Das Kind im Zimmer

Auf der Website Younow erzählen Jugendliche fremden Zuschauern via Webcam live aus ihrem Leben. Jugendschützer sind entsetzt. Dabei hat der Blick in den Alltag der Teenager etwas Grossartiges.

Ein Teenager in einem Teenagerzimmer auf einem Teenagerbett – statt einer Performance zeigen Jugendliche auf Younow ihr ganz normales Leben. Foto: Isabelle Plasschaert (Alamy)

Ein Teenager in einem Teenagerzimmer auf einem Teenagerbett – statt einer Performance zeigen Jugendliche auf Younow ihr ganz normales Leben. Foto: Isabelle Plasschaert (Alamy)

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Vivi* ist schon anderthalb Stunden auf Sendung, aber immer noch überschwänglich. «Dicke Titten, Kartoffel­salat», sagt sie – der Refrain eines Sommerhits von einem Knallkopf namens Ikke Hüftgold. Gleich danach wechselt Vivi den Song und rappt SDP featuring Week­end: «Ich tanz, tanz, tanz aus der Reihe, in der Schule hatte ich immer Langeweile, ich nehm Anlauf und spring durch die Scheibe, weil ich immer übertreibe.»

Sie sei 16, sagt Vivi, und das könnte hinkommen. Ihr Gesicht – voller Mund, beeindruckende Augenbrauen, nachlässige Blondierung – sieht ein wenig seltsam aus, weil sie nicht nur in ihre Laptopkamera, sondern gleichzeitig auch auf ihr Handy schaut, das einen bläulichen Schein zurückwirft. Aber das ist egal, weil Vivi gut drauf ist. Sie kann einfach nicht aufhören zu reden. «Hey, schön, dass du da bist, mein Tag war lang, ich hatte bis sieben Schule, dicke Titten, Kartoffelsalat.»

Fünf Zuschauer für Sara

Sara dagegen ist eher der introvertierte Typ, spricht sparsam und mit langen Nachdenkpausen. Irgendwie kommt ihr Stream nur langsam in die Gänge. Sie würde alles erzählen, sagt sie, «na ja, fast alles, stellt mir ruhig Fragen», aber niemand will etwas von ihr wissen, vorläufig jedenfalls. «Wir könnten etwas spielen», sagt Sara, «ich denke an ein Wort, und ihr versucht, es zu erraten.» Und dann denkt Sara tatsächlich an ein Wort und sagt lange nichts, aber von den fünf Menschen, die ihr laut Zähler zusehen, äussert niemand eine Vermutung. «Na ja, egal», sagt Sara, «dann eben etwas anderes.» Einer von den fünf Zuschauern bin übrigens ich.

Ich treibe mich auf Younow herum, einer Website, die bei Teenagern das neue heisse Ding sein soll. Überprüfen lassen sich solche Aussagen nicht, wenn man selbst nicht viele Teenager kennt, aber die Auskunft, dass sich alle Mädchen jetzt aus Gummibändern Rainbow-Loom-Armreifen fummeln, hat ja auch ihre Richtigkeit, also wird es vielleicht stimmen. Younow ist eine amerikanische Website, die es jungen Menschen ab 13 ermöglicht, mit Handy- und Computerkameras ihr Leben ins Netz zu strea­men, und allen anderen erlaubt, dabei zuzusehen und wie in einem Chat zu kommentieren oder Fragen zu stellen. Das Leben, das man zu sehen bekommt, sieht meistens so aus: Ein Teen­ager liegt in seinem Teenagerzimmer auf seinem Teenagerbett, hält sein Teen­agergesicht sehr nahe an die Kamera und erzählt von seinem Tag, seiner Laune oder seinen Lieblingsfilmen und reagiert auf die Beiträge der für ihn unsichtbaren Zuschauer.

Im Grunde geht es zu wie bei diesen Bezahlsexchats im Netz, bei denen man nackten erwachsenen Frauen mitteilen kann, was sie vor der Kamera tun sollen. Nur kostet Younow nichts, hat nichts mit Sex zu tun hat (jedenfalls, wenn die Regeln eingehalten werden). Die Menschen, die man zu sehen bekommt, sitzen nicht nackt oder halb nackt vor der Kamera, sondern tragen Rollkragenpullover, Hoodies oder Message-T-Shirts. Das Ambiente hat nichts Verfängliches (Schmetterlingssticker, Fussballposter), und was die Mädchen und Jungs enthüllen, das ist ihr Denken.

Sich vorführen

Dennoch schlagen die Erwachsenenmedien Alarm. Nicht auszudenken, was so junge Menschen in ihrer Naivität alles preisgeben könnten, heisst es. «Pädophile lieben diese App», befand der «Stern». «Mutproben auf Younow können lebensgefährlich sein», gab eine Medienexpertin in den «Stuttgarter Nachrichten» durch. Und ein Medienanwalt wies vorsorglich darauf hin, dass die Teenies sich der Urheberrechtsverletzung schuldig machen könnten, wenn während ihrer Broadcasts ein Lied aus dem Radiolautsprecher käme. Ursprünglich ist Younow 2011 als Social Television erfunden worden, um Jugendlichen die Gelegenheit zu geben, ihr Können als Sänger oder Performer vorzuführen und von ihresgleichen beurteilen zu lassen. Doch statt an einer permanenten Internet-Talentshow teilzunehmen, beschlossen die Teenies, sich einfach zu zeigen, wie sie sind.

Kann sein, dass es mittlerweile ein mächtigeres Bedürfnis ist, authentisch zu sein als für ein paar Likes den Hampelmann zu machen. Kann auch sein, dass Kids das Gefühl haben, sowieso ständig etwas abliefern zu sollen, das in den gängigen Formaten gefangen bleibt – ein 3-Minuten-Lied, einen Rap, ein Essay von 200 Worten –, und es deswegen an der Zeit ist, einmal ohne all diesen Kram auszukommen. Jedenfalls ­sitzen neuerdings rund um die Uhr Tausende und Aberzehntausende junge Menschen vor Kameras und streamen ins Netz, wie sie sind – in Klamotten, die sie auch sonst tragen, in Zimmern, in ­denen sie wohnen, auf Betten, in denen sie einschlafen werden. Manchen von ­ihnen kann man auch beim Schlafen zusehen, so wie man manchmal den eigenen Kindern beim Schlafen zusieht. Fast ist es, als würde man sie bewachen.

Erst fast pleite, jetzt der Erfolg

Für den Gründer von Younow, einen New Yorker Mittvierziger namens Adi ­Sideman, war diese Wendung der kollektiven Jugendpsychologie ein Glücksfall. Anfang 2014 stand sein Unternehmen schon knapp vor der Pleite, doch seit die Teenager sein Younow in eine Website verwandelt haben, auf der man ihnen in Echtzeit beim Leben zusehen kann, investieren alle möglichen Wagniskapitalgeber viel Geld; obwohl nicht genau ersichtlich ist, wie man mit Younow denn Gewinne machen könnte. Aber bei ­Google und Facebook hat es ja auch ein paar Jahre gedauert, bis man das herausgefunden hat. Vorläufig ist das Beste an Younow, dass da gar nichts passiert, nichts Wesentliches jedenfalls. Niemand erzählt von Krebstherapien, mörderischem Liebeskummer, den Streitereien der Eltern im Nebenzimmer und all den anderen Katastrophen, die ein Teenagerleben aus der Bahn werfen können. Da ist nur dieses mittige Alltagsleben – im Vertrauen darauf ins Netz geströmt, dass es irgendwo auf der Welt Menschen geben könnte, die sich das ansehen.

Sobald jemand versucht, einen Broadcaster unangenehm anzuquatschen («Tu mal so, als würdest du einen Salzstreuer über deinen Mund schütteln»), wird er ignoriert. All die Fragen, mehr zu zeigen oder Klarnamen zu verraten, werden stoisch ausgesessen. Die Medienkompetenz, um die sich Erwachsene so sorgen, ist bei diesen Teenagern längst vorhanden, merkt man beim Zusehen schnell – was selbstverständlich nicht bedeutet, dass da nie etwas Unangenehmes passieren wird.

Stundenlang erzählen

Was das alles soll, erklären einem die für die Psychologie von Jugendlichen zuständigen Experten und Journalisten mit den üblichen Formeln: Es gehe den Kids um Aufmerksamkeit. Als ob es erstens unverständlich, zweitens eine kindische Marotte, drittens gefährlich wäre, Aufmerksamkeit zu wollen – ausgerechnet in einer Welt, in der sich jedes noch so unglamouröse Unternehmen einen Facebook-Auftritt zulegt und Social-Media-Botschafter anstellt.

Wenn sie nicht so ängstlich und herablassend wären, fiele Erwachsenen möglicherweise das Grossartige an Younow auf: Wann hat es das schon gegeben, dass Teenager stundenlang erzählen können, wie ihr Leben so ist, ohne dass ihnen ­ jemand ins Wort fällt, sie auf später vertröstet, korrigiert, mit Ratschlägen zuspamt? Schade eigentlich, dass es das nur für junge Leute gibt.

* Alle Pseudonyme wurden von der ­Redaktion geändert.

Erstellt: 16.02.2015, 23:38 Uhr

Video

Datenschützer warnen vor der Kinder-Videoplattform Younow. Quelle: Youtube

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