatler gespaltet hatten. Bereits zuvor hatte die US-Marine den Süden vom Atlantik und dem Golf von Mexiko her eingeschlossen. Die Exporte nach Europa sanken um zwei Drittel, die Baumwolle blieb liegen.

Wende bei Gettysburg

Die Wende hatte Gettysburg Anfang Juli 1863 gebracht: Zunächst konnte die Unionskavallerie die Kleinstadt in Pennsylvania nur mit viel Mühe verteidigen. Es war dann John Reynolds, der ein Jahr zuvor gefangen genommene General, der zu Hilfe kam. Auf dem Schlachtfeld eingetroffen, entsandte er sofort einen Meldeläufer mit einer Nachricht ins Hauptquartier der Nordstaatler. «Ich werde um jeden Zollbreit kämpfen», schrieb er, «und falls ich in die Stadt zurückgedrängt werden sollte, verbarrikadiere ich die Strassen.» So weit kam es nicht: Die Blauen fügten den Grauen eine epochale Niederlage zu und holten sich so den Glauben an den Sieg zurück. General Reynolds sollte ihn nicht mehr erleben: Kaum hatte er seinen Meldeläufer losgeschickt, wurde er von einer Kugel getroffen und starb.

620'000 Tote waren es insgesamt, 360'000 bei der Union, 260'000 bei der Konföderation. Allerdings starben zwei Drittel der Soldaten an Krankheiten wie Malaria und Typhus. Nie hatten die USA in einem Krieg mehr Opfer zu beklagen, weder in den beiden Weltkriegen noch in Korea, Vietnam oder im Irak und in Afghanistan.

«Amerikaner blieben Amerikaner»

Den Ehrenfriedhof in Gettysburg weihte Präsident Lincoln ein. Seine kurze Rede wurde zu seiner berühmtesten: «Wir geloben, dass die Toten nicht vergeblich gefallen sein sollen, dass diese Nation unter Gottes Fügung zu neuer Freiheit geboren werde.» Dies gelang, weil die Menschen im Norden und im Süden – ungeachtet aller Gegensätze – nicht grundverschieden waren. «Trotz des Kriegs blieben Amerikaner Amerikaner», hält Keegan fest.

Und die ehemaligen Sklaven? Durch den Krieg wurden auch sie zu Amerikanern, arm aber blieben sie. Sie waren ungebildet, und es fehlte ihnen das Startkapital, um sich eine Existenz aufzubauen. Selbst im Norden hatte kaum jemand Interesse an ihrem Schicksal. Bis die Schwarzen faktisch gleichberechtigt waren, verging ein weiteres Jahrhundert. Und sogar noch fast 150 Jahre sollte es dauern, bis es ein Afroamerikaner ins Weisse Haus schaffte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.01.2011, 20:18 Uhr

Blau: die 11 Konföderierten Staaten von Amerika (Südstaaten).

150 Jahre danach: Gedenkjahr in den USA

Der Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 ist tief im Bewusstsein der Amerikaner verankert. Gedenkstätten und Museen erinnern an die mehr als 300 namentlich bekannten Schlachten. Nun steht ein besonderes Erinnerungsjahr an, weil sich der Ausbruch des Kriegs am 12. April 2011 zum 150. Mal jährt.

Allerdings ist das Gedenken bereits stark politisiert. So wurde kürzlich in Charleston die Abspaltung des Gliedstaates South Carolina mit einem «Sezessions-Ball» gefeiert, um «die tapferen Männer zu ehren, die sich gegen die überdominante Zentralregierung erhoben hatten», wie die Organisatoren schrieben. Solche Aussagen erinnern an die aktuelle US-Politik. Und tatsächlich bringt die Tea Party dem ersten afroamerikanischen Präsidenten ähnlich viel Hass entgegen wie einst die Plantagenbesitzer und Sklavenhalter aus dem Süden Abraham Lincoln. Exponenten der rechtskonservativen Protestpartei haben denn auch angekündigt, 2011 ans Erbe der Südstaaten und der Konföderation zu erinnern – ohne allerdings die Sklaverei auch nur zu erwähnen.

Sarah Palin, das Aushängeschild der Tea Party, hatte bereits 2008 im Wahlkampf über Barack Obama gesagt: «He is not one of us», «er ist keiner von uns.» Eine Äusserung, die nicht nur afroamerikanische Kommentatoren als rassistisch empfanden, zumal First Lady Michelle Obama von ehemaligen Sklaven abstammt. Ironie der Geschichte ist, dass der vom Demokraten Obama verehrte Lincoln ein Republikaner war – so wie die meisten Mitglieder der Tea Party.(chm)

Das Buch

John Keegan: Der Amerikanische Bürgerkrieg. Rowohlt-Verlag, Berlin 2010.512 Seiten, ca. 40 Fr.

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