Hintergrund

Bomben, Kopftuch und Kondome

Die Kriegsberichterstatterin Rosie Garthwaite ist eine aussergewöhnliche Journalistin, die ein aussergewöhnliches Buch geschrieben hat. Es soll Frauen das Leben retten.

«Es ist besser, zwei Tage in einem Minenfeld zu verbringen als das restliche Leben als Amputierter»: Journalistin und Buchautorin Rosie Garthwaite.

«Es ist besser, zwei Tage in einem Minenfeld zu verbringen als das restliche Leben als Amputierter»: Journalistin und Buchautorin Rosie Garthwaite. Bild: Reuters

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Eine Kriegsreporterin, eine Kriegsgurgel gar, würde man in ihr nie vermuten. Rosie Garthwaite ist eine äusserst gewinnende, stets sehr gepflegt auftretende Frau. Sie ist Anfang dreissig, blond, von sportlicher Statur und ihr Arbeitgeber, der arabische Nachrichtensender al-Jazeera, weiss nur zu gut, weshalb er Journalistin Garthwaite auch als News-Moderatorin im Studio einsetzt: Weil sie, selbstverständlich, kompetent ist. Aber auch, weil eine solch attraktive Frau dem männlichen Publikum gefällt. (Lesen Sie auch: «Sie wollen nach oben? Dann vergessen Sie jetzt mal alles, was Sie gelernt haben»)

Dass eine Frau als Frontberichterstatterin – Garthwaite berichtete vor allem aus dem Irakkrieg – Karriere macht, ist ungewöhnlich genug. Dass sie nun noch als Autorin eines Überlebensratgebers «für die gefährlichsten Orte der Welt» die Bestsellerlisten stürmt, zeigt obendrein, wie stark die gebürtige Engländerin offenbar eine Herausforderung verspürt, sich in fremde Territorien zu wagen, um dort gewissermassen als Pionierin Dinge zu tun, die man Frauen nicht unbedingt zutraut.

Das Einmaleins des Überlebens

Survival-Fibeln gibt es viele. Doch Garthwaites nun ins Deutsche übersetzte Überlebenshandbuch ist das Erste dieser Werke aus der Feder einer Frau. Und das Erste, das sich spezifisch weiblichen Problemen und Gefährdungen widmet, die auftreten etwa im Minenfeld, im Hochwassergebiet, zwischen den Fronten oder gar in Geiselhaft. Das klingt spannend, nicht? Ein paar Beispiele aus Garthwaites Werk.

  • Das erste Gebot in islamischen Ländern. «Als Frau müssen Sie stets etwas dabei haben, was sich als Kopftuch verwenden lässt, falls man irgendwo den Eindruck hat, man braucht eines», schreibt Garthwaite in ihrem Buch.
  • Mangelware Tampons. «Tampons sind oft schwer zu finden. Sei es auch nur, weil Sie sich als Frau nicht getrauen, den Dolmetscher oder den Fahrer danach zu fragen. Abenteuerliche Kolleginnen haben mir in Basra die Verwendung von zusammengerolltem Toilettenpapier oder Küchentüchern empfohlen. Ich habe mir immer Tampons aus sauberem Verbandsmaterial gebastelt.»
  • Allzweck-Waffe Präservativ. Frauen sollten, so rät die blonde Al- Jazeera-Frau, niemals ohne Kondome in ein Kriegsgebiet reisen. Ja, richtig gehört. Und zwar nicht wegen der Empfängnisverhütung. Nein. Garthwaite: «Kondome sind einfach unschlagbar praktisch. Man kann damit seine Finger und Füsse vor Keimen und Feuchtigkeit schützen. Oder Wasser darin transportieren. Oder elektronische Geräte staubdicht verpacken.» (Und wenn wir schon beim Thema sind – lesen Sie hier: «Sex mit Louis Vuitton – das teuerste Kondom der Welt»)
  • BH-Zwang in Gefahrengebieten. Frauen mit grossem Busen, so Kriegsexpertin Garthwaite, sollten in brenzligen Situationen nie ohne Büstenhalter schlafen. «Eine Ärztin, die bei Médecins sans Frontières arbeitete, hat mir erzählt, wie sie im Südsudan einmal beinahe einen Bombenangriff verschlafen hatte und gerade noch flüchten konnte. Die Ärztin fühlte sich beim Fliehen durch ihren grossen Busen ziemlich gehandicapt – denn sie hatte keine Zeit mehr gefunden, ihren Büstenhalter anzuziehen.»
  • Weibliche Körpersprache. «Für Frauen ist es elementar, ihre eigene Körpersprache zu kennen und unter Kontrolle zu haben», schreibt Garthwaite. Und: «Wenn es nötig war, einen Grenzposten anzulächeln, um passieren zu dürfen, habe ich das gemacht.»
  • Apropos Minenfeld: Ob Frau oder Mann, wer in ein Minenfeld gerät, sollte einfach gar nichts mehr tun, ausser auf Hilfe von aussen warten. Wenn nötig auch sehr, sehr lange. Garthwaite: «Es ist besser, zwei Tage in einem Minenfeld zu verbringen, als das restliche Leben als Amputierter.»

Krieg und Sex: Ein unheimliches Paar

Überlebensratgeber sind ein eher sonderbares Genre – aber seit Jahren ein sicherer Wert auf dem Buchmarkt. Ein millionenfach verkaufter Klassiker ist etwa der Titel «Worst-Case-Szenario Survival Handbook» (von David Borgenicht und Joshua Piven), ein Leitfaden für Ernstfälle, der seinen Käufern so nützliche Dinge lehrt wie die Selbstbefreiung aus dem Rachen eines Alligators («Schlagen Sie dem Tier auf die Schnauze») oder das Verhalten in einem im Wasser versinkenden Wagen («Halten Sie die Luft an»).

Rosie Garthwaites Absichten mit ihrem «Handbuch für die gefährlichsten Orte der Welt» sind durchaus ernsthaft. Sie will Frauen vor den in Kriegsgebieten drohenden Gefahren warnen, und hat damit das Buch geschrieben, das sie zu Beginn ihrer Karriere gern gehabt hätte.

Garthwaite tut dies gründlich. Und kommt so auch auf ein ganz besonderes Thema zu sprechen: Liebe und Sex in kritischen Situationen. «Ist man in Lebensgefahr und von Menschen umgeben, die unter demselben Druck stehen», schreibt Garthwaite, «ist das die beste Voraussetzung für eine sexuelle Explosion.» Über ihre Zeit als Korrespondentin aus dem Irak berichtet sie: «In Bagdad gab es Leute, die von Bett zu Bett hüpften wie die Karnickel. Die Stadt war ein gesetzloser Raum, und für eine kleine, aber hartgesottene Minderheit von Ausländern galt das auch fürs Schlafzimmer. Krieg und Sex scheinen miteinander zu korrelieren. Die physische und psychische Belastung ist enorm, alle stehen unter Druck, es liegt immer eine gewisse sexuelle Spannung in der Luft. Aber feste Beziehungen entstehen selten. Der Gelegenheitssex in Kriegsgebieten führt leider nur zu oft zu gebrochenen Herzen und zerbrochenen Ehen.» (Über ähnliche Aspekte im zivilen Leben lesen Sie mehr hier: «So merken Sie, ob Sie ankommen»)

Für beide Geschlechter hält Garthwaite bei diesem Problem in ihrem Überlebensratgeber dieselbe simple Lösung parat: «Es ist heikel, in Konfliktgebieten, vor allem in islamischen Ländern, Sex zu haben. Angesichts der dort herrschenden Bräuche und Traditionen setzt man dabei womöglich sein Leben aufs Spiel. Mein Rat lautet: zu onanieren.»

Und wenn Sie als Frau dieses Buch immer noch nicht interessiert, so ist es zumindest ein toller Geschenktipp. Jeder Mann wird es mit Begeisterung verschlingen.

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Erstellt: 19.12.2011, 21:35 Uhr

Garthwaite im Studio des Nachrichtensenders al-Jazeera.

Rosie Garthwaite: Handbuch für die gefährlichsten Orte der Welt. Verlag Bloomsbury, Berlin 2011, 304 Seiten, ca. 30 Franken.

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