Das Säuseln der Wölfe

Zwei Jahre «Papa Francesco»: Die Italiener lieben diesen Papst. Im Vatikan ist die Euphorie bescheidener.

Das Volk liebt seinen Papst, es steht zu 90 Prozent hinter «Papa Francesco». Aus der Kirche aber schlägt ihm Opposition entgegen. Foto: Alessandro Bianchi (Reuters)

Das Volk liebt seinen Papst, es steht zu 90 Prozent hinter «Papa Francesco». Aus der Kirche aber schlägt ihm Opposition entgegen. Foto: Alessandro Bianchi (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zwei Jahre sind vergangen, das ist nur ein Wimpernschlag im Selbstverständnis einer jahrtausendealten Organisation. Und doch.

Seit der Argentinier Jorge Mario Bergoglio Papst ist, seit jenem «Buona sera» vom 13. März 2013, geht ein Schub durch die katholische Kirche, ein Wirbel, vielleicht sogar eine neue Dynamik. Zumindest ist das der Eindruck, den man von aussen gewinnt, vom Bühnenrand. Rom bildet meistens die Bühne, die Italiener sind das meistbeehrte Publikum, der Spiegel eines Pontifikats. Und dieses Publikum mag den Papst, es liebt ihn gar für seinen bodenständigen und zuweilen ungestümen Auftritt, für sein freies und ungefiltertes Reden, für diese extrovertierte, haptische Art.

90 Prozent, so zeigen es die Umfragen, halten zu «Papa Francesco». Beliebter war keiner seiner letzten Vorgänger, obwohl ja auch Johannes Paul II. ein Popstar war und seine treue Fanschaft hatte. Die Audienzen sind gut besucht, der Applaus ist laut. An den Römer Kiosken hängen Franziskus-Kalender wie Trauben. Der Fussballbildchenverlag Panini gibt ein Magazin heraus, das nur den Papst zum Thema hat: «Il mio Papa». Mit Bildstrecken und Zitaten, ohne Politik und Polemik. Es ist so erfolgreich, dass es nun auch auf Deutsch erscheinen wird, in einer Startauflage von 250 000 Exemplaren.

Es gibt aber auch eine Innensicht, ausgeleuchtet von den italienischen Vatikanisten, den Insidern. Und sie streiten sich darüber, wie dieses Pontifikat bisher zu deuten sei, wie viel Wandel und Fortschritt tatsächlich in ihm stecke, wie viel Revolution von oben und wie viel Widerstand dagegen aus dem traditionalistischen Flügel des Klerus komme. Da jeder Experte seine eigenen Drähte ins Innere des Vatikans hat, zum einen oder anderen Kardinal, muss man sie möglichst alle lesen, um ein ausgewogenes Bild zu bekommen.

Einer der berühmtesten italienischen Insider ist Marco Politi, Publizist und Buchautor. In seinem neuen Buch «Francesco tra i lupi», «Franziskus unter Wölfen», das im Herbst bei Herder auch auf Deutsch erscheinen wird, zeichnet er das Bild eines progressiven Papstes, der mehr verändern wolle, als es vielen seiner Wählern, den Kardinälen, lieb sei. «Jedes Mal», sagt Politi im Gespräch, «wenn es in der Kirche einen Sprung nach vorne gibt, eine Erneuerung, eine Reformdynamik oder gar eine Revolution, kommen sofort starke Gegenkräfte auf. Sie nähren sich aus der Verunsicherung über das Neue, orientieren sich an der Tradition.» Das erfuhr auch Johannes XXIII., Papst von 1958 bis 1963, der letzte grosse Reformer der katholischen Kirche. Auch er habe seine Wähler vor den Kopf gestossen, als er das Zweite Vatikanische Konzil einberief. «Nur Monate nach seiner Wahl schrieb ein Priester aus dem Vatikan einen Brief an seinen Kardinal, in dem es hiess: ‹Die Geier kreisen über dem Kopf des Papstes, sie wollen Rache›.»

Franziskus und die «Wölfe»

Bei Franziskus seien die Resistenzen offen und stark, sagt Politi. «Seine Wähler wollten zwar, dass er die Vatikanische Bank aufräumt, dass er die Kurie effizienter gestaltet, Bürokratie abbaut und dass er die Kontakte mit den Bischöfen verstärkt.» Doch der Argentinier liest der Kurie die Leviten, brüskiert Privilegierte. Er strebe insgesamt eine andere Kirche an, sagt Politi, eine weniger kaiserliche, in der der Papst nicht mehr wie ein absoluter Monarch regiere, sondern kollegialer. Eine weniger klerikale, ärmere Kirche auch, die ihre Güter für die Armen, die Obdachlosen und die Migranten einsetze. Und eine Kirche, die die Rolle der Frau darin neu interpretiere, den Blick auf die Homosexuellen neu justiere. «Das alles verstört eine breite Gruppe von konservativen, traditionalistischen Leuten in der Kurie und in der Weltkirche.» Politi nennt diese «Wölfe» beim Namen. Es sind prominente konservative Kirchenleute dabei, die ihre Kritik an der Führung schon unverhohlen kundgetan haben, allen voran Raymond Leo Burke, ein Kardinal aus Amerika, vom Papst mittlerweile auf den Posten eines Patrons des Malteserordens herabgesetzt. Offen kritisch sind auch die deutschen Kardinäle Ludwig Müller, Präfekt der Glaubenskongregation, und Walter Brandmüller.

Etliche einflussreiche italienische Kardinäle gehören dieser Gruppe ebenfalls an: so etwa Angelo Scola, der Erzbischof von Mailand, der mächtigsten Diözese Italiens, und vor zwei Jahren Mitfavorit für die Nachfolge Benedikts; Camillo Ruini, der frühere Präsident der italienischen Bischofskonferenz; Carlo Caffarra, Erzbischof von Bologna; und Tarcisio Bertone, der ehemalige Staatssekretär. Bertone fiel in Ungnade, als publik wurde, dass er seine Attikawohnung im Palazzo San Carlo luxuriös ausbauen liess, während der Papst auf 70 Quadratmetern im Gästehaus Santa Marta gleich ums Eck wohnt.

«Es gibt eine starke Diskrepanz zwischen dem Applaus, die dieser Papst in der grossen Öffentlichkeit erntet, unter den Katholiken und unter Andersgläubigen, und der stillen bis lauten Opposition, die ihm aus der Struktur der Kirche entgegenschlägt», sagt Politi, «aus den religiösen Orden, den Laienorganisationen, den Bischofskonferenzen.» Oft sei es auch Passivität. «Man engagiert sich nicht für die Ziele des Papstes.» In Italien sind die grossen Vereinigungen Comunione e Liberazione und Azione Cattolica, die sich sonst leicht mobilisieren lassen, merkwürdig abwesend – als würden sie zurückgehalten. Und das sei erstaunlich, sagt Politi, gebe Franziskus den Bischöfen und den Laien doch so viel Redefreiheit, wie sie es bisher nie gehabt hätten.

Der Papst selber sei besorgt, dass er gebremst werde. «Vor Weihnachten sagte er einem befreundeten Bischof aus Südamerika: ‹Ich habe nur eine Bitte an den Herrn, nämlich, dass dieser Wandel, für den ich mich mit so vielen Opfern einsetze, nicht wie ein Licht erlischt›.» Er sagte auch schon einmal, es blieben ihm ja nur einige wenige Jahre Amtszeit, als kämpfe er gegen mächtige Mühlen an.

Franziskus und die «Lämmer»

Weniger dramatisch sieht es Marco Tosatti, der langjährige Vatikanist der Zeitung «La Stampa»: «Natürlich gibt es unterschiedliche Sensibilitäten in der Kirche, moderne und konservative», sagt Tosatti, «doch es läuft hier kein Komplott gegen den Papst, wie uns das die Medien weismachen wollen. Die meisten Medien sind einfach ‹Papa-friendly› und progressiv.» Für eine kompakte, einheitliche Opposition seien die Kritiker des Papstes untereinander zu unterschiedlich. «Was haben die traditionalistischen Kardinäle aus Amerika, Afrika und Italien schon gemein? Es eint und identifiziert sie einzig ihre Opposition gegen das fortschrittliche Denken von Kardinal Walter Kasper, dem der Papst sein Ohr schenkt – aber nur in der Sache, beim Abendmahl für Wiederverheiratete zum Beispiel.» Und das sei ja legitim, das habe es immer gegeben.

Für Tosatti hat der Papst bisher vor allem viel und originell kommuniziert, hauptsächlich nach aussen, um der Kirche ein neues, sympathischeres Image zu schenken: «Das scheint sein wichtigstes Anliegen zu sein. Sympathie ist ein Faktor. Manchmal sagt er dabei aber auch einige Worte zu viel.» Als grosser Reformer müsse sich Bergoglio hingegen erst noch beweisen, sagt Tosatti. Das Geleistete sei alles schon vorbereitet gewesen, vom Vorgänger angemahnt und von den Kardinälen im Konklave gewünscht. Und vieles an seinem Regieren sei improvisiert und widersprüchlich. So habe er sich gegen den «Karrierismus» ausgesprochen, dann aber viele Diplomaten in Schlüsselpositionen befördert – die einzige Amtskategorie im Kirchenstaat, in der es eine echte Karrierekultur gebe. Auf seiner Reise nach Asien mahnte er an, die Katholiken sollten sich nicht wie «Karnickel» fortpflanzen, bei anderer Gelegenheit preist er kinderreiche Familien als «Segen» und Väter vieler Kinder als «Campioni», als Meister.

Franziskus regiere auch nicht so kollegial, wie man immer höre, sagt Tosatti: «Er umgeht des Öfteren die Kongregation für die Bischöfe, entscheidet allein, und das kommt nicht sehr gut an.» Zumindest in der Struktur nicht, im Innern des vatikanischen Machtapparats. Einig sind sich die beiden Vatikanisten nur, wenn es um den Stellenwert geht, den die Synode vom kommenden Herbst zu Fragen der Familie für das Pontifikat haben wird. Politi spricht von einem «Prüfstein» für den Papst: «Dann erst wird man sehen, ob die Freunde oder die Gegner von Franziskus die Oberhand haben.» Die Lämmer oder die Wölfe. Auch Tosatti spricht von einem «Test»: «Selbst ein Monarch braucht Konsens. Mehr als kleine, sachte Schritte liegen wohl nicht drin.»

Vielleicht soll man dieses Pontifikat ja dereinst vor allem am Bekenntnis Bergoglios für die Armen erkennen, für die Menschen mit erschütterten und gebrochenen Lebensgeschichten. Einige Dutzend von ihnen, die Obdachlosen des Quartiers rund um San Pietro, erfahren das Bekenntnis am eigenen Leib, jeden Tag, gleich hinter dem rechten Flügel von Berninis mächtigen Säulengängen auf dem Petersplatz. Der Papst liess hier drei Duschen einrichten.

Hilfe kommt vom Himmel

Ziemlich chic sind sie geworden, in warmen Beigetönen gehalten. In die «päpstlichen Duschen» kann jeder kommen, von 9 bis 15 Uhr, ausser mittwochs, weil dann auf dem Petersplatz die General­audienz stattfindet. «Manchmal dauert es halt eine Weile, bis man dran ist», sagt ein Römer um die sechzig, obdach- und arbeitslos seit sieben Jahren, «doch ich warte gerne. Die Hilfe kommt ja vom Himmel.» Fünfzehn Männer warten, kauernd, sitzend, stehend, keiner beklagt sich. «Der Papst? Er ist ein Segen», sagt ein Pole und faltet die Hände. Für jeden Besucher läuft die Dusche zehn Minuten, dann stellt sie automatisch ab. Freiwillige Helfer verteilen Kits mit Seife, Zahnpasta, frischer Unterwäsche, Deodorant. Jeweils montags kommt auch ein Barbier vorbei, stutzt Kopfhaar und Bärte, alles umsonst. Es gehe um Würde, sagte der Almosenier des Papstes, Bischof Konrad Krajewksi aus Polen, als er die «Docce del Papa» vor einigen Wochen einweihte.

Auch Krajewskis Personalie war ein Politikum. Er folgte vor eineinhalb Jahren auf den Italiener Guido Pozzo, der seinerseits von Benedikt XVI. berufen worden war und nur neun Monate die Päpstliche Almosenverwaltung geleitet hatte. Es hiess, Pozzo sei dem neuen Papst nicht demütig genug gewesen für das Amt, eine Stilfrage. Wahrscheinlich wurde Pozzo auch zum Verhängnis, dass er ein Traditionalist ist, dem ideologischen und theologischen Gestus Ratzingers näher als jenem Bergoglios. Und Franziskus wollte nun mal einen Macher für diese Rolle in seiner Kirche für Arme, einen, der an die Ränder der Gesellschaft geht, ohne Dünkel und Berührungsängste. Der Vatikan nährte die Berichterstattung über die «Duschen des Papstes» mit vielen schönen Bildern, obschon sie natürlich nur ein kleiner Würdespender sind. Aber immerhin.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.03.2015, 07:02 Uhr

Marco Politi.

Marco Tosatti.

Artikel zum Thema

Das besprach Angela Merkel mit dem Papst

Als «sehr bereicherndes Gespräch» bezeichnete die Bundeskanzlerin ihre Privataudienz bei Papst Franziskus. Mehr...

Papst Franziskus ernennt 20 neue Kardinäle

Im Vatikan hat der Pontifex die neu ernannten Würdenträger in ihr Amt eingeführt. Erstmals sind Erzbischöfe aus Burma, Panama, Mosambik und Neuseeland in den Kardinalsstand erhoben worden. Mehr...

Ein Papst, der leicht missverstanden wird

2015 ist für Papst Franziskus das Entscheidungsjahr. Kurienreform und Bischofssynode sollen die Kirche verändern. Offensichtlich aber nur innerhalb des engen Spielraums des Kirchenrechts. Wohin geht die Reise? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Nacktbaden: TeilnehmerInnen des Dark Mofo Sommersonnenwenden Nackschwimmens stürzen sich in den Fluss Derwent im australischen Hobart. (22.Juni 2018)
(Bild: Rob Blakers/EPA) Mehr...