Damals, im Turnverein ...

Das Eidgenössische Turnfest läuft. Auch wir haben mal geturnt – oder turnen immer noch. Hier unsere besten Anekdoten.

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Eidgenössisches Turnfest in Bern, 1996. Das ist lange her. Deshalb teilen wir hier unsere Erinnerungen und brandaktuellen Geschichten rund um unsere Turnerfahrungen mit Ihnen. Alle Bilder: Keystone, iStock

Die Choreografie war kaum der Rede wert, nur die Ausführung war noch grottiger. Nicht synchron, ausser Takt, ohne Körperspannung, null Ambition. Aber als das letzte schlenkernde Bein auspendelte, explodierte der Saal vor manischem Applaus und lautem Gejohle. Dann hob ein vielstimmiger Choral an, der unerbittlich nach einer Zugabe verlangte. Die Fremdscham kroch mir in jede Pore. Konnte es sein, dass die Gefeierten da oben auf der Bühne nicht verstanden, was hier gerade vor sich ging? Oder hatten sie es genau darauf angelegt? Und was wäre peinlicher? Es war ein später Abend in den Neunzigerjahren, ein schwitzender Gemeindesaal im Zürcher Oberland, Auftritt der Frauenriege. Sie hatten sich in quer gestreifte Ganzkörperanzüge gequetscht – Häftlinge in der Badeanstalt? – und hüpften zu einem Eurodance-Track auf und ab, auf und ab, auf und ab. Das war die ganze Show. Aber der Anlass für die bierseelige Begeisterung war natürlich ein anderer: die versammelten Brüste des Dorfes, die da fröhlich mithüpften, in ihrer ganzen Vielfalt überdeutlich sichtbar dank der Querstreifen. Ich schwor mir an jenem Abend, dass dies mein erstes und letztes Turnerkränzli war, selbst wenn in ferner Zukunft irgendein Schlaumeier behaupten sollte, dass Turnen jetzt wieder cool sei. Denn es gab natürlich eine Zugabe. (hub)

Die Aufregung war vergleichbar mit jener von Bräuten, die am Morgen ihrer Hochzeit endlich in ihr weisses Traumkleid schlüpfen. Wir durften im Morgengrauen des Turnfestes zum ersten Mal den neuen Gymnastikdress mit den langen, roten Ärmeln anziehen und dazu unseren ganzen Stolz: den Stoffgürtel mit den Plaketten der vergangenen Turnfeste. Aber etwas stimmte damit nicht, der Gürtel war viel zu lose. Statt eng an der Taille anzuliegen, rutschte er uns fast über die Hüften. Unsere Mütter hatten sich beim Zusammennähen in der Länge vertan! Wir protestierten heftig, unsere Cousine brach in Tränen aus. Auf der Fahrt zum Turnfest trösteten wir uns mit den Chips, Caramelbonbons und dem Sandwich aus unserem Rucksack. Nach unserer Geräteaufführung gönnten wir uns von unserem Sackgeld eine Bratwurst. Und eine Raketenglace. Und ein Rivella. Vor dem absoluten Höhepunkt jedes Turnfestes, der Stafette, versuchten wir unsere Nervosität mit einem grossen Becher Sinalco zu stillen. Das war der Moment, als meiner Cousine der Gürtel platzte. (dj)

«Das ist wie Basketball – einfach ohne Brett. Aber bitte nicht mit Faustball verwechseln!» Es ist bisweilen mühsam, Bekannten zu erklären, was ich genau im Turnverein mache. Und vor allem Städter wollen nicht recht verstehen, weshalb ich Montag für Montag in den Ort meiner Jugend fahre, um Korbball zu spielen. «Du bist doch gar nicht der Turnvereintyp!», sagen sie dann. Wenn ich am Dorffest fünf Stunden hinter der Friteuse stehe, damit im Verein die Kasse stimmt, komme ich auch selber ins Grübeln. Turnfahrten oder das Eidgenössische sind ebenso wenig mein Ding. Doch es gibt gute Gründe, weshalb ich diesem Verein (mit Unterbrüchen) seit dem Kinderturnen die Treue halte: Wo sonst hätte ich als 12-Jähriger mal ‹Ehrendame› spielen (und Dutzenden jungen Frauen Küsschen geben) dürfen? Wo sonst treffe ich Woche für Woche meine Jugendfreunde, die ganz andere Lebenswege eingeschlagen haben (was den Locker Room Talk ziemlich interessant macht)? Und wem sonst stellt der Wirt im Agglo-Pub unaufgefordert ganze Packungen Salzstängeli und Nüssli hin, weil sie seit zwanzig Jahren seine Stammgäste sind? Eben. (pak)

Darauf warteten jeweils viele an der Abendunterhaltung. Auf die muskulösen Körper der jungen Männer, der Dorfschwarm ganz vorne mit dabei. An diesem Abend trugen sie lange Mäntel und Socken. Irgendein rockiges Lied lief dazu. Plötzlich rissen sie die Mäntel auf. Darunter trugen Sie einen Gong. An ihren Beinen war ein Stock befestigt. Als sie die Beine nach aussen drehten, schlug dieser Stock auf den Gong. Der hing an einer Stelle, die ich Ihnen an dieser Stelle nicht genauer angeben muss. Als Kind konnte ich nicht verstehen, wieso meiner Mutter das Vereinsleben suspekt war. Wenn ich so an den Gong denke, heute, verstehe ich es besser. (ahl)

Als ehemaliger Angestellter des Schweizerischen Turnverbandes in Aarau habe ich viele Darbietungen gesehen. Darunter gab es durchaus vorzügliche Vorstellungen von Turnerinnen und Turnern an diversen Festen. Was die Teilnehmerinnen und Teilnehmer innert kürzester Zeit auf die Beine stellten, war beeindruckend. Schliesslich sind die meisten Männer und Frauen blütenreine Amateure, die das Turnen in ihrer Freizeit aus reiner Freude betreiben. Viel hängt von der Choreografie der Vorstellungen ab. Da gab es grosse Qualitätsunterschiede. Ich erinnere mich an die schmalen Gratwanderungen zwischen Originalität und Peinlichkeit. Ich gewinne dem Turnwesen in der Schweiz primär Positives ab. Vor allem in der ländlichen Region erfüllt der Turnverein eine wichtige gesellschaftspolitische Aufgabe. Man bewegt sich, treibt Sport und sitzt danach gemeinsam irgendwo in einer Beiz zusammen und hat eine gute, entspannte Zeit. Das ist allemal sinnvoller, als vor der Glotze zu hocken. Turnerinnen und Turner sind wertvolle Stützen, um das Dorfleben aktiver zu gestalten. (fal)

Erstellt: 14.06.2019, 11:04 Uhr

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