Hintergrund

Das Lesen der anderen

Alle klagen über zu wenig Zeit zum Lesen. Dabei: Es gibt die neue Lust am literarischen Voyeurismus während der Pendlerstosszeiten.

Mitfahren, mitlesen: Szene aus der New Yorker U-Bahn.

Mitfahren, mitlesen: Szene aus der New Yorker U-Bahn. Bild: Underground Public Library

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Pendeln ist der Preis für Mobilität und der Garant für verkürzte Freizeit und Stress. Oder aber Pendeln ist Leseförderung in Reinkultur, denn bei kaum einer anderen Tätigkeit bleibt so viel Zeit für die Lektüre. Das zeigen die Auflagezahlen von Pendlerzeitungen, aber auch der tägliche Blick auf die Mitreisenden. Da werden Vorlesungsskripts bearbeitet, Zeitschriften gelesen, Facebook-Nachrichten gecheckt oder Online-Newssites abgerufen. Die fehlende Gelegenheit, Informationslektüre zu lesen, ist denn auch einer der Faktoren, die Schweizer Pendlerinnen und Pendler unzufrieden machen, wie die Studie «Pendlerglück» zeigte. (Lesen Sie auch: «Pendeln für Entspannte»)

Routinereisen und Kopfreisen

Eintauchen und die dauermotivierten Wanderer im Seniorenalter vergessen, die Musik aus den Kopfhörern ignorieren oder gar das Aussteigen vergessen, das schafft nur gute Lektüre und nicht Sudoku, Kreuzworträtsel oder die neusten Eskapaden von Disney-Stars. Da kommt zur Routinereise die Kopfreise, und die hört nicht bei den Lesenden auf, sondern geht in den Köpfen der Mitreisenden weiter. Der Blick auf ein Buchcover und die Beobachtung der Gesichtszüge des pendelnden Gegenübers sind eine heimliche Mitfahrgelegenheit.

Handyromane und Bücherausleihen für Pendler

Dabei bleiben die Schweizer Berufsreisenden durchaus den klassischen Formaten treu. Ganz anders im Pendlerland Japan. Dort zählen die sogenannten Handyromane schon seit Jahren zu den meistverkauften Werken. Kurze, einfache Sätze sind typisch für das Genre, zudem temporeiche Plots und Geschichten, die sich um Liebe und Leidenschaft drehen und auf dem Smartphone gut lesen lassen. Sie werden entweder als Ganzes oder als Fortsetzungsromane angeboten. Mittlerweile verkaufen sich die populärsten Handyromane auch gedruckt ausgezeichnet. Hierzulande hat sich das Format allerdings noch nicht durchgesetzt. Oliver Bendel, Professor und Autor, publiziert seit einigen Jahren auch Romane fürs Handy, etwa die Geschichte von Lucy Luder. Noch bleiben die Handyromane aber ein Nischenphänomen, das von den grossen Verlagen nicht gepflegt wird. Dabei könnten sie sich mit Angeboten für Pendler durchaus profilieren. Für sie könnte ein Experiment in Shanghai als Vorbild dienen. Dort hat eine Kioskkette Ausleihstationen für Bücher eingerichtet, um den Lesenden die Lektüre gedruckter Werke schmackhaft zu machen und die Fixierung auf die Smartphones zu lösen. Die Bücher können kostenlos ausgeliehen und später auch an einer anderen Station wieder abgegeben werden.

Lesende beobachten

Während die einen lesen, werden sie von anderen fotografiert. Davon zeugen verschiedene Fotoblogs im Internet, die sich dem Pendeln oder noch spezifischer der Pendlerlektüre widmen. So dokumentiert Ourit Ben-Haim in ihrem Fotoblog Underground New York Library Lesende in der U-Bahn von New York. Da wird das Buch zum Rettungsanker in der Alltagshektik, zum Nothelfer bei Verspätungen und zum Schutzschild gegenüber den anderen Reisenden. Genauso spannend wie die Fotos sind die Bildunterschriften, die Angaben zur Lektüre machen. Da wird das Buch auch zum Accessoire, mit dem gerne die Individualität in der pendelnden Masse unterstrichen wird. Ein intimer Moment im öffentlichen Raum, der aber nach Ansicht der Blog-Autorin Julie Wilson durchaus bewusst inszeniert wird.

Anleitung für digitale Voyeure

Sie ist selbst ernannte literarische Voyeurin und hat es mit ihrem Blog Seenreading zu einiger Bekanntheit und einer eigenen Buchpublikation gebracht. Auf ihrer Website führt sie in die Kunst des literarischen Voyeurismus ein und hat dazu den passenden Hashtag auf Twitter definiert. Unter #seenreading twittern Pendler ihre Bilder von Lesenden aus der ganzen Welt. Sie ist überzeugt, dass sich die meisten Lesenden im öffentlichen Raum der öffentlichen Beobachtung bewusst sind, und sieht teils auch eine Form von exhibitionistischer Performance darin. Dennoch gibt sie klare Anweisungen für literarische Voyeure. (Lesen Sie auch: «Verfängliche Flirttechnik»)

  • Nicht in den Leseraum eines anderen eindringen
  • Lesende nicht suchen oder gar jagen, das wirkt verzweifelt und erregt Aufmerksamkeit
  • Keine Begegnungen zwischen Voyeur und Leser forcieren

Der kleine Lesekick im Alltagstrott

Dass Krimis gemäss Beobachtungen von Wilson auf der Rangliste der Pendler ganz oben stehen, leuchtet ein. Je routinierter die Reise, desto aufregender der Stoff, den es fürs Abdriften in andere Welten braucht. Entsprechend ist das Sortiment an den Bahnhofskiosken ganz darauf ausgerichtet, den kleinen Kick zu liefern. Eine Mittvierzigerin zwischen Büro und Heim mit verzücktem Blick «Shades of Grey» verschlingen zu sehen, ist voyeuristisch und irgendwie aufregend. (Lesen Sie auch: «Fesselnde Lektüre») Allerdings blieb der Blick häufig verwehrt, die Bücher von E. L. James waren die meistverkauften E-Books und damit dem Blick der Reisebegleiter entzogen. Die soziale Komponente findet bei der Lektüre von E-Books im virtuellen Raum statt. Die App Readmill erlaubt das einfache Markieren von Textstellen, die dann auch für alle anderen Nutzer der Plattform sichtbar sind und in sozialen Netzwerken geteilt werden können. Sozusagen der Leseclub für digitale Nomaden und ein Tummelfeld für Datenvoyeure. Eine analoge Weiterentwicklung wären speziell festgelegte Zonen, in denen sich etwa die Liebhaber einzelner Autorinnen und Autoren zum Pendler-Literaturclub treffen und von den Verlagen mit Spezialeditionen versorgt werden.

Lesen regt zu Kopfreisen an, und die dürfen ja utopisch sein. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.10.2013, 15:34 Uhr

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