Cogito ergo sum – wirklich?

Die Antwort auf eine Leserfrage zu Descartes' Denkanstoss.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass es nicht gut bestellt ist um ein voraussetzungsloses Wissen: Schädel des französischen Philosophen René Descartes (1596-1650) im Musée de l'Homme in Paris. Foto: Francois Mori (AP)

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass es nicht gut bestellt ist um ein voraussetzungsloses Wissen: Schädel des französischen Philosophen René Descartes (1596-1650) im Musée de l'Homme in Paris. Foto: Francois Mori (AP)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mit dem berühmten Satz von Descartes «Cogito ergo sum» habe ich Mühe. Nach dieser Aussage existiert der Mensch nur, wenn sein Denkapparat «richtig» funktioniert, ergo verstandesgemäss. Wie kann man die Aussage von Descartes nachvollziehen bzw. verstehen? Es hat schon immer geistig Kranke gegeben, und in unserer Zeit gibt es je länger, je mehr Menschen mit Demenz und Alzheimer. Sie «sind» alle auch, trotz ihrer Behinderung.
H. T.

Lieber Herr T.
Mit Ihrem letzten Satz haben Sie völlig recht: Auch Menschen mit Demenz «sind», und zwar Menschen. Und keine geistige Einschränkung kann das Existenzrecht eines Menschen einschränken. Womit Sie nicht recht haben, ist mit Ihrer Interpretation des Satzes von René Descartes. Descartes geht es um etwas völlig anderes, nämlich um die Frage, ob es ein Fundament für eine sichere Erkenntnis gibt. «Cogito ergo sum» ist die Antwort auf die Frage, die Descartes in den «Meditationen über die Grundlagen der Philosophie» in einem Gedankenexperiment verfolgt. Am Anfang steht ein radikaler Zweifel: Was bleibt, wenn ich dem Verdacht nachgebe, ich könnte mich in all meinen Wahrnehmungen täuschen? Das Ergebnis ist mager: Das einzig Gewisse ist letztlich die unbezweifelbare Tatsache eines zweifelnden Ich.

Wie aber kommen wir von diesem archimedischen Punkt zurück zur Erkenntnis der Welt, die wir im Alltag als selbstverständlich voraussetzen müssen? Für diese Aufbauleistung – die Rekonstruktion des Wissens nach dessen vollständiger Dekonstruktion – braucht Descartes keinen Geringeren als Gott.

Zum Begriff Gottes gehört der Begriff göttlicher Vollkommenheit. Die Ursache dieser Vorstellung kann nicht aus uns selbst kommen. So muss sie eine «äussere» Ursache haben: einen Gott, der uns nicht täuschen will. (Eine abenteuerliche Beweisführung.) Wahre Erkenntnis ist möglich, doch dazu bedarf es einer besonderen Disziplin beim Erkennenden: «Wenn ich nur den Willen beim Urteilen so in Schranken halte, dass er sich auf das allein erstreckt, was ihm der Verstand klar und deutlich vorstellt, so kann ich offenbar nicht irren. Denn ein jedes klare und deutliche Erfassen ist zweifellos irgend Etwas und kann demnach nicht aus nichts stammen, sondern es hat notwendig Gott zum Urheber, jenen höchst vollkommenen Gott, sage ich, mit dem Betrug nicht vereinbar ist, und so ist es ohne Zweifel wahr.»

Was von Descartes bleibt, ist die Erkenntnis, dass es nicht gut bestellt ist um ein voraussetzungsloses Wissen. Und es bleibt der Zweifel als Methode. Aber nicht als Methode für eine Letzt­begründung, sondern für eine dauernde Überprüfung und Reflexion des einmal für richtig Gehaltenen. Wir können freilich niemals alles gleichzeitig infrage stellen – aber immer wieder etwas aus immer wieder anderer Perspektive.


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Psychologie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.04.2016, 16:13 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blogs

Geldblog Kudelski braucht noch Zeit für Neues

History Reloaded Der radikale Moralist

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Abkühlung: Der kleine Gorilla Virunga wird von seiner Mutter Nalani durch den Biopark Valencia in Spanien getragen. Virunga ist der zweite Gorilla, der im Rahmen des europäischen Artenschutzprogrammes geboren wurde. (17.August 2018)
(Bild: Manuel Bruque/EPA) Mehr...