Das Ende naht – wieder einmal

Schriftsteller und Philosophen erklären den aufgeklärten Westen zum Auslaufmodell. Das taten sie schon vor gut 100 Jahren – mit katastrophalen Folgen. Das muss sich nicht wiederholen. Eine Spurensuche.

Für viele ist der Konsum zum Lebensziel geworden – eine Ersatzreligion, die jedoch nicht Richtung gibt, sondern verwirrt. Foto: Massimo Vitali (Gallery Stock)

Für viele ist der Konsum zum Lebensziel geworden – eine Ersatzreligion, die jedoch nicht Richtung gibt, sondern verwirrt. Foto: Massimo Vitali (Gallery Stock)

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Die Mikrowelle hatte eine neue Macke entwickelt, sodass ich meine Fertigmenüs in der Pfanne erwärmen musste.
(Michel Houellebecq, «Unterwerfung»)

Unbehagen, Missmut, Weltekel: Solche Empfindungen plagen gerade viele westliche Intellektuelle. Oft führen die Denker ihre schlechte Stimmung auf eine ähnliche Gegenwartsdiagnose zurück: Der Westen verendet an der eigenen Beliebigkeit. Spätkapitalistische Gesellschaften bringen vereinsamte, schlaffe Menschen hervor, die sich so lange in den Mühlen des Konsums drehen, bis ihnen nur noch schwindelt.

Prominenter Vertreter dieser These ist Michel Houellebecq. In seinem neuen Roman «Unterwerfung» zwängt sich ein Literaturwissenschaftler in das Überzeugungskorsett der Religion. Dieses stützt sein Leben mit Sicherheit, Sinn, Geborgenheit. All das fehlte in seinem früheren Alltag, der aus Fertiggerichten, Bordellbesuchen, einsamen Urlauben und Fernsehschauen bestand.

Houellebecq unterlegt den literarischen Befund mit einer persönlichen Wende. Der französische Autor, der sich bisher als Atheist bezeichnete, behauptet nun, dass die meisten Menschen den Atheismus nicht ertrügen. Er habe das persönlich erlebt, als sein Hund und seine Eltern starben. Ohne Glauben sei der Tod nicht auszuhalten. Wenn ein Angehöriger von der Welt verschwinde, suchten fast alle Trost bei Gott.

Markt statt Religion

«Eine Gesellschaft ohne Religion ist nicht überlebensfähig. Die Aufklärung, deren Grundprinzip die Abkehr vom Glauben ist, hat keine Zukunft. Das republikanische Modell der Französischen Revolution zerbricht. Es hat den Menschen ein Versprechen gegeben, das es nicht halten kann. Wir wohnen einer Rückkehr des Religiösen bei», sagte Houellebecq in einem «Spiegel»-Interview. Er sieht ein neues Mittelalter aufziehen, in dem religiöse und patriarchale Werte die Gesellschaften prägen. Das moderne Europa verschwindet.

Ist das alles nur Verkaufspropaganda eines gewieften Provokateurs? Nicht ganz. Der italienische Philosoph Giorgio Agamben teilt Houellebecqs Unbehagen an einer gottlosen Weltordnung. Mit dem religiösen Erbe habe die Aufklärung auch die Idee der Gerechtigkeit beseitigt, schreibt er in seinem neuen Band «Das Geheimnis des Bösen». Längst habe die Selbstregulierung des Marktes die Leerstelle der Religion besetzt. Nun beherrsche sinnfreies Effizienzdenken die Welt.

Ähnliches Fundamentalversagen der westlichen Demokratien beobachten der slowakische Philosoph Slavoj Zizek und der deutsch-koreanische Philosoph Byung-Chul Han in Texten, die sie nach den Anschlägen in Paris veröffentlichten.

Die Europäer seien «erschöpfte, depressive Individuen», schreibt Han. Verunsichert durch den «globalen Neoliberalismus», sehnten sie sich nach Verbindlichkeit, Halt und Ruhe. Die Politiker seien Handlanger des Systems, sie versagten dabei, Alternativen zur Gegenwart aufzuzeigen.

Dämmert das Abendland seinem Ende entgegen?

Slavoj Zizek glaubt, dass sich der «saftlose Liberalismus» selbst aushöhle. Die Westler gäben sich mit Vorliebe «albernen alltäglichen Vergnügungen» hin, kümmerten sich einzig um die eigene Sicherheit und Gesundheit. Von Menschen, die allen höheren Werten entsagt haben, lassen sich keine politischen Heldentaten erwarten.

Dämmert das Abendland seinem Ende entgegen? Steht der Westen kurz vor dem autoimmunen Zusammenbruch?

Georg Kohler lächelt, wenn er solche Thesen hört. Als emeritierter Philosophieprofessor kennt er das Repertoire radikaler Theoretiker. «Solche Befunde tauchen immer wieder auf. Sie begleiten die Moderne seit ihrem Beginn.» Kohler teilt die «Lust am eigenen Untergang» nicht. Stattdessen versucht er, sie philosophiegeschichtlich einzuordnen.

Seit Urzeiten hätten die Menschen das Bedürfnis verspürt, auf eine bessere Zukunft zu hoffen. Jahrtausendelang stillten Religionen dieses Verlangen, indem sie Erlösung nach dem Tod versprachen. Das himmlische Paradies machte die irdische Mühsal erträglich. Als Aufklärung und Naturwissenschaften das Christentum zurückdrängten, verblassten auch dessen Jenseits-Verheissungen. «Man konnte nicht mehr auf die grosse, rettende Zukunft hoffen. Das stört den Menschen. Seine Hinfälligkeit verlangt im Grunde nach radikaler Erlösung.»

Laut Kohler gibt es vier Möglichkeiten, mit der religiösen Obdachlosigkeit umzugehen. Zwei davon habe bereits Friedrich Nietzsche vorausgesehen, als er über den «Tod Gottes» nachdachte.

Man arrangiert sich mit der «Langeweile des Daseins», kümmert sich um nichts anderes als die ständige Steigerung des eigenen Wohlbefindens. Es ist dieses Dahinplätschern, das Houellebecq, Han und Zizek anprangern. Nietzsche schrieb eine solche Lebensführung dem «letzten Menschen» zu.

Man bejaht die Sinnlosigkeit des Lebens, feiert den «Tod Gottes» als Befreiung, nutzt ihn schöpferisch. Das tat Nietzsche, als er den «Übermenschen» pries, Ähnliches versuchten die französischen Existenzialisten.

Um den Verlust der Religion auszugleichen, lädt man die Politik religiös auf. Schluss soll sein mit dem ewigen Basteln an Kompromissen, das den politischen Alltag in Demokratien prägt. Kampf und Revolutionen sollen ein Paradies auf Erden erschaffen. «Solche Versprechen auf eine völlige Umkehr begründeten einst die Popularität von Faschismus und Kommunismus», sagt Kohler.

Man versucht, die angeschlagenen Religionen neu zu beleben.

Mit dem Aufbau beschäftigt

Laut Kohler ist es kein Zufall, dass die Erschlaffungsthesen jetzt wieder aufkommen. Man könne die heutige Situation ein wenig mit jener am Anfang des 20. Jahrhunderts vergleichen. Dieser Epoche diagnostizierte Thomas Mann im Roman «Zauberberg» eine «grosse Gereiztheit». «Es herrschte Überdruss, die Sehnsucht nach etwas Hartem, Schwerem», sagt Kohler. Kommunismus und Faschismus bedienten diese Sehnsucht am besten. «Die Katastrophen, welche die zwei politischen Religionen anrichteten, prägten die Welt bis 1989.»

Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten sich die Menschen wieder um alltäglichere Dinge kümmern, sie waren damit beschäftigt, das zertrümmerte Europa neu aufzubauen. Bis 1989 einte die Angst vor Russlands Atombomben den Westen. Nach dem Untergang der Sowjetunion feierten die liberalen Demokratien den Sieg ihrer Weltanschauung. Wenig später folgte die Ernüchterung. «Das Paradies zeigte sich nicht, die Geschichte ging weiter.»

In Zentraleuropa herrscht heute ein 70-jähriger Frieden. «Das gab es seit Jahrhunderten nicht mehr», sagt Georg Kohler. Noch nie sei es so vielen Menschen so gut gegangen – auch wenn man drängende Probleme wie Klimawandel, Terrorismus, Wirtschaftskrisen oder neoliberale Konkurrenz berücksichtige.

Menschen, die den Zweiten Weltkrieg nicht erlebten und sich kaum an den Kalten Krieg erinnern, nehmen Frieden und Wohlstand für selbstverständlich, haben sich behaglich darin eingerichtet. Ihnen fehlt ein dringender Anlass, um sich für ein geeintes Europa oder die Werte der Aufklärung einzusetzen. «Die relative Ereignislosigkeit der Gegenwart verführt westliche Intellektuelle dazu, das eigene Ende herbeizuschreiben.»

Grund dafür könne auch eine «Übelstandsnostalgie» sein, sagt Kohler. Der Begriff stammt vom deutschen Philosophen Odo Marquard. Die Errungenschaften der Moderne haben die Menschen von viel Negativem entlastet – Ansteckungen, Anstrengung, Angst. Der Mensch, so Marquard, ist dank uralter Gewöhnung aber immer noch darauf eingestellt, Gefahren abzuwehren. Wenn diese nicht mehr drohen, erfindet er eben selber welche. «Je besser es den Menschen geht, desto schlechter finden sie das, wodurch es ihnen besser geht.»

Auch Felix Roth hält nichts vom angekündigten Ende der Aufklärung. Roth ist Präsident der Zürcher Freidenker, einem Verein, der sich für «religionsfreie» Menschen einsetzt. In seinem Job als Lebensmittelingenieur reiste Roth oft durch die USA; nach 9/11 hat er sich ganz dem humanistischen Denken verschrieben: «Da sah ich, welcher Unsinn im Namen der Religion aufgeführt wird.»

Die Zahlen helfen den Atheisten

Dass er keine überirdischen Tröstungen braucht, hat Roth mehrmals bewiesen. Knapp überlebte er einen Skiunfall, später bedrohte eine Lungenembolie sein Leben. Im Gegensatz zu Houellebecq überkomme ihn im Angesicht des Todes nicht das geringste Bedürfnis nach religiöser Zuflucht. Im Gegenteil. Die Vorstellung von Ewigkeit behagt ihm nicht.

Das «Gerede» von der Wiederkehr der Religion hält er für ein «Rückzugsgefecht». Statistiken sprechen für ihn. Die Kirchen in der Schweiz verlieren seit Jahrzehnten Mitglieder. Laut einer Studie aus dem Jahr 2011 schliessen sich die Ausgetretenen kaum alternativen spirituellen Gruppen an. Die meisten bleiben konfessionslos, halten sich fern von organisierten Religionen. Diese Gruppe der Glaubensskeptiker, so die Prognose, wird weiter wachsen.

Auf die Frage «Sind Sie religiös?» antworten heute nur noch 38 Prozent der Schweizer mit Ja. Dies ergab kürzlich eine andere Studie. 2005 bekannten sich noch 71 Prozent zu einem Glauben. Ähnlich sieht die Situation in den meisten europäischen Ländern aus.

«Bald wird sich die Mehrheit der Europäer als Agnostiker oder Atheisten verstehen», sagt Felix Roth. Er hält dies für eine logische Folge des wissenschaftlichen Fortschritts, dank dem sich die Welt immer besser entschlüsseln lässt. «Viele religiöse Praktiken kann man aus früherem Unwissen erklären.»

«Pragmatismus plus Mystik»

Der aufgeklärte Mensch müsse aber nicht auf Spiritualität verzichten, findet Roth. Nur bezieht man diese nicht mehr beim religiösen Monopolisten; man erschafft sie individuell, aus verschiedenen Techniken der Sinnstiftung. «Meditieren funktioniert auch ohne Glauben an Gott», sagt Roth.

Georg Kohler befürwortet ein ähnliches Vorgehen: «Pragmatismus plus Mystik» nennt er es. Sachliches Abwägen bestimmt die Politik, im Privaten soll spekuliert werden. «Gewisse Phänomene werden die Naturwissenschaften wohl nie erklären können», sagt Kohler. Um diese Lücken zu füllen, brauche es keine Religionen. Dem «Anderen, Unfassbaren» könne sich jeder individuell annähern, mit Gedichten, Gebeten, Musik. Solche Grenzerfahrungen seien sehr persönlich und liessen sich kaum mitteilen. Jeder Mensch müsse für sich den passenden Weg finden.

Genau daran scheitert der Protagonist in Michel Houellebeqcs «Unterwerfung». Ihn überfordert bereits die Wahl, welches Menü er in seiner Mikrowelle aufwärmen soll.

Erstellt: 28.04.2015, 20:06 Uhr

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