Blind – und doch weitsichtiger als viele Sehende

Der mehrfachbehinderte Professor Nils Jent arbeitet eng mit einer Nichtbehinderten zusammen. Das ist seine Vision für die Gesellschaft. Morgen spricht er darüber im Zürcher Grossmünster.

Wird Nils Jent auf seine Behinderung reduziert, nennt er seinen Titel. Foto: Daniel Ammann

Wird Nils Jent auf seine Behinderung reduziert, nennt er seinen Titel. Foto: Daniel Ammann

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Viele Menschen haben eine starke Ausstrahlung, aber er übertrifft die meisten. Er lacht spitzbübischer, seine Augen sind wacher, sein ganzer Körper markiert mehr Präsenz. «Ich strahle etwas aus, weil ich eine gute Beziehung zu meinem Körper habe», sagt Nils Jent, auf einem Bürostuhl mit Rädern sitzend, adrett gekleidet, barfuss. Seine Augen fokussieren das Gegenüber. Doch Professor Jent ist seit 34 Jahren blind, sprechbehindert und partiell gelähmt. Barfuss kann er seinen Stuhl besser über den Steinboden seiner Wohnung steuern. Damals, mit 18 Jahren, hatte er einen schweren Motorradunfall. Während der Notoperation stand sein Herz zweimal still, insgesamt acht Minuten. Lange lag er im Koma. «Ich habe keine Aggression gegen meinen Körper. Eher bin ich ihm dankbar, denn ich strapaziere meine Gesundheit bis ans Limit. Und dies meist ohne Folgen.»

Hinter die Maske hören

Jent hat die Matura nachgeholt, Ökonomie studiert, promoviert und leitet heute die angewandte Forschung des Center for Disability and Integration an der Hochschule St. Gallen (HSG). Weil man seine Blindheit nicht auf den ersten Blick erkennt, sagt er bald einmal: «Sie wissen schon, dass ich nichts sehe.» Dann lacht er herzhaft. Selbstironie und offen mit seiner Behinderung umzugehen, hat Jent in all den Jahren gelernt. Unmittelbar nach dem Unfall habe er sich teilweise wie eine «Fussmatte» gefühlt. Deshalb setzte er alles daran, wieder ein aktiver Teil der Gesellschaft zu sein.

Heute ist die Blindheit für ihn ein Mehrwert. Optisch sehend, berge die Versuchung, sich täuschen oder sich von äusserlich Fesselndem ablenken zu lassen. «Ich sehe hinter die Maske und kann den Menschen anhand seiner Stimme fairer beurteilen als ehedem.» Wer im Gespräch mit Jent selber die Augen schliesst, weiss, was Jent meint, und versteht ihn akustisch besser.

Die Wortbehinderung schränkt ihn mehr ein. Sprechen kostet ihn viel Energie, weil er neben den Gedanken auch die Mund- und Zungenmuskulatur bewusst steuern muss. Sobald er sich in der Öffentlichkeit artikuliert, wird er auf die Behinderung reduziert. Dies, obwohl sein Leben schon zigmal beschrieben und gar verfilmt wurde und er vor drei Jahren fast «Schweizer des Jahres» geworden wäre. Da hilft manchmal einzig, dass er seinen Professorentitel nennt – als Beweis dafür, dass er seinen Beitrag zur Gesellschaft sehr wohl leisten kann. «Ich koche, wenn ich den Satz ‹Behinderte sind auch Menschen› höre. Nun, wir sind tatsächlich Menschen, keine Sachen, und wir können etwas bewirken.»

Spannende Sisyphusarbeit

Auch wenn Nils Jent alleine am Rosenberghügel wohnt und in der Wohnung einzig der Rollstuhl sowie die spezielle Computertastatur auf seine Behinderung hindeuten, funktioniert sein Leben nur im Miteinander. Explizit pflegt er das beruflich in der Arbeitspartnerschaft mit Regula Dietsche. Die Doktorin der Sozialwissenschaften ist auf die Vielfalt der Menschen im Arbeitsprozess spezialisiert. Seit vier Jahren erforschen sie gemeinsam das Optimierungspotenzial der menschlichen Vielfalt in Unternehmen. «Sobald Firmen andersartige Menschen wie Nils Jent als Chance sehen, können beide Seiten längerfristig davon profitieren», sagt Dietsche. Jent lehrt dazu auch an der HSG. In den ersten Vorlesungen spürte er, dass die Studenten seine Behinderung befremdete. Heute kennen und schätzen sie ihn. Nicht selten steht Dietsche an seiner Seite. «Dann rocken wir zusammen den Saal», sagt Jent augenzwinkernd.

Miteinander beraten die beiden auch konkret Unternehmen. Das sei eine fordernde, aber spannende Sisyphusarbeit, denn es brauche viel Zeit, bis sich in den Unternehmen die Werthaltung des Miteinanders etabliere. Dietsche sagt: «Die Gleichstellung von Frau und Mann hat auch nicht von heute auf morgen stattgefunden und ist ja auch noch lange nicht abgeschlossen.»

Dietsche und Jent ergänzen sich optimal. Sie sieht hinter etwas, er hört dahinter. Sie kompensiert die Nachteile, die Jent wegen seiner Behinderung hat, er minimiert die ihrigen als Sehende. Er ist gegen innen fokussiert, sie gegen aussen. Und sie arbeitet als Sehende vom Grossen zum Kleinen, er vom Kleinen zum Grossen. Mit einem ebenfalls Blinden an Jents Seite würde das nicht gehen. Jent sagt: «Mehr vom Gleichen schafft keine zusätzlichen Qualitäten.»

Agil wie eine Schildkröte

Der Unfall hat Nils Jent zur Langsamkeit gezwungen. Obwohl sein Kopf blitzschnell agiert, macht sein Körper das nicht mit. Manchmal vergisst er, dass er im Rollstuhl sitzt, hastet und stürzt. Dann muss er sich darauf besinnen, dass für ihn das Hier und Jetzt zählen. «Aber ich bin schneller, als man meint.» Gerne vergleicht er sich mit der Schildkröte, dem alten, weisen Tier. Seit dem Unfall sammelt er sie. Exemplare aus Stein, Glas und Ton schmücken seine Stube. Dominiert wird der Raum von einer Stereoanlage. Musik ist Jents Ausgleich. Von Heavy Metal bis Klassik höre er sich alles an. Just liegt Mussorgskis «Bilder einer Ausstellung» im CD-Spieler.

Die Kraft, die ihn damals während der Operation ins Leben zurückgebracht hat, versteht er heute als Heilung. «Ich habe dadurch die Chance erhalten, mich auf das Wesentliche zu fokussieren.» Vor dem Unfall hatte er sich in Musik, Sport und Schule verzettelt. «Ich hätte mich niemals so entwickeln können», sagt er. Körperlich aber hat Jents Fokussiertheit gelitten. Er kann heute nicht mehr am Stock gehen wie einst. Er hat sich bewusst dafür entschieden, auf Kosten der körperlichen Fitness seine ganze Kraft auf die Forschung zu legen. Heute lebt er von der IV unabhängig und nimmt als gleichwertiges Mitglied an unserer Gesellschaft teil. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.03.2015, 21:52 Uhr

Predigt im Grossmünster

Die wunderbare Heilung

Morgen Sonntag sind Nils Jent und seine Arbeitspartnerin Regula Dietsche zu Gast im Grossmünster. Gemeinsam mit Pfarrer Christoph Sigrist werden sie die «wunderbare Heilung» aus dem Matthäus-Evangelium XI (Kapitel 9, Vers 27 bis 31) auslegen. Sie beschreibt, wie Jesus den Blinden die Augen geöffnet hat. Obwohl er sie ermahnte, nichts davon zu erzählen, berichteten sie allen davon. Für Pfarrer Sigrist widerspiegelt der Stoff der Predigt das Leben, das er aus biblischer Sicht beleuchten will. Dafür kommt Sigrist von der Kanzel herunter und unterhält sich mit seinen Gästen beim Taufstein.
8. März, 10 Uhr, Grossmünster.

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