Das Büro als Fitnessstudio

Wellness ohne teures Abo oder Trainingsgerät – das propagiert Fritz Bebie mit seinem «Pizza-Modell». Der bekannte Personal Trainer hofft, den Bund für das alltagstaugliche Programm zu gewinnen.

Fit kann man auch im Büro werden: Abstrampeln im Fitnesscenter muss nicht sein.

Fit kann man auch im Büro werden: Abstrampeln im Fitnesscenter muss nicht sein. Bild: AFP

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Fritz Bebie hat eine Idee – eine ziemlich verwegene. Er will das Bundesamt für Gesundheit (BAG) davon überzeugen, Coachs zu rekrutieren, die ein von ihm zusammengestelltes Wohlfühl- und Gesundheitsmodell namens Pizza unters Volk bringen. Und zwar umsonst! Wäre Bebie nicht Bebie, würde man lachen und den Mann im charmantesten Fall einen Fantasten schimpfen. Doch weil Bebie eine Kapazität ist, hört man ihm zu – und zwar genau. Schliesslich hatte sich der Erlenbacher 1990 nicht nur vom Hochschulsportlehrer zum ersten Personal Trainer des Landes weitergebildet, sondern seither als Vortragsredner, Berater, Coach, Kolumnist und Autor auch dafür gesorgt, dass das Thema Volksgesundheit nie aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwunden ist.

Trotz seiner 68 Jahre wirkt er noch immer so «zwäg» wie ein gut eingelaufener Wanderschuh – und legt einen schon fast missionarischen Eifer an den Tag. Alle, die mit ihm zu tun hatten, bescheinigen ihm aber auch hohe Fachkompetenz und einen vifen Humor. Ein Produkt dieses Humors ist der Name Pizza, auf das er sein selbst entwickeltes Wellnessmodell (siehe Box) getauft hat. Denn Pizza und Gesundheit, das will nicht so recht zusammenpassen – auch wenn Bebie sagt, er würde «ein Kistchen teuren Schampus» wetten, dass er zeigen könne, wie man beim Essen von Pizzas ab- und beim Verzehr von vermeintlich gesunden Bananen und Datteln zunehme. «Letztlich ist es immer die Menge, die das Gift macht, wie schon Paracelsus treffend feststellte.» Und um Mengen und richtige Zutaten geht es auch in seinem Rezept.

Das Modell ist keine Revolution

Sieht man sich die sieben Ingredienzen an, ist man dann doch ein bisschen enttäuscht: Ausdauertrainig in geeigneter Form, Bewegung von morgens bis abends, rückengerechtes Verhalten, Kräftigung der Muskulatur, gute Ernährung, Entspannung, Erholung – all das hat man so oder ähnlich schon oft gehört; das erste Mal im Turnunterricht in der Primarschule, das letzte Mal beim Check-up in der Hausarztpraxis. «Ich weiss, das ist keine Revolution», sagt Bebie und lacht. «Der zentrale Aspekt der Sache ist, dass man für die Umsetzung des Pizza-Modells weder ein Fitnessabo noch einen Hometrainer oder teure Ausrüstungen benötigt. Man kann die Übungen und die nötige Bewegung problemlos in den Alltag integrieren.» Ein berufstätiger Mensch verbringe pro Jahr 220 Tage am Arbeitsplatz. Da sei es doch schon zeitlich gar nicht möglich, dass man Well- und Fitness nur als Freizeitbeschäftigung betrachte.

Allerdings hat seine gesunde Pizza nur dann positive Folgen, wenn wirklich alle Zutaten berücksichtigt werden: «Wer viel zu Fuss geht, sich ausgewogen ernährt, dafür aber bloss vier Stunden schläft, wird keine nachhaltige Besserung spüren.» Ebenso wichtig, betont der Mann, der schon Prominente wie Jürg Marquard, Beat Curti oder Ellen Ringier unter die Fittiche nahm, sei der Faktor Disziplin: Nur wer das Programm regelmässig durchführe, komme ans Ziel. Deshalb, so Bebie, mache es überhaupt keinen Sinn, wenn man Jahr für Jahr in der ersten Januarwoche damit beginnen wolle, den Weihnachtsspeck wegzutrainieren: «Das ist reine Selbstkasteiung und sogar kontraproduktiv, weil es dann fürs ausdauernde Laufen meist viel zu kalt ist. «Besser ist, wenn man im Vorfrühling loslegt und konsequent dranbleibt, dann ist man in der Badesaison wieder rank und schlank.»

Fritz Bebie, es ist offensichtlich, wirft sich ins Zeug für des Volkes Wohl und Gesundheit. Würde er von Vater Staat entschädigt, könnte man das Engagement leicht nachvollziehen. Wird er aber nicht. Und das ist irgendwie verdächtig. Also Herr Bebie, Hand aufs Herz: «Wo liegt Ihr Profit begraben?» Er schmunzelt und sagt: «Ich bin bald 70; ich muss mich nicht mehr profilieren. Ich habe als Personal Trainer ein paar Kunden, halte ab und zu einen Vortrag, damit komme ich durch. Nein, da ist nichts begraben, das Thema interessiert mich seit Jahrzehnten; da muss ich einfach dranbleiben.»

Turnlehrer weiterbilden

Wobei «dranbleiben» dezent untertrieben ist. Immerhin verfolgt er die erwähnte Idee, für die er das BAG gewinnen will. Weil, so ist er überzeugt, damit mittelfristig Gesundheitskosten in Millionenhöhe gespart werden könnten. Natürlich, räumt er ein, bedürfte es gewisser Investitionen. Konkret schlägt er vor, in Arztpraxen oder HMO-Kliniken Kurse für Patienten durchzuführen, in denen das Pizza-Modell und dessen Anwendung im Alltag vorgestellt werden – und zwar von arbeitslosen oder teilzeitbeschäftigten Fitnesstrainern oder Turnlehrern. Eine simple Zusatzschulung in Leistungsdiagnostik, Ernährungslehre etc. genüge.

Auch wenn sich das Präventionsprojekt sinnvoll und plausibel anhört, stehen die Chancen schlecht, das BAG dafür zu gewinnen. Bebie weiss das. Dennoch hofft er, dass sein «lauter Denkanstoss» nicht gänzlich ungehört verpufft. «Die Kosten steigen immer weiter, alle jammern, und doch passiert nichts. Ich will nur aufzeigen, dass es gar nicht viel bräuchte, damit sich Menschen und behördliche Gedanken bewegen.»

Erstellt: 06.03.2012, 16:24 Uhr

Das Pizza-Model

Er habe sein Pizza-Modell schon vor Jahren ausgetüftelt, sagt Fritz Bebie. «Und ich staune immer wieder, dass die sieben Ingredienzen vollauf genügen, wenn man sie konsequent umsetzt.» Dabei sei es, wie bei einer essbaren Pizza, durchaus gestattet, dass man von der einen oder andern Disziplin mehr oder weniger mache, zum Beispiel die Ausdauer forciere und dafür die Kraftübungen dosiere.

Er rate auch niemandem davon ab, ein Fitness-Abo zu lösen, er sage nur, es sei nicht unbedingt notwendig, so der Wellnessberater: «Beim Pizza-Modell wird nämlich das Büro zum Fitnessstudio und die Strasse oder der Waldweg zum Laufband.» Dies sind die sieben Punkte: Ausdauertraining als Herz- und Kreislaufprohylaxe. 3-mal pro Woche rund 30 Minuten lang bei angenehmem Puls (sodass man gerade noch sprechen kann) laufen oder Rad fahren. Wer das täglich macht, muss schauen, dass die Gelenke nicht überbelastet werden. ¬ Bewegung von morgens bis abends, damit kann man Herz- und Kreislaufproblemen, Diabetes und Bluthochdruck vorbeugen und Stress abbauen. Das fängt damit an, dass man die Treppe statt den Lift benutzt, Bürokollegen zu Fuss aufsucht, statt zum Telefon zu greifen, oder auf dem Heimweg zwei Tram- oder SBahn-Stationen früher aussteigt und den restlichen Weg zu Fuss bewältigt.

Rückengerechtes Verhalten , das heisst, immer wieder mal aufstehen und ein paar Rückendehnungsübungen machen, in Denkphasen den Bürostuhl umdrehen und die Arme auf der Rückenlehne abstützen, aber auch korrektes Heben und Tragen von Gegenständen, um die Wirbelsäule zu entlasten.

Die Kräftigung der geraden und schrägen Bauch-, der Rücken- und der Oberschenkelmuskulatur erfolgt durch je eine Übung, die man mithilfe des Bürostuhls oder auf dem Boden durchführen kann (man findet solche Übungen in jedem Basis-Fitness-Ratgeber). Sinnvoll sind 8 bis 25 Wiederholungen, wobei die letzten drei ruhig ein wenig anstrengend sein dürfen. Wie die Ausdauer sollte man auch die Kräftigung 3-mal pro Woche durchführen. ¬ Die Ernährung muss abwechslungsreich, ausgewogen und stressfrei sein. Genauso sollte man aber keinesfalls auf kleine Genüsse (Schoggi etc.) verzichten.

In der Regel gilt: Je mehr Muskelmasse ein Körper hat, desto mehr Energie verbraucht er. Oder: Wer mehr isst, als er verbraucht, nimmt zu. ¬ Die regelmässige Entspannung der Muskulatur, die durch Dehnungsübungen begleitet werden kann, ist zentral. Tipps dazu findet man im Internet oder in Ratgebern. Gute Entspannungsmethoden lernt man auch im Yoga. Der am meisten unterschätzte Aspekt des Pizza-Modells ist die Erholung , die man exklusiv durch tiefen Schlaf bekommt. Vier Stunden pro Nacht, sagt Fritz Bebie, seien viel zu wenig, sechs Stunden erachtet er als Minimum.

Der Erlenbacher Coach und Autor Fritz Bebie. (Bild: PD)

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