Das Judentum als Einbildung

Antisemitismus funktioniert unabhängig davon, was Juden tun. Das zeigt ein hervorragendes Buch.

Buchdeckel (Ausschnitt) einer antisemitischen Schrift, die 1940 in Frankreich unter der Naziherrschaft erschien. Bild: www.bridgemanart.com

Buchdeckel (Ausschnitt) einer antisemitischen Schrift, die 1940 in Frankreich unter der Naziherrschaft erschien. Bild: www.bridgemanart.com

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Molotowcocktails gegen Synagogen, ­geplünderte Koscherläden, «Juden ins Gas»-Parolen – in der Folge des Gaza­kriegs fegte eine Welle des Antisemitismus durch Europa. Der Konflikt hatte die Hassausbrüche ausgelöst. Die Ursachen dafür lagen anderswo.

Ein ähnlicher Reflex spielte bei der Affäre um Geri Müller, hinter der Kommentatoren eine «jüdische Verschwörung» witterten. Schliesslich standen zwei Juden im Verdacht, Müller zu schaden. In Wahrheit handelte es sich um einen gewöhnlichen politischen Streit. Als die CVP mithalf, Christoph Blocher als Bundesrat zu stürzen, wäre niemand auf die Idee gekommen, von einer «christlichen Verschwörung» zu reden.

Dass Judenhass unabhängig davon funktioniert, was Juden tun; dieses Muster funktioniert seit 2000 Jahren. Selbst kritischste Denker sind anfällig dafür.

Karl Marx – seine Eltern waren zum Protestantismus konvertierte Juden – forderte, dass sich die Menschheit vom Judentum befreien müsse. Nur so könne sie die Herrschaft des Geldes abwerfen. Dabei war der englische Industriekapitalismus, den Marx überwinden wollte, eine christliche Errungenschaft. In England lebten damals kaum Juden.

Das Beispiel stammt aus «Anti-Judaism» von David Nirenberg. Im hoch­gelobten Buch legt der Princeton-Historiker die geistigen Quellen frei, aus denen sich der Antisemitismus speist. Dabei findet er Denkmuster, die das christlich-westliche Weltbild wie ein Virus infizierten.

Unzählige Theologen haben das «jüdische Denken» (Judaismus) zu einer verwerflichen Gesinnung abgewertet. Im Gegenzug festigten sie den Anti­judaismus als achtbare Haltung. Laut Nirenberg gehört er zu «den wichtigsten Werkzeugen, mit denen das Gebäude westlichen Denkens errichtet wurde».

Die Judenchristen verloren

Die Abneigung entsprang einem Dilemma des frühen Christentums. Obwohl Jesus von Nazareth gegen die jüdische Elite rebellierte, sah er sich selbst als Jude. Die ersten Christen gestalteten ihren Glauben als Teil des Judentums. Wer Christ sein wollte, musste jüdische Bräuche einhalten. Dagegen wehrte sich Paulus, der bekehrte Christenverfolger.

Im Jahr 70 schleiften die Römer das aufständische Jerusalem. Die «Juden-Christen» verloren ihre Basis, die Nachfolger von Paulus übernahmen die Macht. Nun verstand sich das Christentum als eigenständige Religion, frei von jüdischen Regeln und Ritualen. Das änderte nichts daran, dass es seine Existenz allein dem Judentum verdankte.

Die Juden stellten zudem eine theologische Bedrohung dar, weil sie Jesus nicht als Erlöser anerkannten. Die Römer hatten Jesus ans Kreuz genagelt wie viele der selbst ernannten Befreier vor ihm. Der wahre Messias, so dachten die Juden, hätte die Besetzer vertrieben und Gottes Reich auf Erden installiert.

Zur Verteidigung stellten sich die Christen als das «neue Jerusalem» dar. Die Schleifung der Stadt Jerusalem deuteten sie als himmlische Strafe gegen die Juden, weil diese Jesus nicht als Sohn Gottes akzeptierten. Gott hatte den Juden seine Gunst entzogen, jetzt gewährte er sie den Christen. Nur seien die Juden zu stur, um dies zu begreifen.

Eigene Schriften angeblich falsch verstanden

Auch das Alte Testament beanspruchten die frühen Christen für sich. Dazu behaupteten sie, die Juden hätten ihre eigenen Schriften falsch verstanden. Die wahre Deutung erschliesse sich nur jenen, die das Alte Testament auf neue, ­allegorische Weise läsen. Die prophetischen Texte bedeuteten nicht das, was sie zuerst schienen. Unter den Buchstaben verberge sich ein höherer, geistiger Sinn.

So versuchten die Christen, das «Fleisch» der Schriften zu durchtrennen, um zu deren spirituellem Kern vorzudringen. Paulus schrieb: «Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig.»

Damit schuf er einen Gegensatz, der jahrhundertelang wirkte: Die Christen verehrten den Geist. Die Juden verharrten beim Buchstäblichen, sie bevorzugten folglich das Körperliche, das Fleisch. Diese Gleichsetzung von Judentum mit Materialismus wurde mit weiteren angeblichen Beweisen gestützt: der Weigerung der Juden, die Beschneidung aufzugeben, ihrer Treue zu überlieferten Bräuchen, ihrer als pingelig verschmähten Schriftgelehrtheit.

Für dieses «jüdische Denken» erfand Paulus ein eigenes Wort: «judaisieren». Wer judaisierte, war ein Gefangener dieser Welt, huldigte dem Oberflächlichen, folgte dem Gesetz statt der Liebe.

Gegenseitige Beschimpfungen

In frühchristlichen Texten wimmelt es von Verschmähungen gegenüber Juden. Der Hauptvorwurf: Sie sollen Christen verfolgen und töten. Laut Nirenberg gibt es wenig Hinweise, dass dies oft geschah. Das Mächtegleichgewicht im römischen Reich verschob sich schnell zugunsten des Christentums.

Obwohl die Bedrohung durch das Judentum rasch nachliess, blieb das Feindbild. Die antijudaistischen Begriffe erwiesen sich als Allzweckwaffe, um Gegner herabzusetzen – egal ob diese Christen, Heiden, Muslime oder Juden waren.

Das zeigt sich am Streit um eine der zentralen theologischen Fragen der Antike: War Jesus Gott, Mensch oder beides zusammen? Die Dualisten verstanden ihn als rein geistiges Wesen. Wer Jesus einen körperlichen Menschen nannte und sich auf die Schriften des Judentums berief, der huldigte aus Sicht der Dualisten dem Materialismus. Und wurde so, streng nach Paulus’ Logik, zum Juden.

Die Vertreter der «Gott-und-Mensch-zugleich»-Hypothese schlugen mit der gleichen Waffe zurück. Dualisten lehnten die jüdischen Schriften nur darum als materialistisch ab, weil sie unfähig seien, deren geistigen Sinn zu erfassen. Sie verharrten bei der buchstäblichen Lektüre, das machte sie zu Juden.

Beständiges antijudaistisches Kernargument

Dank seiner Wandelbarkeit erwies sich dieses antijudaistische Kern­argument als extrem beständig. Fast 1500 Jahre nach Paulus bekämpfte Luther die katholische Kirche als jüdisch, weil sie sich zu streng ans Gesetz halte, Reichtümer anhäufte und Ablasshandel betrieb. Die Katholiken wehrten sich mit dem gleichen Vorwurf: Luther sei Jude, weil er die Bibel wörtlich lese.

Selbst Aufklärer griffen auf den Gegensatz von Paulus zurück. Spinoza (ein exkommunizierter Jude) propagierte das vernünftige Denken, frei von biblischer Befangenheit. Seine Feinde nannte er «Anbeter des Buchstabens». Dazu gehörten die Christen, weil sich diese wie die Juden der Schrift unterwarfen. Damit übernahm Spinoza, der sich von ­allen christlichen Vorurteilen befreien wollte, eines der wichtigsten davon. Er drehte das antijudaistische Argument gegen alle Schrift-Religionen. Viele Aufklärer übernahmen diese Strategie.

Die Gegner schmetterten den Vorwurf zurück. Sie diffamierten Spinoza als jüdisch, weil er die biblische Offenbarung und Jesus als Gottessohn zurückwies. Das Resultat klingt absurd: Aufklärer beschimpften Christen als Juden. Christen beschimpften Aufklärer als Juden. Beide benutzten dazu einen theologischen Kniff, der 1700 Jahre alt war.

Nirenberg führt unzählige weitere Beispiele auf. Kant nannte die Empiristen Juden, weil sie die Wirklichkeit zu hoch schätzten. Hegel verwarf Kants moralischen Imperativ als jüdisches Gesetz. Schopenhauer, eine Generation später, verhöhnte die Hegelianer als Juden. Die drei Philosophen waren wohl keine Antisemiten. Trotzdem übernahmen sie die christliche Gewohnheit, ihre Gegner als jüdisch zu verunglimpfen.

Während der Französischen Revolution passierte das Gleiche. Keiner ihrer Anführer gehörte zu den 40 000 Juden, die 1789 in Frankreich lebten. Trotzdem schien es den Gegnern ratsam, die Revolution als jüdisch zu beschreiben. So konnte man ihre Erfinder glaubwürdig als egoistische, materialistische Menschenfeinde schlechtreden.

Die «jüdische Gefahr» blieb

Solche Tiraden konnten sich leicht gegen die richtigen Juden wenden. Im Mittelalter litten sie besonders unter dem theologischen Antijudaismus. Damals kam den jüdischen Gemeinden in vielen europäischen Königreichen ein Sonderstatus zu, der auf den Theologen Augustinus zurückging. Dieser hatte um etwa 400 nach Christus das Judentum als überwundene Phase im Erlösungsplan bestimmt. Das verwandelte die gegenwärtigen Juden zu «Fossilien» der Heilsgeschichte – längst überwunden und doch bewahrenswert, weil ihr Elend bewies, dass die Christen recht hatten.

Die «Sklaven der Schrift» galten im Mittelalter als Privateigentum der Souveräne. Für sie erledigten die Juden Geschäfte wie Geld ausleihen oder Steuern eintreiben. Das machte sie bei der Bevölkerung noch unbeliebter und fügte sich bestens in den Materialismusvorwurf.

Ihre Nähe zum Judentum gefährdete umgekehrt die Herrscher. Wenn sie zu hohe Abgaben einforderten oder leiblichen Genüssen frönten, verdammte man sie als Juden. Widerstand gegen die Könige bekam dadurch religiösen Sinn, wurde zur christlichen Notwehr gegen jüdische Tyrannei. Um sich beim Volk beliebt zu machen, vertrieben letztlich fast alle mittelalterlichen Souveräne «ihre» Juden oder setzten sie Pogromen aus. Theologen lieferten die Rechtfertigung, indem sie die geschichtliche Funktion der Juden für beendet erklärten.

Zwangskonvertierte Juden

Am brutalsten gingen die Spanier vor. Um 1500 hatten sie die einst grösste jüdische Gemeinde Westeuropas fast völlig zerschlagen. Bekehrungen, Vertreibungen und Massenmorde sollten die «jüdische Gefahr» beseitigen. Paradoxerweise wurde sie dadurch verschärft. Die Christen misstrauten den zwangskonvertierten Juden, verdächtigten diese, ihren alten Glauben heimlich weiter auszuüben. Plötzlich konnte jeder ein versteckter Jude sein. Ein holländischer Gelehrter schrieb 1517, Spanien sei voll von Juden – obwohl dort fast keine mehr lebten.

Die antijudaistischen Argumente überstanden alle Epochen, leicht liessen sie sich anpassen. Der Holocaust sei keine direkte Folge dieses Denkens, schreibt Nirenberg. Doch die unheilvolle Tradition, aus der sich die Nazis bedienen konnten, habe den Mord an über sechs Millionen Juden stark vereinfacht.

Laut Nirenberg sind «Israel» und «die Juden» bis heute gängige Begriffe geblieben, um die Probleme der Welt zu veranschaulichen. Viele, die gegen Israel ­reden, meinen damit auch Amerika, den Kapitalismus oder Kolonialismus. Menschen, die sich benachteiligt fühlen, missbrauchen den Antisemitismus als Aggressionsventil. Sie verstehen alles Ungerechte und Falsche als jüdisch – wie es die christliche Antike vormachte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.09.2014, 06:35 Uhr

David Nirenberg: «Anti-Judaism: The Western Tradition»

Norton
610 Seiten
circa 30 Franken

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