Bye-bye Hipster

Der Typ, der mit ausgesuchten Retrokleidern seine Individualität inszeniert, ist von gestern. Heute macht er auf 08/15 – und bleibt doch derselbe.

Hipster? Normcore? Fauxsumer? Hauptsache individuell. Foto: Giorgia Müller

Hipster? Normcore? Fauxsumer? Hauptsache individuell. Foto: Giorgia Müller

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Irgendwann sterben Begriffe. Weil sie überstrapaziert sind, ausgeleiert wie eine alte Hose, abgewetzt wie ein Stuhl vom Brockenhaus. Sie werden zu Museumsstücken, die langweilen.

«Punk». Niemand weiss mehr richtig, was das war. Und die es wussten, greifen zu nostalgischen Fotobänden über ihre besten Jahre. Oder der «Hipster». Neulich, bei Tally Weijl an der Bahnhofstrasse. Zwei Teenager. Die eine im T-Shirt, auf dem «Bullshit» stand, meinte zur anderen mit dem Ethno-Print-Shirt: «Du bisch so en huere Hipster.»

Die Hipster, die das noch nicht mitbekommen haben, und es wimmelt von ihnen in Zürich, sitzen derweil in Frau Gerolds Garten, vor dem Helsinki oder auf dem Idaplatz. Sie trinken Kaffee in Lokalen, die aussehen wie zu Omas Zeiten oder, natürlich, wie in Berlin.

Überhaupt ist Zürich eine «Wie in . . .»-Stadt. Eine Stadt, die sich selbst nicht genügt, die ständig den «Wie in Berlin»-, «Wie in New York»-Vergleich sucht.

Hipster schnöden über Hipster

Die Männer streichen sich über ihre Bärte, sie blicken auf den Vintagemöbelladen gegenüber und denken an die Party auf dem Koch-Areal. Sie schnöden über den Ballermann auf der Langstrasse, über das Xenix, wo auch nur noch die Agglos rumstehen. Und natürlich schnödet der Hipster über den Hipster. Seit je. Er arbeitet sich regelrecht ab an seinem eigenen Phänomen, produziert Filmchen und macht sich darin selbst zum Witz.

Der Hipster ist müde geworden. Nicht nur sehen Bars und Clubs zwischen Tel Aviv und Stockholm alle gleich aus, auch er versinkt im Einerlei. Trotzdem eröffnet in Zürich immer wieder ein neues Retrolokal, ein Cupcake-Store, und die Röhrenjeans und Jutebeutel hängen noch immer in den Läden.

Der Hipster, so wie wir ihn kennen, tauchte in der Schweiz um die Jahrtausendwende auf. Damals trug er noch Ziegenbärtchen, und die Lifestyle-Redaktoren schwärmten von der «gegenkulturellen, zeichenkundigen Hipster-Szene». Im Les Halles, mitten in der Industriebrache des Kreises 5, trafen sie sich mit ihren Freitag-Taschen und zelebrierten ihre «Bio-Trend-Credibility», um danach an irgendeine Drum-’n’-Bass-Party durch die Nacht zu hopsen. Sie waren unter sich, sie waren individuell.

Den nahen Tod des Hipster muss die New Yorker Kreativ-Marketingagentur K‑Hole gespürt haben, als sie Ende 2013 den Begriff «Normcore» in die Welt setzte. Wie Verdurstende saugen die Hipster seither dieses Wort auf. Endlich sind sie befreit davon, krampfhaft individuell auftreten zu müssen, denn genau das verspricht Normcore.

«Cool» zu sein, hat nichts mehr mit dem modischen Freak zu tun, der sich abheben will. Der Hipster soll in der Masse verschwinden. Normal zu sein, ist für ihn kein Horrorszenario mehr, weil es «normal» nicht mehr gibt.

Zitierte Normalität

Normcore ist ein eigentlicher Antitrend. Die Empathie löst die Rebellion ab. Der Ex-Hipster kauft sich sein Outfit online oder zusammen mit Frau Müller und Herrn Meier aus Albisrieden im Shoppingcenter. Sportsocken, Turnschuhe, ein simples Shirt. Nur halten ihn deswegen weder Frau Müller noch Herr Meier für ihresgleichen. Da bleibt sich der Hipster treu: Er zitiert, diesmal halt die Normalität.

Vielleicht war das ganze Hipster-­Phänomen der letzte Lifestyle, der nicht durch eine Marketingagentur geboren wurde. Und bereits geistert neben Normcore schon das nächste Phänomen durchs weltweite Netz:

«Fauxsumerism», was so etwas wie «vorgegaukeltes Konsumieren» be­deutet. Die Normcore-Twens browsen durch Onlineshops, füllen aus Spass ihre Einkaufskörbe, die sie später wieder ­löschen, ohne etwas gekauft zu haben – Schaufensterbummeln im Internet. Der Hipster, der noch in seinem Retroladen einkaufen geht – er sieht wirklich alt aus.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.05.2014, 09:58 Uhr

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