Darum ist Tokio besser als Zürich

Zürich sei die beste aller möglichen Städte, schreibt das Lifestylemagazin «Monocle». Das ist Unsinn. Ein neidischer Blick über den Tellerrand.

Die Kleider sind eleganter, die Strassen sauberer, die Geräusche gedämpfter als bei uns: Das pulsierende Tokioter Viertel Ginza.

Die Kleider sind eleganter, die Strassen sauberer, die Geräusche gedämpfter als bei uns: Das pulsierende Tokioter Viertel Ginza. Bild: AFP

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Erst, wenn am Horizont der Gotthard auftaucht, ist die Welt wieder in Ordnung. Da können die beiden Wochen an der Adria noch so schön gewesen sein. Zu Hause ist eben anders: besser. Beim ersten Schild auf der Autobahn, das die Ortschaft Como ankündigt, bekommt der Schweizer einen wässrigen Mund. An der 1.-August-Feier am nächsten Abend wird er seinem Nachbarn mit einem vergnügten Grunzen beichten: «Das Schönste an den Ferien ist halt immer noch der Cervelat danach.»

Nichts gegen Heimatliebe, und schon gar nichts gegen ein wenig Nostalgie. Schliesslich, das wusste schon Peter Reber, braucht jeder seine Insel. Nur hat der Berner Liedermacher mit seinem Segelschiff die Weltmeere bereist, was ihm einen Horizont verschafft hat, der ein paar Breitengrade weiter reicht als die Liegestuhlreihe am Strand von Jesolo.

Urbane Weltoffenheit

Zu den strammsten Lokalpatrioten gehören ausgerechnet die Zürcher. Ausgerechnet, weil man in der grössten Stadt der Schweiz jede Gelegenheit wahrnimmt, seine urbane Weltoffenheit hervorzuheben. «World Class. Swiss Made» lautet seit einem Jahr der offizielle Slogan von Zürich Tourismus.

Zürcher fliegen für ein Partywochenende nach Berlin oder Ibiza, kaufen einmal im Jahr in New York ein und schwärmen, weil es gut tönt, am liebsten von London. So richtig aufblühen tun sie aber nur auf der Josefwiese oder am Letten. Dort, wo sie sich auskennen. Oder mehr noch: dort, wo man sie kennt. Denn Zürcher sind eitel. Es schmeichelt ihnen, wenn irgendein Verlag oder ein Marktforschungsinstitut dieser Erde wieder einmal herausgefunden haben will, dass es sich in ihrer Stadt froher leben lässt als irgendwo sonst.

Kritik prallt am Zürcher ab

Egozentrisch? Selbstverliebt? Kritik aus der Restschweiz prallt am Zürcher ab. Er empfindet sie als Bestätigung seiner Klasse. «Arrogant. Und das zu Recht» hiess das Motto eines Zürcher Satiremagazins, das deshalb scheiterte, weil sogar die Blattmacher den ironisch gemeinten Spruch ernst nahmen.

Um viele Vorzüge Zürichs als Klischee zu entlarven, reicht ein Blick über den Tellerrand – nach Tokio zum Beispiel. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Bestimmt liessen sich genauso viele Beispiele finden, die einen gegenteiligen Schluss zulassen würden. Allein: Um jemanden vom hohen Sockel zu stossen oder aus seinem selbstgerechten Schlaf zu reissen, braucht es manchmal den Presslufthammer.

  • Zürich ist sauber: Schon ein Spaziergang über die Chinawiese an einem Sonntagmorgen im Sommer zerstört die Illusion. Überraschender ist aber eine Abfall-Bestandesaufnahme am Boden der Tramhaltestelle Paradeplatz um die Mittagszeit: Zigarettenstummel, Papierschnipsel, flach getretene Kaugummis, Gratiszeitungen, leere Kaffeebecher. In Tokio wähnte man sich auf dem Vorplatz einer Mülldeponie und nicht im teuren und exklusiven Hafen zweier Weltbanken. Littering tönt zwar asiatisch, ist in Tokio aber vollkommen inexistent. Das hat viel mit Anstand zu tun, ist aber auch der Tatsache zu verdanken, dass es in der 9-Millionen-Metropole fast überall verboten ist, im Freien zu rauchen. Raucher, und davon gibt es nicht wenige, frönen ihrer Sucht in eingezäunten Bereichen – oder in Bars und Nudelrestaurants, wo herzhaft gequalmt werden darf. Wer an einem der omnipräsenten Getränkeautomaten einen Eistee kauft, konsumiert das Getränk aus Höflichkeit nicht im Gehen und entsorgt die leere Flasche in der Regel erst am Abend, da Recycling zwar grossgeschrieben wird, Entsorgungsstellen und Abfallkübel aber äusserst rar sind. Weitere Beispiele: Keine öffentliche Toilette zwingt einen dazu, das Geschäft im Stehen zu erledigen. Der Boden in Zügen wird mehrmals täglich intensiv gefegt. Das Reinigungsritual vor dem Besuch einer heissen Quelle dauert mindestens 20 Minuten.
  • Zürich ist sicher:Ein belebtes Boulevardcafé mitten in Shibuya, einem der geschäftigsten Stadtteile Tokios: Frau kommt, legt Handtasche auf Stuhl, verschwindet für fünf Minuten ins Innere des Lokals, kehrt mit einem Teller Sushi und einem Bier zurück. Angst vor Diebstahl? Unbegründet. Die soziale Kontrolle funktioniert in Japan wie kaum anderswo. Man hält sich an die Regeln, überall. Wer bei Rot die Strasse quert, was sowieso nur Touristen einfällt, erntet dafür böse Blicke. Stäbe schwingende Männer in leuchtenden Westen sichern penibel durchorganisierte Baustellen, verbeugen sich und entschuldigen die Unannehmlichkeiten.
  • Zürich hat einen tollen ÖV:Chauffeure in Japan tragen weisse Handschuhe. Sie bedienen die Hebel ihrer Fahrzeuge so konzentriert, als würden sie einen Kugelfisch filetieren. Die Konsultation eines Fahrplans ist auch für weite Strecken nicht nötig: Verbindungen gibts beinahe im Minutentakt – und pünktlich auf die Sekunde sind sie alle. Bezahlt wird nicht wie in Zürich mit Kleingeld, das in der Tasche immer fehlt, sondern mit einem Plastikkärtchen, das auch an Getränkeautomaten funktioniert. Nähert man sich einem freien Taxi, öffnet sich die hintere Tür automatisch. Die Sitze sind mit weissen Häkeldeckchen bedeckt. Die Fahrer nehmen den Taxameter ungefragt in Betrieb, hingegen nie ein Trinkgeld an.
  • Zürich ist ruhig:Stimmt. Im Winter auf dem Uetliberg, wenn die Bahn einen Defekt hat und man allein im Wald steht. Fast so ruhig ists in Tokio während der Rushhour. Man hört keine Sirenen, über den Flüsterasphalt surren hochmoderne quadratische Kleinwagen. In Zügen ist das Telefonieren nur in speziell dafür gekennzeichneten Abteilen erlaubt – und alle Passagiere halten sich daran. Den Lärm haben die Japaner in die Spielsalons verbannt. Dort gibts dafür ein Vielfaches von dem auf die Ohren, was ein westliches Gehör noch als erträglich empfindet.
  • Zürich ist modisch: Noch der hippste Zürcher Szeni wirkt neben einem beliebigen Tokioter Jugendlichen wie ein Landei, das seit über einem Jahrzehnt in völliger Abgeschiedenheit lebt, ohne Zeitungen, ohne Fernsehen, ohne Internet. Möglicherweise hat das damit zu tun, dass Japan eine ziemlich isolierte Insel ist, deren Bewohner das Gefühl haben, im Rest der Welt würden alle Leute so herumlaufen wie Lady Gaga oder Johnny Depp. Jedenfalls sind in Tokio die Businessanzüge eleganter als in Zürich, die Absätze höher, die Frisuren perfekter, die Turnschuhe bunter, die Schnitte der Jeans verwegener. Tokio ist in Sachen Angebot ein fünfstöckiges Kaufhaus, Zürich bloss ein Bauchladen.

Zürich ist ein Dorf

Zürich sei die beste aller möglichen Städte, hat jüngst das Lifestylemagazin «Monocle» geschrieben. Auch in anderen Rankings findet man die Stadt stets ganz oben. Meistens loben die Jurys die kurzen Distanzen, die Übersichtlichkeit, das viele Grün, den See.

Alles korrekt. Aber machen wir uns nichts vor: Zürich ist nur deshalb spitze, weil Zürich in Wahrheit ein Dorf ist.

Erstellt: 12.07.2012, 15:59 Uhr

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