Das Elend im Haslital

Die Absetzung der Geschäftsführerin des Freilichtmuseums Ballenberg zeigt, wie tief im Kanton Bern der Graben zwischen Stadt und Land ist.

Berner Bauernhof mit Stöckli, eine Ausstellungsgruppe im Freilichtmuseum Ballenberg für ländliche Kultur. Foto: Swiss Image

Berner Bauernhof mit Stöckli, eine Ausstellungsgruppe im Freilichtmuseum Ballenberg für ländliche Kultur. Foto: Swiss Image

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Freilichtmuseum Ballenberg zeigt eine Dorf gewordene Schweiz. Das Kondensat einer heilen Welt, wie es sie nirgendwo im Land gibt und auch nie gegeben hat. Unsere Vorfahren lebten nicht nur in putzigen Holzriegelhäuschen inmitten satter Blumenwiesen, sie litten auch an Armut und Hunger. Solche Lebensrealitäten wollte die Stadtberner Historikerin Katrin Rieder, die vor zwei Jahren zur Geschäftsführerin berufen worden war, ebenfalls zeigen. Wie sie auf eine Entmystifizierung drängte, passte aber nicht allen, die Einfluss auf den Museumsbetrieb im Haslital haben. Ihre überraschende Absetzung offenbarte eine Konfliktlinie zwischen urbaner und ländlicher Schweiz.

Das zeitgemässe Bestreben, die Geschichte der Schweiz faktentreu aufzuarbeiten, traf im Ballenberg auf die geistige Landesverteidigung. Diese vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg zwecks nationaler Identitätsstiftung propagierte Retortenfolklore findet – zusammen mit dem dazugehörigen Willen zur Abschottung – in Zeiten der Globalisierung wieder vermehrt Anhänger, gerade auf dem Land. Das zeigten die Abstimmungs­resultate zur SVP-Initiative gegen die Massen­einwanderung am 9. Februar.

Ein anderes Zeichen setzte die Berufung der urbanen Wissenschaftlerin an die Spitze der behäbigen Institution. Das Experiment lief gut an und scheiterte doch. Zu forsch und zu wenig bescheiden sei Rieder aufgetreten, sagt Stiftungsratspräsident Yves Christen. Das sei im Berner Oberland schlecht angekommen. Dass sie den Zustand des Museums dramatisierte, um Geld zu sammeln, wurde gar als Beleidigung der angesehenen Vorgänger empfunden. An ihrer Arbeit an sich fand der Vorstand bislang aber wenig auszusetzen.

Eine schlechte Werbung

Zum Verhängnis wurden ihr wohl weniger allfällige Meinungs­differenzen als die ländlichen Abwehrreflexe gegen Einflussnahme von aussen. Wie wenig man solche im Ballenberg schätzt, bekommt auch der Berner Ständerat Werner Luginbühl zu spüren. Er hat als Stiftungsrat stark für das Freilichtmuseum geworben und im Parlament jene Motion eingebracht, die dem Ballenberg massiv mehr Bundesgelder bringen soll. Von Rieders Absetzung – nicht gerade gute Werbung für das Museum und die Motion – erfuhr er aber aus den Medien.

Er und die anderen Bundespolitiker im 70-köpfigen Stiftungsrat haben im Ballenberg wenig Einfluss. Sie sollten erst einmal dasselbe leisten wie der ­leitende Ausschuss, findet Präsident Yves Christen. Nur: Für die anvisierte Wachstumsstrategie braucht es zusätzliche Subventionen – es geht um 90 Millionen Franken – und den Einsatz der kritisierten Nationalräte.

Mehr als eine regionale Einrichtung

Erhielte das Freilichtmuseum das Geld, wüchse auch die Einflussnahme von aussen. Die Vorstandsmitglieder aus dem Haslital verlören an Macht. Dabei geht es nicht nur um Prestige: In den Partnerbetrieben des Ballenbergs werden Millionenumsätze gemacht. Wenn die Subventionen gesprochen würden, hätte das Museum mehr wissenschaftliche Arbeit zu leisten.

Muss sich das Freilichtmuseum also zwischen Selbstbestimmung und Subventionen entscheiden? Nein. Der Auftrag für ein nationales Freilicht­museum stammt vom Bundesrat. Der 1978 eröffnete Ballenberg ist mehr als eine regionale Einrichtung. Darum geht es nicht an, dass Lokalgrössen aus Eigeninteresse den Kurs bestimmen.

Erstellt: 05.08.2014, 07:02 Uhr

Artikel zum Thema

Eklat in der Mini-Schweiz

Die Vorsitzende der Geschäftsleitung des Freilichtmuseums Ballenberg, Katrin Rieder, quittiert ihren Dienst nach nur zweieinhalb Jahren. Was steckt dahinter? Mehr...

«Das Museum muss attraktiv bleiben»

Hofstetten Dass das Schweizerische Freilichtmuseum Ballenberg 90 Millionen Franken will, hat aufgeschreckt. Museumsdirektorin Katrin Rieder erklärt, weshalb sie die Unterstützung der Berner Politik fordert. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Bergungsarbeiten nach Taifun-Katastrophe: Der heftige Wirbelsturm «Hagibis» hinterliess über weite Teile Japans eine Spur der Verwüstung. Die Zahl der Todesopfer ist gemäss eines japanischen Fernsehsenders auf 66 gestiegen. (15. Oktober 2019)
(Bild: Jae C. Hong/AP) Mehr...