Das Monster in der Ampulle

Eine Frau macht eine Schmerztherapie und wird schwer süchtig nach einem Medikament. Statt ihr beim Ausstieg zu helfen, verschreiben die Ärzte das Mittel immer weiter.

Rund 400'000 Menschen konsumieren in der Schweiz täglich Medikamente mit Suchtpotential. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Rund 400'000 Menschen konsumieren in der Schweiz täglich Medikamente mit Suchtpotential. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

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Monster können ganz harmlos daherkommen. Manchmal tragen sie weisse Kittel und sprechen einfühlsame Worte. Manchmal sind es Pillen und Pulver, die Stress und Schmerzen in Wohlgefallen auflösen. Niemand fürchtet sie, denn Medikamente werden von Ärzten verschrieben, und Ärzte wissen, was sie tun. Sollte man meinen. Aber das ist nicht immer der Fall.

Es sei schleichend gekommen, sagt Jelena Reichen (Name geändert) heute und meint damit das Monster, das sie sechs Jahre lang Stück für Stück von innen verschlang. So schleichend, dass sie ihre Verwandlung in einen hilflosen Junkie lange gar nicht bemerkte. Weil niemand sie warnte, weil ihr niemand half. Weil die Leute, die ihr hätten helfen sollen, das Monster immer weiterfütterten.

Alles begann mit einem Routineeingriff. Im Jahr 2005 musste Reichen eine kleinere Operation am linken Oberschenkel vornehmen. Sie war damals 28, eine intelligente junge Frau voller Pläne. Seit einem Unfall, den sie als Teenager in der Türkei erlitten hatte, sass sie im Rollstuhl. So kam sie in die Schweiz, baute hier eine Existenz in der Finanzbranche auf, heiratete, adoptierte ein Kind, engagierte sich politisch. Alles lief gut, bis die Droge in ihr Leben trat, von der sie nicht wusste, dass es eine Droge ist, und die ihr Leben in einen sechs Jahre langen Albtraum verwandeln sollte. «Das da», sagt sie und zeigt auf ihre gelähmten Beine, «ist für mich keine Behinderung. Sucht, das ist eine Behinderung.»

Bei der Nachkontrolle für den Eingriff verschrieb der Arzt Reichen das Medikament Pethidin, ein Schmerzmittel auf Opiatbasis wie Morphium oder Heroin, es wird unter die Haut gespritzt. Bei längerem Gebrauch kann es zu starker Abhängigkeit führen, das weiss jeder Arzt. Theoretisch. Doch vor der Suchtproblematik wirkt so mancher wie ein Anfänger.

Reichens Austrittsmedikation sah eine halbe Ampulle Pethidin bei Bedarf für Notfallschmerzen vor. Doch es blieb nicht bei der Kurzzeitbehandlung. Erst nach einer sechs Jahre währenden Suchtkarriere konnte Reichen auf das Medikament wieder verzichten. Später verklagte sie die Ärzte und Apotheker, die ihr das Opiat so bedenkenlos verschrieben hatten, aber erfolglos. Niemand wollte Verantwortung übernehmen.

Am Anfang wirkte das Pethidin wie gewünscht. Das sagte sie dem Arzt, und der verschrieb es ihr immer weiter. Sie erinnert sich: «Damals war mein Konsum moderat, und ich hatte keine Ahnung, dass ich bereits süchtig war. Ich hatte eine gute Zeit, war sehr aktiv, fühlte mich gut.» Entgegen jeder Vorsicht gab man ihr auch grosse Pethidin-Packungen mit nach Hause – angeblich aus Rücksicht auf ihre Behinderung. Reichen dosierte selber und steigerte die Dosis, immer mehr. Bald schon gewannen die Opiate die Oberhand.

Immer mehr Opiate

Laut einer Aufstellung der Pharmazeutischen Gesellschaft Zürich hat sich der weltweite Einsatz von Schmerzmitteln auf Opiatbasis in den letzten Jahren mehr als verdreifacht. Immer öfter werden sie auch bei nicht tumorbedingten Schmerzen eingesetzt, was in der Schmerztherapie kontrovers diskutiert wird. Einerseits wirken sie sehr gut, aber sie gefährden Menschen mit einer Veranlagung zur Sucht. Doch viele Allgemeinpraktiker sind auf solche unerwünschten Nebenwirkungen wenig sensibilisiert.

Roberto Pirrotta, Arzt im Arud Zentrum für Suchtmedizin, ist mit dem Problem vertraut. Er sagt, ein verantwortungsvoller Einsatz opioidhaltiger Schmerzmittel verlange eine Nutzen-Risiko-Einschätzung vor und während der Therapie. Doch hier seien die Ärzte häufig nachlässig: «Oft verschreiben Ärzte ein Medikament und denken, dass es ja nur für ein paar Tage ist. Dann reagiert der Patient gut darauf, und sie verschreiben es einfach immer weiter.»

Das Problem betrifft nicht nur Opiate. In der Schweiz nehmen rund 400'000 Erwachsene täglich Medikamente mit Suchtpotenzial: Psychopharmaka, Schlafmittel oder eben Schmerzmedikamente. 120'000 Frauen und rund 75'000 Männer sollen nach Schätzungen von Suchtfachstellen abhängig sein, besonders von Benzodiazepinen, die gern in der Altersmedizin eingesetzt werden. Medikamentensüchtige sind inzwischen die grösste Abhängigkeitsgruppe nach Nikotin und Alkohol. Aber die wenigsten halten sich tatsächlich für süchtig – schliesslich wird das Medikament mit dem Einverständnis des Arztes eingenommen.

Acht Monate nachdem Reichen zum ersten Mal Pethidin verschrieben bekommen hatte, dämmerte ihr, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Freunde sprachen sie auf ihr zeitweise erratisches Verhalten, auf ihre Gewichtszunahme an. Die sonst so gepflegte Frau liess sich gehen. Sie selber habe das nicht wahrgenommen, sagt sie. Nur manchmal habe sie schräge Blicke von Passanten bemerkt, sie aber nicht richtig einordnen können. «Mir war nicht bewusst, dass ich mich berauschte. Ich hatte immer Angst vor Abhängigkeit, sonst hätte ich schneller reagiert.» Im Juli 2006 suchte sie das Gespräch mit ihrer Ärztin und bat sie, etwas zu unternehmen. Diese verständigte die kantonale Suchtpräventionsbehörde, die für die sogenannten Substitutionstherapien zuständig ist, im Normalfall Methadonabgaben an Heroinsüchtige. Reichens Therapie wurde bewilligt, ab Dezember 2006 und bis August 2011 stand sie da unter Betreuung und Überwachung.

Gewöhnliche Drogenkarrieren verlaufen anders. Man interessiert sich für eine Szene, die Menschen, die Subkultur und nimmt die Drogen, um dazuzugehören, anders zu sein als die anderen. Ganz anders bei Medikamenten. Sie werden vom Arzt verschrieben, von der Arzneimittelbehörde kontrolliert und sind gesellschaftlich akzeptiert. Medikamente gelten nicht als Drogen, sondern als legitime Hilfsmittel, obwohl sie ebenso dem Betäubungsmittelgesetz unterstehen.

Als Erstes bewilligte die Suchtpräventionsstelle Reichen den Bezug von 500 Milligramm Pethidin pro Tag, dann leitete sie einen Entzug in die Wege. Die Klinik bezifferte ihren täglichen Pethidin-Konsum auf 1200 Milligramm, eine bedenklich hohe Dosis. Und alles völlig legal, auf Rezept und ohne dass jemand korrigierend eingegriffen hätte. Vor Gericht schoben die beteiligten Ärzte und Apotheker die Verantwortung auf andere und die Patientin ab.

Sucht ist nicht dasselbe, wie körperliche Gewöhnung. So schreibt etwa die amerikanische Gesellschaft für Suchtmedizin: «Anders als körperliche Abhängigkeit, (. . .) bezeichnet Sucht eine chronische Krankheit bei biologisch und psychologisch verletzlichen Individuen.» Ein Arzt könne nicht beurteilen, wie gross das individuelle Suchtrisiko des Patienten sei, sagt Suchtmediziner Pirrotta. «Die Geschichte ist komplexer, als man denkt. Aber wenn mal jemand süchtig ist, wird es noch komplexer. Aus diesem Grund wird eine interdisziplinäre Behandlung von chronischen Schmerzen häufig empfohlen.»

Im Dezember 2006 liess sich Reichen freiwillig auf die Sperrliste für Pethidin setzen und nahm stattdessen den Heroin-Ersatzstoff Methadon, ein Mittel, das Suchtkranken helfen soll, vom ursprünglichen Opiat wegzukommen. Auch das Methadon nahm sie in immer grösseren Mengen und daneben andere stark opiathaltige Schmerzmittel. Zusätzlich zu diesem Cocktail liess sie sich aber auch immer wieder Pethidin verschreiben, das ihr bereitwillig ausgehändigt wurde. Über Jahre hinweg in kaum kontrollierten Mengen.

Heute gilt in der Substitutionstherapie das Credo der «akzeptierenden Grundhaltung». Das primäre Ziel der Therapie ist nicht die Abstinenz der Süchtigen. Vielmehr will man ihnen zunächst wieder Menschenwürde zurückgeben, sie stabilisieren und sie befähigen, ein geregeltes Leben zu führen, so steht es in den Leitlinien der betroffenen Suchtfachstelle. Diese Haltung ist meistens auch ganz im Sinne der Suchtpatienten, die sich vom medizinischen Personal nicht Kontrolle wünschen, sondern Unterstützung. Doch nicht immer hilft der Arzt dem Patienten, wenn er sich kritiklos nach seinen Wünschen richtet.

Die Verantwortung der Ärzte

An die Zeit während der Substitutionstherapie kann Reichen sich nur bruchstückhaft erinnern. Sie litt unter starken Stimmungsschwankungen, konnte sich nicht konzentrieren, dazu kamen ­andere typische Nebenwirkungen von Opiaten: Schwindel, Halluzinationen, Angst. Die ehemals so klar fokussierte Frau verlor fast alles. Vor allem sich selbst, denn das Monster aus der Ampulle hatte die Kontrolle übernommen. Und die Behörden der Fachstelle gaben ihr, was sie wünschte. In dieser Zeit musste sie ihre Selbstständigkeit aufgeben, verlor ihre Freunde und wurde schliesslich suizidal. Sie informierte sich über Exit. Sie fragte sich, was sie hier überhaupt noch sollte. Aus den Protokollen des Strafrechtsprozesses geht hervor, dass Reichen der Chefin der Suchtfachstelle ihre Probleme schilderte. Doch diese reagierte nicht auf die Hilferufe. Im Prozess sagte sie aus, Reichen sei eine «schwierig zu führende Patientin» gewesen, habe sich «geschickt als Schmerzpatientin verkauft» und in verschiedenen Spitälern und Apotheken mit Betäubungsmitteln eingedeckt.

Im Spätherbst 2010 begann Reichens Ehemann um das Leben seiner Frau zu fürchten. Er wurde bei der Suchtprävention vorstellig und forderte, seine Frau bei der Abstinenz zu unterstützen und ihr vor allem nicht immer weiter Drogen zu verschreiben. Auf seine Initiative und mit seiner Hilfe machte sie erst den Pethidin-, dann den Methadon­entzug. Im Januar 2011 endlich ist sie clean. Und sie ist wütend. Warum hat man ihr immer weiter Drogen gegeben? Warum hat ihr niemand geholfen, davon wegzukommen? Sie will den Fall aufarbeiten, verlangt von den Ärzten und Behörden ihre Akten. Doch sie wird vertröstet. Dann reicht sie Straf­anzeige ein gegen ihren Hausarzt, die Ärztin der Suchtpräventionsstelle, gegen den Kantonsarzt. Im April 2012 eröffnet die zuständige Staatsanwaltschaft ein Verfahren, das im Juni 2013 eingestellt wird. Es liege keine Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz vor. Auch das Bundesgericht lehnte ein Verfahren letztlich ab.

Es gehe ihr nicht um Rache, sagt sie, sondern um Rechenschaft. Sie will verstehen, wie es möglich war, dass sie als gesunde junge Frau so ab­stürzen konnte. Und es geht ihr um Aufklärung. Sie will die Diskussion anstossen, wie wir als Ge­sellschaft mit Sucht umgehen wollen. Und welche Verantwortung dafür auch der medizinische Ap­parat trägt.

Was ist erlaubt? Was ist gefährlich?

Medizin ist keine exakte Wissenschaft. Vieles beruht auf Erfahrung, ist dem Ermessen des Arztes überlassen. Umso grösser ist die Verantwortung, wenn der Arzt Medikamente mit Suchtpotenzial verschreibt. Und noch mehr, wenn er von der Sucht heilen soll. Heute hilft man Süchtigen, wenn nötig, indem man ihnen die Drogen selber gibt. Der Drögeler ist jetzt Patient und der Arzt ein Dienstleister, der dafür sorgt, dass der Patient das bekommt, was er wünscht. Das ist in vielen Fällen sicher richtig. Aber eine Lösung ist es nicht.

Die Grenzen zwischen dem, was erlaubt ist und was gefährlich oder gar unverantwortlich, sind fliessend. Ärzte sind genauso wenig vor menschlichem Versagen gefeit, wie das Gesundheitssystem – trotz seiner umsichtigen Reglementierung. Vielleicht ist das Versagen im System schon angelegt. Das vordringliche Motiv von Ärzten nämlich ist es, ihren Patienten zu helfen, und wenn ein Medikament die entsprechende Wirkung erzielt, dann ist es gut. Nun strebt Reichen einen Zivilrechtsprozess an und will Schadenersatz. Sie räumt sich gute Chancen ein. Ihre verlorenen Jahre wird sie nicht zurückbekommen.

Das Monster aber wird bleiben. Es haust in ihr und wartet auf seine Gelegenheit.

Erstellt: 07.07.2015, 21:10 Uhr

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