Brandstifter für die Zukunft?

Die Antwort auf eine Frage rund um die «homogene Gesellschaft».

Nicht einmal Familien sind homogen, und es tut dem relativen Familienfrieden nur gut, das bei Zeiten einzusehen. Foto: Christian Charisius (Keystone)

Nicht einmal Familien sind homogen, und es tut dem relativen Familienfrieden nur gut, das bei Zeiten einzusehen. Foto: Christian Charisius (Keystone)

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Sind Menschen, die relativ friedlichen homogenen Gesellschaften eine multikulturelle Gesellschaft aufzwingen wollen, auch in Kombinationen, die erfahrungsgemäss nicht funktionieren, sind also diese Menschen besonders human und intelligent oder verantwortungslos, schlimmstenfalls Brandstifter für die Zukunft?
W. Z.

Lieber Herr Z.
Ich glaube, ich weiss, was Sie meinen. Allerdings sehe ich das, was Sie meinen, ziemlich anders als Sie. Was Sie in Ihrer Frage voraussetzen, ist ja schon Ihre Antwort: Es gibt unter uns Menschen, die uns Homogenen eine Multikulturalität verordnen wollen, von der man doch weiss, dass sie nur in einer Katastrophe enden kann.

Wo existieren diese homogenen Gesellschaften? In Spanien? In Katalonien? Im jüdisch-christlichen Abendland, das bekanntlich immer wieder einmal den ersten Teil seiner adjektivischen Wesens­bestimmung auszurotten versucht hat, weil so viel multikulturelle Heterogenität nicht funktionieren konnte?

Eine homogene Gesellschaft ist eine absurde Vorstellung.

«Erfahrungsgemäss» zeigt sich doch wohl eher, dass alle Versuche, Gesellschaften zu homogenisieren, wie Brandsätze funktionieren. Vielleicht kann ein Kaninchenzüchterverein homogen sein, jedenfalls hinsichtlich seines Vereinszwecks; eine homogene Gesellschaft ist eine absurde Vorstellung. Nicht einmal Familien sind homogen, und es tut dem relativen Familienfrieden nur gut, das bei Zeiten einzusehen.

Ebenso sind Gesellschaften nicht monokulturell und Kulturen nicht homogen. Ihre Heterogenität (oder eben: Multikulturalität) ist keine «humane» Forderung, sondern eine schlichte Realität. Sie ist nichts, was man erzwingen kann bzw. nicht erzwingen sollte – sie ist einfach da. Man kann sie allenfalls verleugnen.

Die Mitglieder einer Gesellschaft sind keine Klone, sondern Individuen, die sich dadurch vergesellschaften, indem sie an etwas Gemeinsamem teilnehmen. «Das Gemeinsame ist das, was geteilt wird», schreibt der französische Sinologe und Philosoph François Jullien in seinem Buch «Es gibt keine kulturelle Identität»: «Es war dieses Konzept, von dem aus die Griechen die Polis entworfen haben. Im Gegensatz zum Gleichförmigen ist das Gemeinsame nicht das Gleichartige – eine besonders wichtige Unterscheidung in einer Zeit, in der wir unter dem von der Globalisierung auferlegten Regime der Uniformität versucht sind, das Gemeinsame auf das Ähnliche zu reduzieren, anders ausgedrückt: auf die Assimilation. Gemeinschaftlichkeit qua Gleichartigkeit ist jedoch – wenn wir in solchen Fällen überhaupt von Gemeinschaftlichkeit sprechen wollen – ärmlich.» Es ist so ärmlich wie die identischen Produkte der Massenproduktion, die heute begehrt sein mögen, aber morgen schon der Müll sind, an dem wir zu ersticken drohen.


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.01.2018, 14:26 Uhr

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