«Das Arbeitsleben soll keine Serie von Sprints sein»

Eine neue Studie zeigt: In der Schweiz leiden viele unter Stress – meist wegen der Arbeit. Mitautor Michael Hermann fordert ein Umdenken.

Michael Hermann, Leiter der Forschungsstelle Sotomo (Mitte), stellte gestern zusammen mit Heidi Hanselmann (Regierungsrätin Kanton St. Gallen und Präsidentin Stiftungsrat Gesundheitsförderung Schweiz) und Roger Staub (Pro Mente Sana) die Studie über das psychische Wohlergehen in der Schweiz vor.

Michael Hermann, Leiter der Forschungsstelle Sotomo (Mitte), stellte gestern zusammen mit Heidi Hanselmann (Regierungsrätin Kanton St. Gallen und Präsidentin Stiftungsrat Gesundheitsförderung Schweiz) und Roger Staub (Pro Mente Sana) die Studie über das psychische Wohlergehen in der Schweiz vor. Bild: Keystone

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In der Schweiz wird kaum offen über psychische Erkrankungen gesprochen. Die Stiftung Pro Mente Sana und die Deutschschweizer Kantone wollen Gegensteuer geben. Die Studie «‹Wie geht's dir?› – Ein psychisches Stimmungsbild der Schweiz» wurde von der Stiftung Pro Menta Sana in Auftrag gegeben. Michael Hermann und sein Team von Sotomo haben dafür Tausende Personen in der Deutschschweiz und der Romandie befragt und ihre Antworten ausgewertet. (Zur Zusammenfassung der Ergebnisse.)

Herr Hermann, die Resultate der Studie sind erschreckend. Jeder Fünfte befindet sich in einem psychischen Tief, der Hauptgrund dafür ist Stress. Grund für den Stress ist am häufigsten die Arbeit. Zeit für eine Kapitalismuskritik?
So einfach ist das nicht. Zuerst einmal muss gesagt werden: Die Unglücklichsten sind die Arbeitslosen. Arbeit macht also durchaus einen Teil des Glücks aus. Gleichzeitig kann sie aber auch überfordern und Stress verursachen. Geht es den Leuten deshalb schlecht, ja, dann ist das in der Tat schlecht für den Kapitalismus.

Leiden auch Sie unter Stress bei der Arbeit?
Ich kenne das durchaus. Vor allem dann, wenn zu viel zusammenkommt und das Gefühl entsteht, dem allem nicht gewachsen zu sein. Wichtig ist da, mich selbst nicht noch unnötig unter Druck zu setzen, Nein sagen zu lernen und vor allem immer eins nach dem anderen zu erledigen, statt alles gleichzeitig im Kopf herumschwirren zu lassen. Diese einfachen Rezepte helfen mir, und ich hoffe, dass ich diese Einstellung auch meinen Mitarbeitenden vermitteln kann.

Wieso fühlen sich die Leute so gestresst von der Arbeit? War es früher weniger schlimm?
In unserer Wohlstandsgesellschaft sind viele andere Sorgen gelöst. Wir müssen nicht ums Überleben kämpfen. Damit hat sich auch der Anspruch ans Leben geändert. Man möchte, dass es einem gut geht, dass man genügend Schlaf bekommt, Familie und Karriere unter einen Hut bringt und eine sinnvolle Arbeit hat.

Ist gerade der Wunsch nach einer erfüllenden Arbeit nicht auch Quelle für Stress – wenn man eben keine Erfüllung findet?
Nicht unbedingt. Denn dieser Anspruch steht bei weitem nicht bei allen Arbeitnehmern im Vordergrund. Eine sinnvolle Arbeit zu haben, ist vor allem für Hochschulabgänger überproportional wichtig, nicht aber für Personen mit einer etwas tieferen Ausbildung. Für sie zählt vor allem, dass sie akzeptiert werden, wie sie sind, und Wertschätzung erfahren. Das gilt auch im Beruf.

Haben wir ein Mentalitätsproblem?
Laut Glücksforschung gehören Schweizerinnen und Schweizer zu den glücklichsten Menschen. Gleichzeitig hat die Studie aber deutlich gezeigt, dass ein Fünftel der Bevölkerung unter psychischen Tiefs leidet. Das trägt man aber nicht nach aussen. Man möchte nicht, dass andere davon wissen. Die Angst, zu schwach zu sein, ist gross. Denn die Leistungsgesellschaft ist hier sehr stark verankert. Die hohe Arbeitsstundenzahl ist sehr schweizerisch. Auch die Sehnsucht nach der Pensionierung. Viele krampfen sich kaputt, um sich dann frühpensionieren zu lassen, anstatt die Arbeitszeit breiter über das Leben zu verteilen.


«Es ist wichtig, zu erkennen, dass die Produktivität nicht nur im Moment zählt.»
Michael Hermann, Politgeograf

Es gibt aber auch Berufe, in denen erwartet wird, dass man krampft. Eine Reduktion des Pensums kommt einem Stigma gleich. Wie ändert man das?
Indem man einfach mal anfängt damit. Man muss bekannte Vorbilder dafür schaffen und vor allem offen darüber reden. Bedürfnisse müssen bekannt sein. Nur so kann man darauf eingehen und etwas verbessern.

Und geändert werden muss wohl einiges. Denn in der Studie liest man, dass die aktuelle Leistungsgesellschaft womöglich mit dazu beitrage, dass die Leistungsfähigkeit beeinträchtigt werde. Das kommt ja einem Kannibalismus gleich.
Die Bereitschaft zur Selbstausbeutung ist in der Schweiz sehr hoch. Das ist aber nicht nur absurd. Denn wir sind dadurch auch sehr produktiv. Schlimm wird es, wenn dadurch die negativen Auswirkungen – psychische Erkrankungen oder Stress etwa – verschleppt anstatt behandelt werden. Das kann im schlimmsten Fall sogar in der IV enden.

Wenn Arbeitgeber nun diese Studienresultate lesen, was sollten sie tun?
Es ist wichtig, zu erkennen, dass die Produktivität nicht nur im Moment zählt. Arbeitgeber sollten eine langfristige Perspektive darauf haben und Arbeitskräfte nicht in ein Burn-out laufen lassen. Dafür sollten gezielt Modelle erarbeitet werden. Arbeitnehmer sollten unterstützt werden, damit sie gern zur Arbeit kommen, sich dort wohlfühlen und länger in der Firma bleiben.

Was sollten Arbeitnehmer tun?
Auf der Arbeitnehmerseite ist die Angst natürlich gross, als nicht leistungsfähig zu gelten, wenn man etwas sagt. Wenn der Chef unter Umständen mit einem Verantwortungsentzug reagiert, dann ist man vermeintlich besser beraten, nichts zu unternehmen. Aber das ist zu kurzfristig gedacht. Man muss diesen Teufelskreis durchbrechen. Und die Zeit ist günstig dafür. Der Fachkräftemangel ist hoch, die Arbeitslosigkeit ist tief. Man sollte mutig sein. Das zahlt sich längerfristig aus.

Was erhoffen Sie sich von den Studienresultaten?
Dass wir eine Debatte anstossen können. Denn Leistungsfähigkeit zählt nicht nur im Moment. Stichwort: Work-Life-Balance. Vielleicht eine Floskel, aber doch zentral, wenn man sie über das ganze Leben hinweg anwendet. Natürlich braucht es immer wieder Investitionsphasen, in denen man mehr arbeiten muss, um weiterzukommen. Doch danach sollte man auch immer wieder einen Schritt zurück machen. Es ist wie beim Marathon: Man muss seine Kräfte einteilen. Das Arbeitsleben sollte nicht eine Serie von Sprints sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2018, 18:46 Uhr

Michael Hermann


Bild: Keystone

Michael Hermann ist Politgeograf und leitet die Forschungsstelle Sotomo. Zudem ist er Kolumnist beim «Tages-Anzeiger».

«Wie geht's dir?»


Die Studie «‹Wie geht's dir?› – Ein psychisches Stimmungsbild der Schweiz» wurde von der Stiftung Pro Menta Sana in Auftrag gegeben. Michael Hermann und sein Team von Sotomo haben dafür 5539 Personen in der Deutschschweiz und der Romandie befragt und ihre Antworten ausgewertet. Eine Zusammenfassung finden Sie hier.

Die Studie ist Teil der 2014 lancierten Kampagne «Wie geht's dir?». Auftraggeberin ist die Gesundheitsförderung Schweiz, umgesetzt wird sie von den Deutschschweizer Kantonen und Pro Mente Sana. Die Kampagne soll den offenen Umgang mit dem Thema «psychische Gesundheit» fördern. Mehr Informationen finden Sie hier.

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