Das Kopftuch machte sie berühmt

Eine 16-jährige Wienerin ist Erfinderin des Kopftuch-Emojis. Das «Time Magazine» zählt sie zu den 30 einflussreichsten Teenagern der Welt. Andere werfen ihr eine Islamisierung des Internets vor.

Rayouf Alhumedhi, Erfinderin und Weltbürgerin. Foto: Martin Valentin Fuchs

Rayouf Alhumedhi, Erfinderin und Weltbürgerin. Foto: Martin Valentin Fuchs

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Eines der angeblich einflussreichsten Mädchen der Welt geht zielstrebig durch die Korridore einer unscheinbaren Stadtrand-Backsteinschule, gelegen in der Strasse der Menschenrechte, Hausnummer 1, in 1220 Wien. Das cremefarbene Kopftuch der 16-Jährigen ist farblich auf die Hülle ihres Smartphones abgestimmt, sie trägt eine lange Sporthose von Nike und Turnschuhe. Das Sweatshirt ist weich und bequem. Andere Schüler werfen ihr bewundernde Blicke zu. Denn sie hat sich und ihresgleichen ein Gesicht gegeben, sie hat ein Emoji erfunden. Eines jener Symbolbildchen, die auf den Kommunikationskanälen des Internets milliardenfach in Texte eingefügt und angeschaut werden.

Anfang November deklarierte das US-amerikanische Nachrichtenmagazin «Time» Rayouf Alhumedhi als einen der 30 einflussreichsten Teenager der Welt. Denn ihr Emoji ist das erste, das ein Kopftuch trägt. Sie sagt: «Alles, was ich erreichen wollte, ist Repräsentation.» Gehasst werden indes wollte sie nicht. Und auch nicht gefürchtet.

Emoji mit Kopftuch. Foto: PD

Die Idee kam Rayouf, als sie im Sommer 2016 mit Freundinnen auf Whatsapp chattete. Ihr fiel auf: Keines der damals existierenden Emojis sah ihr ähnlich. Es gab lachende und weinende, welche, die skeptisch blicken oder pfeifen, es gab ein Turban-Emoji mit Gesichtern in allen Hautfarben, welche, die gleichgeschlechtliche Paare zeigen und auch ein Christenkreuz – nur sie kam in dieser Welt nicht vor. Und mit ihr keine der Frauen und keines der Mädchen unter den Millionen Musliminnen auf der Erde, die ein Kopftuch tragen.

Warum nicht?

Also beschloss Rayouf, an das Unicode-Konsortium im kalifornischen Silicon Valley zu schreiben, eine gemeinnützige Organisation, der auch nahezu alle grossen Softwarefirmen angehören und die die Standards für Schriftzeichen – und eben auch Emojis – festlegt. Rayouf Alhumedhi, sie war 15 Jahre alt damals, wurde gebeten, einen Bildvorschlag zu machen; sie wurde nach San Francisco eingeladen, um ihre Idee zu präsentieren.

Dann wartete sie. «Ich habe immer wieder mein iPhone-Betriebssystem upgedatet», sagt Rayouf, «um zu sehen, ob es schon da ist. Endlich war es so weit.» Sie öffnet die Tür zu einem Klassenzimmer, setzt sich und erzählt, in fliessendem US-amerikanischem Englisch, ihre Geschichte.

Zum ersten Mal Schnee sehen

Rayouf Alhumedhis Schule ist eine Eliteschule. Sie liegt dort, wo man eine Eliteschule nicht vermuten würde. In einem Randbezirk Wiens, umgeben von einer Plattenbausiedlung, dicht befahrenen Strassen, wenig Grün und viel Beton. Vom Stephansplatz in der Innenstadt, mit seinen Pferdekutschen, Pflastersteinen und Gründerzeithäusern, ist sie acht U-Bahn-Stationen entfernt. Kinder von Wirtschaftschefs werden hier an der Vienna International School im Stadtteil Kagran unterrichtet, Kinder von Diplomaten und Spitzenpolitikern aus aller Welt. Im Werkraum der Schule steht ein 3-D-Drucker, auf dem Gang sind Apple-Computer angeschlossen. Draussen im Garten wurde ein Teich angelegt, dahinter stehen Gewächshäuser mit Mikros-kopen darin. Die Schauspiel-Gruppe trifft sich in einem eigenen Theater mit roten Samtsesseln. In der Bibliothek halten Autoren und Blogger aus aller Welt Vorträge. Die Schüler haben gute Chancen, einmal zur sogenannten Elite zu gehören. Ihre Eltern tun es bereits. Der Grossteil arbeitet für die Vereinten Nationen. Bis zu 20'000 Euro zahlen sie pro Jahr für den Schulbesuch ihrer Kinder.

Auch Rayouf Alhumedhi ist ein Diplomatenkind. Sieben Jahre lang wuchs sie in Saudiarabiens Hauptstadt Riad auf. Ihr Vater arbeitete dort im Bildungsministerium. Dann, als Rayouf im Schulalter war, wurde ihrem Vater eine Stelle an der saudischen Botschaft in Wien angeboten. Die kleine Rayouf sieht zum ersten Mal in ihrem Leben Berge, erlebt Jahreszeiten, geht wandern und fährt Ski.

Als Rayouf zwölf Jahre alt ist, zieht die Familie wieder um. Diesmal nach Berlin, wo sie auf eine britische Schule geht. In diesem Jahr wurde ihr Vater wieder an die saudische Botschaft nach Wien versetzt, wo er derzeit als Kulturattaché arbeitet. Im Artikel des «Time Magazine» wird Rayouf als «österreichische Schülerin» vorgestellt. Sie selbst, sagt sie, sieht sich wie viele ihrer Mitschüler als «global citizen», als Weltbürgerin.

Hidschab steht für Freiheit

Im Büro des Pressesprechers Thomas Lammel der Vienna International School rufen seit der Veröffentlichung der «Time Magazine»-Liste Hunderte Journalisten an. Bei Interviews sitzt Lammel stets neben Rayouf, weil er – wie er sagt – ihr das Gefühl geben will, nicht allein zu sein, wenn unangenehme Fragen, etwa zu ihrem Privatleben, gestellt werden. Vor den Hassnachrichten, die in Internetforen über die Schülerin kursieren, kann er sie allerdings nicht schützen. Von Beschimpfungen bis zu Vergewaltigungsfantasien ist alles dabei. Johann Gudenus, Vizebürgermeister der Stadt Wien, kommentierte einen Artikel über Rayoufs Wahl mit dem Wort «Irrsinn». Gudenus ist Mitglied der Burschenschaft Vandalia und der FPÖ, zu seinem Wortschatz gehört die «Umvolkung» ebenso wie die «Türkenbelagerung». «Das Kopftuch ist ein Symbol des politischen Islams», heisst es in einer Verlautbarung der Partei. Im Wahlkampf las Rayouf auf FPÖ-Plakaten, an denen sie auf dem Weg zur Schule vorbeikam: «Der Islam gehört nicht zu Österreich». Was bedeutet das für sie?

«Dieser Mann muss für seine Wähler interessant bleiben, deswegen füttert er sie mit solchen Geschichten», sagt Rayouf achselzuckend. Sie kennt auch die Losung von der «Islamisierung des Abendlandes», die Dresdner Pegida-Bewegung führt sie im Namen, FPÖ-Politiker gebrauchen sie ebenfalls. Und Saudiarabien liefert durchaus Belege dafür, eine solche Islamisierung voranzutreiben.

Rayouf sagt, sie verstehe nicht, warum sie und ihr Emoji damit in Verbindung gebracht würden. Dann verdreht sie die Augen: «Diese Politiker tun so, als würde mein Emoji Europas Zukunft beeinflussen.» Rayouf liest all die Kommentare nicht. Die Gudenus-Äusserung hat sie aber mitbekommen. Seitdem wird sie in Interviews zum Thema Fremdenhass befragt.

Hidschab als Teil der persönlichen Identität

Jährlich werden etwa 500 neue Emojis zugelassen. Vergangenes Jahr waren es unter anderem eine stillende Mutter, eine Meerjungfrau, ein Broccoli und ein sich erbrechender Smiley. Es gibt Emojis von Synagogen, Kirchen und Moscheen mit Minaretten. Allein über das Frauengesicht mit Kopftuch wurde auf der halben Welt berichtet.

Rayouf konzentriert sich lieber auf das positive Echo, denn das sei überwältigend gewesen, erzählt sie. Vor allem im Netzwerk Instagram. Dort danken ihr Frauen, dass sie sich für ein Symbol eingesetzt hat, mit dem sie sich identifizieren können.

Für Rayouf ist der Hidschab, den sie trägt, seitdem sie 13 ist, ein Symbol für Freiheit, sagt sie. Niemand zwinge sie dazu, ein Kopftuch zu tragen. Es sei ihre eigene Entscheidung und Teil ihrer Identität.

«In meiner Heimat müsste ich meinen jüngeren Bruder fragen, ob ich verreisen darf, ist das nicht verrückt?»Rayouf Alhumedhi

Freiheit? Rayoufs Vater ist ein Repräsentant eines Landes, in dem Frauen ohne männlichen Begleiter nicht einmal ein Flugticket kaufen dürfen. Ein Land, in dem die Todesstrafe verhängt wird, unter anderem bei Vergehen wie Ehebruch, Homosexualität und Gotteslästerung. Das Bundesamt für Verfassungsschutz und der Bundesnachrichtendienst haben Erkenntnisse darüber, dass religiöse Organisationen aus Saudiarabien mit Billigung der Regierung deutsche Salafisten unterstützen. Dazu gehören der Bau von Moscheen und Schulungsräumen und das Entsenden von Predigern. Reiche Saudis investieren Millionen in den Bau von Moscheen in Afrika.

«In meiner Heimat müsste ich meinen jüngeren Bruder fragen, ob ich verreisen darf, ist das nicht verrückt?», sagt Rayouf. Dass Saudiarabien langsam liberaler zu werden scheine – seit kurzem dürfen Frauen den Führerschein machen, bei Kommunalwahlen wählen, Sportstadien besuchen –, gefalle ihr. Aber noch immer würden Frauen deutlich schlechtergestellt als Männer, sagt sie.

Irgendwann möchte sie zurück und in Riad arbeiten, vielleicht eine Firma gründen, sich gesellschaftlich engagieren. Sie wird mit einer aufgeschlossenen, liberalen Haltung zurückkehren. An ihrer Wiener Schule gibt es Lesben-, Schwulen- und Transgender-Clubs und feministische Debatten.

Vizekanzler mit Neonazi-Hintergrund

Rayouf, deren Emoji-Erfindung auch eine Art der weiblichen Selbstermächtigung ist, ein Akt der Emanzipation, Rayouf wirkt viel zu emanzipiert für das konservative Saudiarabien. Für viele in Österreich dagegen wirkt das verschleierte Mädchen als unterdrückt. Es betreibe die Islamisierung des Internets.

Während Rayouf ihren Traum lebt, rückt Österreich, das Land, in dem sie aufgewachsen ist, nach rechts. FPÖ-Parteiobmann Heinz Christian Strache, ein Mann, der 2009 mit einem Kruzifix gegen den Bau einer Moschee in Wien protestiert hat, ist neuer Vizekanzler. Er wird der erste Politiker Europas in Regierungsverantwortung sein, der eine Vergangenheit in der Neonazi-Szene hat.

«Hitler muss wieder her»

Wer sich in der muslimischen Gemeinschaft Wiens umhört, der bemerkt eine gewisse Angst davor. «Beschimpfungen und körperliche Aggression in der U-Bahn oder im Bus sind jetzt schon Alltag für uns», sagt etwa Dudu Kücükgöl, die sich als Aktivistin für die Rechte von muslimischen Frauen in Österreich einsetzt. Kücükgöl erzählt von Frauen, die nicht zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden, weil sie auf dem Bewerbungsfoto ein Kopftuch tragen. Im März 2017 hat der Europäische Gerichtshof entschieden, dass Unternehmen ihren Angestellten das Tragen religiöser, politischer und weltanschaulicher Symbole verbieten dürfen. Kücükgöl glaubt, dass dies die Situation von Musliminnen auf dem Arbeitsmarkt noch prekärer machen wird. «Eine Dame mit Kopfbedeckung darf in Österreich nicht Polizistin, Staatsanwältin oder Richterin werden.

Das ist definitiv eine Diskriminierung und Ungleichbehandlung», sagt der islamische Religionspädagoge Ramazan Demir. Demir ist Imam und Leiter der islamischen Gefängnisseelsorge in Österreich. Als solcher hat er viel Erfahrung mit muslimischen Jugendlichen im Teenageralter. «Vor allem junge Damen wie Rayouf, die durch das Kopftuch als Musliminnen erkennbar sind, erfahren Anfeindungen», so Demir. Sie erzählen ihm, dass sie weggeschubst und angespuckt werden. Manche schreiben ihnen: «Der Hitler muss wieder her.»

«In einer Firma, die mein Kopftuch nicht akzeptiert, würde ich erst gar nicht arbeiten wollen», sagt Rayouf. Sie, die Eliteschülerin und Diplomatentochter, hat die Wahl, die viele andere Muslime nicht haben. Sie will Informatik studieren, am liebsten in England oder den USA. Sie ist Schulsprecherin, engagiert sich in der Obdachlosenhilfe und hilft neuen Schülern, sich an der Schule zurechtzufinden. «Three more minutes», sagt sie bestimmt am Ende des Gesprächs.

Wer ihr begegnet, vergisst manchmal, ein Mädchen vor sich zu haben und keine Erwachsene. Bis die Schulglocke schrillt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.02.2018, 18:17 Uhr

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