Das Ich im Einmachglas

Selbstverwirklichung im Nähatelier und am Brotteig, Partyspass mit selbst gezogenen Zucchetti: Das Heimwerk hat das kreative Milieu erreicht. Was eben noch spiessig war, soll jetzt die Welt retten.

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Sie wollten Schriftsteller werden und wurden Bodenleger, Glaser und Dachdecker. Joshua Cohen beschreibt sie in «Der Uni-Bezirk», einer seiner neuen Kurzgeschichten: Die jungen Kreativen im Workshop für literarisches Schreiben, die vom Professor eines Morgens auf eine nahe Wiese bestellt werden, um dort etwas Richtiges zu erlernen, etwas fürs Leben. Nämlich, wie man ein Haus baut. Genauer, eine exakte Nachbildung des Flatiron Buildings in New York.

Man begegnet diesen Leuten neuerdings auch in den Schweizer Städten, wenn auch in naturgemäss weniger greller Variante als in der Satire eines aufstrebenden Autoren aus New Jersey. Aber wer kennt sie nicht, die Freunde und Bekannten, die sich selbst verwirklichen wollten. Und die ihre Wochenenden und Ferien nun renovierend in ihren neu erworbenen Altbauten verbringen, in ihren urbanen Gärten, die sie bejäten, und in ihren Heimmanufakturen, wo sie ihre Kleider nähen, ihr Fixie-Velo zusammenbauen und ihr Brot backen.

Blut, Schweiss und Triumphe

In stillen Momenten wundern sich diese Selbermacher vielleicht, wie sehr sich so ein Jäten oder Ablaugen wie Arbeit anfühlt; oder sie fragen sich, ob es nicht auch sein Gutes hatte, dass dem Menschen des arbeitsteiligen Zeitalters so manch ein Tagwerk abgenommen wurde. Aber zu stark ist der Trend zu selbst gemachten Dingen, als dass sich der zeitnahe Städter ihm noch verschliessen könnte. Also loggt er sich in die Einmachblogs im Internet ein, besucht den Häkelabend im alternativen Kulturzentrum und denkt nicht daran, bei der Party zu betrügen, zu der die Gäste nur selbst gemachte Esswaren mitbringen dürfen. Denn er würde ja in erster Linie sich selbst betrügen, um das unerhörte Erlebnis nämlich, eine selbst angebaute Rübe aus der Erde zu heben.

Das Heimwerk, im bäuerlichen Milieu seit je verbreitet, hat in Westeuropa ab den Fünfzigerjahren die Agglomerationen erreicht. Das Do-it-yourself war eine rotnackige Bewegung, die sich mit Flanellhemden und schweren Stiefeln ausrüstete, um in den Kampf mit dem Umschwung zu treten. Die Broschüren der Baumärkte informierten über die Anlage von Drahtzäunen oder die Montage von Holzterrassen, und ihre Slogans über den Heimwerkerethos: «Schweiss. Tränen. Triumph», hiess es auf einem ­T-Shirt von Hornbach, oder: «Schmerz ist Schwäche, die den Körper verlässt». Genau, es waren vor allem Männer, die Suburbia zähmten.

In den Innenstädten gibt sich das ­Do-it-yourself nun aber progressiv und genderneutral. Der metrosexuelle Mann von heute stopft Socken und kocht Konfitüre, tut also Dinge, die früher dem Heimchen vorbehalten waren. Gerade überwinde der Trend die Hipsterzirkel des jungen, kreativen Milieus und erreiche den Mainstream, sagt Thomas Hajduk vom Institut für Wirtschaftsethik an der Uni St. Gallen. Während es auf dem Land eine selbstverständliche Tradition des Heimwerks gebe, handle es sich in der Stadt dabei um einen bewussten Ausfallschritt aus dem Massenmarkt.

Ein Selfie zum Essen

Denn so biedermeierlich das neue urbane Heimwerk anmuten mag: Hajduk stellt es in eine Reihe von Phänomenen aus der Gratis- und Tauschkultur des Internets. Auch die Sharing Economy oder die digitale, in gewissem Sinn selbst gemachte Währung der Bitcoins drückten das Misstrauen gegen die unlesbaren ­Abläufe in der globalisierten Wirtschaft aus. Ein Misstrauen, das seiner Kommerzialisierung ironischerweise nicht entkommen wird: «Früher trampte man. Heute sucht man sich über passende Dienste im Netz eine Mitfahrgelegenheit, für die man bezahlt, für die es aber auch eine gewisse Garantie gibt.»

Dass das Heimwerk erst jetzt bei den städtischen Trendsurfern angekommen ist, ist erstaunlich und eigentlich nur damit zu erklären, dass es die längste Zeit als spiessig galt. Denn junge, urbane Menschen haben nicht allzu viel Geld, aber genügend Freizeit und das Bedürfnis, sich auszudrücken. Die idealen Voraussetzungen: «Für wenig Geld erhält man ein einzigartiges Produkt», sagt Katja Rost, Soziologin an der Uni Zürich. Und: «Gleichzeitig drückt man auch seine eigene Einzigartigkeit aus.» Mit anderen Worten: Wer alte Kleider aus dem Brockenhaus neu zusammennäht, oder wer aus Erdbeeren vom Balkon die eigene Konfitüre macht und sie rundum im Freundeskreis verschenkt, stellt ein Selfie her. Wer selbst produziert, produziert auch sich selbst.

Wie ein Selbstporträt auf dem Telefon oder ein Eintrag auf Facebook heischt auch das Mitbringsel im Einmachglas nach einem Kommentar, genauer: einem Like. Das neue Heimwerk taugt also durchaus zur Selbstdarstellung in jenen Social Networks, die noch auf echten Begegnungen beruhen. Doch würden die Selbermacher den narzisstischen Mehrwert weit von sich weisen, sie wollen ihr Tun als politischen Akt verstanden wissen. Mit einigem Recht, wie Katja Rost sagt: «Es ist eine Form des Boykotts. Man will keine Produkte kaufen, von denen man nicht weiss, wie sie produziert worden sind.» Dinge selber herzustellen, sei eine Exit-Strategie aus der globalisierten Ökonomie, die man weder lesen noch beeinflussen könne und in der nicht einmal Bioprodukte vertrauenswürdig seien.

Sich unabhängig zu machen zum Beispiel von den Lieferketten der Supermärkte, das ist auch das Ziel der sogenannten Transition Towns. Wie das Do-it-yourself entstand auch diese Bewegung in England, inzwischen gibt es solche Bürgerinitiativen in fast allen westlichen Ländern, auch in der Schweiz. Eine Transition Town ist ein Dorf oder eine lokale Gemeinschaft, die möglichst autark lebt, und das vorderste Kriterium für die «lokale Widerstandsfähigkeit», das der Leitfaden nennt, ist der Anteil der selbst produzierten Lebensmittel. Wichtig sind auch eine lokale Währung oder lokal produzierte Energie.

Der Kampfbegriff der Resilienz oder eben der Widerstandsfähigkeit verbindet die Aktivisten der Transition Towns mit den Survivalists und Preppers in den USA, die in abgelegenen Gebieten einen Bunker bauen und ihn mit Vorräten und Waffen bestücken. Ob links und ökologisch oder rechts und fremdenfeindlich: Hier wie da geht es ums Überleben, von dem man glaubt, dass es der Staat nicht garantieren kann. Gehen die Transition Towns davon aus, dass in naher Zukunft der Ölmarkt zusammenbricht, rechnen die Survivalists mit Krieg und Katastrophe. Wer sich in seinem eigenen Garten mit seinen eigenen Zucchetti verschanzt, zieht sich also nicht zuletzt aus einer Welt zurück, die er als apokalyptisch empfindet.

Einen nur halbwegs ironischen Führer für das Leben nach dem Weltuntergang hat der britische Astrobiologe Lewis Dartnell eben veröffentlicht. Sein «Handbuch für den Neustart der Welt» stellt klar: «In der postapokalyptischen Welt ist Einfallsreichtum beim Wiederverwerten, Improvisieren und Basteln gefragt.» Die Prioritäten auf seinem «Globus aus verstreuten Dörfern», der das «globale Dorf» abgelöst hat, ähneln dabei nicht nur denen der Transition Towns. Der postapokalyptische Mensch vertreibt sich die Zeit auf verblüffend gleiche Weise wie der Hipster in der Innenstadt, der Essen anbaut und konserviert, der ein zerfallenes Haus renoviert, der Kleider und Seife herstellt.

Ist das Zufall? Oder antizipiert der Städter mit jedem Brot, das er in den Ofen schiebt, unbewusst eine Zukunft, in der sein Milieu der Praktikanten und Freelancer in den neuen kapitalistischen Realitäten zerrieben sein wird? ­ In der man, wie in der Satire von Joshua Cohen, lieber etwas Richtiges erlernt, etwas fürs Überleben? Sicher ist: In ihrem Flirt mit der Apokalypse zeigen heutige Menschen ihr Sehnen nach einem einfachen, übersichtlichen Dasein. Wer gärtnert, näht und bäckt, reduziert die Komplexität der Welt. Für ein paar Stunden, für sich selbst.

Man kann das politisch nennen. Oder eine Flucht. Der Wirtschaftsethiker ist skeptisch: «Oft hat sich das politische Engagement damit auch schon ­erschöpft», so Thomas Hajduk, «man kann das auch als Bequemlichkeit auslegen.» Wer bei sich selbst anfängt, die Welt zu verbessern, hört damit in der Regel auch bei sich selbst auf. Es ist eine sehr kleine Welt, die so besser wird.

Die arme Näherin

Nun kann man natürlich sagen: Immerhin. Oder: Wenn das alle machen würden. Fair enough. Stünde denn dahinter nicht tatsächlich eine Endzeitstimmung. Nämlich das Ende der Hoffnung, dass die Gesellschaft – oder die Politik – für Verhältnisse sorgen könnte, in denen die Näherinnen in Bangladesh, die Pflücker in der Elfenbeinküste oder die Minenarbeiter im Kongo nicht unter Lebensgefahr und für einen Dumpinglohn arbeiten müssten.

Die Produktionsbedingungen bei sich zu Hause und im Garten zu revolutionieren, mutet da wie ein Ausweg an. Man richte sich nach den Wünschen der Konsumenten, sagen ja auch Manager wie Ivan Glasenberg von Glencore, angesprochen auf die prekären Produktionsbedingungen in Ländern, in denen sie Milliarden verdienen: «Wenn wir es nicht tun würden, wäre unser aller Leben weltweit sehr viel unangenehmer.» Mit anderen Worten: Wer nicht will, dass die Näherin ausgebeutet wird, muss ihre Arbeit in der Freizeit selber machen.

Das urbane, kreative Milieu, das sich für die Avantgarde hält, hat diese neo­liberale Zumutung verinnerlicht: Nicht die Staaten, die Politik und Unternehmen stehen in der Pflicht. Sondern sie selbst, die Selbermacher. Ich-AGs noch in der Verantwortung für die Welt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.10.2014, 06:56 Uhr

Das Gedicht

Die Ballade von John und Yoko

Es war die Nacht nach dem Konzert
der Sauterelles
Als wir im Bett die Revolution
anzettelten
Wir sahen, wie schön im Dunkeln
die Zigaretten brennen
Ich war Yoko Ono, und er war John Lennon.

Wir liebten uns, wir liebten es
auszuschweifen
Wir hörten das «Köln Concert»,
sahen «Taxi Driver»
Da war noch ein Junge, wir beachteten ihn gar nie
Wir nannten ihn nur Paul McCartney.

Ein paar Jahre später, ich war jetzt Pharmazeutin
Ihm hatte das Bürgerliche nie etwas bedeutet
Er war jetzt Bassist im Anarchischen Orchester
Sie spielten spontan, und John spielte mit Esther.

Er schrieb ein letztes Wort aus
Südamerika
Da spielten sie auf Einladung der
Pro Helvetia
Ich nahm die Gitarre und sang
«Love Me Do»,
Unser Lied, dann zweimal «Tangled
Up In Blue».

Nach alledem sehe ich das Leben in Relationen
Nicht wie die Stars in Film­dokumentationen
Ich sitz mit Paul im Café und rede übers Wetter
Er nennt mich Heather, durchaus zärtlich.

(Christoph Fellmann)

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