Hintergrund

Das Schicksal der Hässlichen

Attraktive Menschen sind erfolgreicher, die Schönheitsindustrie boomt. Nun bilden sich Bewegungen gegen die Diskriminierung wenig ansehnlicher Menschen.

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Mike Jeffries’ Körper ist ein Triumph der Schönheitsindustrie: aufgespritzte Lippen, gebleichte Zähne, hoch geliftete Augen, gepumpte Muskeln. Von weitem sieht der 69-Jährige aus wie 40. Das muss er auch. Der Chef der US-Modemarke Abercrombie & Fitch hat Schönheit zur Geschäftsideologie erhoben. Er mache Kleider für die Coolen und Gutaussehenden. Fette und Hässliche seien nicht willkommen, sagte Jeffries in Interviews. Abercrombie verkauft nur Grössen für schlanke Frauen. Und beschäftigt Angestellte, die dem Barbie-und-Ken-Ideal des Chefs entsprechen. «Sind wir ausgrenzerisch? Absolut.»

Ähnlich denkt Mick Jaggers Tochter Jade, die in London Schmuckgeschäfte führt: «Ich verstehe keinen, der hässliche Menschen für sich arbeiten lässt.» Im Pariser Szenerestaurant George setzen Kellnerinnen schöne Gäste ans Fenster, während sie die weniger ansehnlichen neben dem WC verstecken. Wer das Lokal betrete, solle nur anmutige Gesichter sehen, sagen die Eigentümer. Das fördere das Image. Nach ihren Äusserungen brandete Jeffries, Jagger und den George-Besitzern die öffentliche Empörung entgegen. Das Aussehen suche sich keiner selber aus, hiess es. Also dürfe man niemanden dafür bestrafen. Das «darf» bleibt Vorsatz. Schlecht aussehende Menschen müssen im Alltag zahlreiche Schikanen erdulden. Nur zeigen sich diese selten so offensichtlich.

Schönheit bleibt wolkig

Der amerikanische Ökonom Daniel S. Hamermesh hat für sein Buch «Beauty Pays» unzählige Studien ausgewertet. Das Fazit: Hässliche Menschen verdienen weniger, bekommen die schlechteren Jobs, heiraten ärmere und hässlichere Partner, haben seltener Sex, finden weniger Freunde, erhalten schlechtere Bankkredite als schönere Mitstreiter. Schönheit ist, ökonomisch gesprochen, ein knappes Gut, das deren Besitzer gegen zahlreiche Vorteile eintauschen können. Das gelte in allen Kulturen fast gleich für Frauen und Männer, schreibt Hamermesh. Dabei lässt sich Schönheit kaum festmachen. Symmetrie und ausgeglichene Proportionen zählen. Mehr weiss die Forschung nicht. Schönheit bleibt wolkig. Und die Vorstellungen davon verschieben sich im Lauf der Geschichte.

Trotzdem gehen Menschen fast immer einig, welche Menschen sie als schön empfinden und welche nicht. Das zeigen Umfragen auf der ganzen Welt, bei denen Probanden Gesichtsfotos einstufen müssen. Widersprüchliche Bewertungen kommen dabei kaum vor. Auch die Verteilung bleibt in allen Studien ungefähr gleich: 10 Prozent der Menschen werden als äusserst schön eingeschätzt. 10 bis 12 Prozent gelten als unterdurchschnittlich, 1 bis 2 Prozent als hässlich. Die restlichen 75 Prozent bilden das ästhetische Mittelfeld. Tendenziell werden jüngere Menschen als schöner bewertet als ältere. Menschen, die in jungen Jahren als ansehnlich galten, tun dies auch im Alter. Der schönste Mensch der Gegenwart, dessen Pracht kaum jemand bestreitet, ist laut Hamermesh George Clooney.

Gesucht: Schöne Verkäufer

Die Vorteile der Schönen haben einen einfachen Grund: Menschen umgeben sich lieber mit gut aussehenden Menschen. Die Biologie liefert eine ebenso einfache Erklärung dafür: In der Frühzeit habe Schönheit Gesundheit und Stärke signalisiert. Deshalb bevorzuge die Evolution schöne Menschen, obwohl diese Gleichsetzung längst nicht mehr zutreffe. Sozialwissenschaftler halten Schönheitsideale dagegen für gesellschaftliche Konstruktionen. Schon vor mehreren Tausend Jahren warnten Denker davor, von der Oberfläche auf Wahrheit oder Tugend zu schliessen. Platon verdammte das Äussere als wertlosen, täuschenden Schein.

Der lange Kampf der Philosophen hat wenig verändert. Bei gleicher Qualifikation bevorzugen Arbeitgeber den schöneren Kandidaten. In Amerika und Europa läuft diese Selektion verborgen. In China nennt jedes zehnte Stelleninserat gutes Aussehen als Einstellungskriterium. Diese Begünstigung hat einen finanziellen Grund: Weil schöne Verkäufer oder Berater Kunden leichter überzeugen, erwirtschaften sie mehr Umsatz als weniger schöne Konkurrenten. Schlecht auszusehen, bedeute in vielen Jobs, weniger produktiv zu sein, schreibt Daniel S. Hamermesh. Nicht weil Hässliche schlechter arbeiteten. Sondern weil die Abneigung anderer Menschen dies so erscheinen lasse. Die Vorurteile bestätigten sich selber.

Unternehmen teilen die Gewinne, die sie aus dem «Schönheitskapital» ihrer Arbeiter ziehen. Bildhübsche Angestellte verdienen in Amerika durchschnittlich 15 Prozent mehr als hässliche (bei gleichen Fähigkeiten und gleichem Alter). Auf ein Leben gerechnet macht das einen Unterschied von 230'000 Dollar. Der Rückstand der Hässlichen auf den Durchschnitt beträgt 140'000 Dollar. Ähnliche Zahlen gälten auch in Europa, vermutet Hamermesh. Selbst bei geistigen Berufen wie Universitätsprofessoren verbessere Schönheit Lohn und Karrieregeschwindigkeit. Umgekehrt scheinen Studenten attraktiven Professoren aufmerksamer zuzuhören und so schneller zu lernen.

Proteste gegen das Barbie-Haus

Oft fällt das Gegenargument, dass Schönheit trotz aller Bevorzugung nicht glücklich mache. In Romanen zerbrechen Figuren an ihrer optischen Vollkommenheit, weil sie sich von ihrer Umwelt aufs Äussere reduziert fühlen. Für diese These fehlten empirische Beweise, sagt Hamermesh. In allen Umfragen bezeichnen sich deutlich mehr schöne Menschen als zufrieden als weniger Schöne. «Schlechtes Aussehen und Unglück treten oft zusammen auf.»

Ökonomen und Soziologen gehen einig: Hässlichkeit bewirkt Diskriminierung. Das Englische hat ein Wort dafür: «Lookism». Obwohl dieser mindestens so verbreitet sei wie Diskriminierung wegen Rasse oder Geschlecht, werde er öffentlich verleugnet. Amerika und europäische Staaten verbieten, Ethnien, Frauen, Homosexuelle, Behinderte oder Alte zu benachteiligen. Gesetze zum Schutz der «optisch Herausgeforderten» kennen nur wenige US-Städte. Bisher hat kein amerikanisches Gericht Klagen wegen optischer Diskriminierung gutgeheissen. Aussehen lässt sich schlecht messen. Nur wenige Menschen getrauen sich, aufgrund ihrer Hässlichkeit einen öffentlichen Prozess anzustossen.

In Deutschland hat sich während der letzten Jahre eine Anti-Lookism-Bewegung formiert. Diesen Sommer protestierten Hunderte gegen das Berliner Barbie-Haus und Heidi Klums Modelsendung. Die deutschen Grünen forderten, auch weniger schönen Menschen die Teilnahme an Schönheitswettbewerben zu ermöglichen. Lookism könne kaum mit Gesetzen beseitigt werden, glaubt Daniel S. Hamermesh. Dazu bleibe Hässlichkeit zu diffus. Auch die Selbstoptimierung über Operationen, neue Kleider oder Kosmetika nütze wenig. Sie verschlinge viel Geld, der Verschönerungseffekt bleibe gering. «Wir müssen damit zurechtkommen, wie uns Natur und frühe Sozialisation geformt haben», sagt Hamermesh.

Gesetze helfen wenig

Eine radikale Vision, die sich gegen solche Ergebenheit wehrt, entwarf der Schriftsteller Michel Houellebecq im Roman «Elementarteilchen» (1998). Ein Genetiker entwickelt unsterbliche, geschlechtslose Klone, die alle gleich aussehen. Damit versucht er, den sexuellen Wettbewerb abzuschaffen. Dieser mache die Unterlegenen psychisch kaputt. Anti-Lookism-Bewegungen wollen nicht Körper verbessern, sondern Schönheitsideale zertrümmern. Diese passten schlecht in offene Gesellschaften. Wenn mehr Menschen über die unfairen Schönheitsnormen nachdenken würden und diese hinterfragten, verlören sie an Macht, so die Hoffnung.

Einige Anzeichen weisen in diese Richtung: Anfang November verkündete Mike Jeffries, dass Abercrombie & Fitch künftig Kleider für fülligere Frauen anbiete. Dann entschuldigte er sich für frühere Aussagen. Niemals habe er jemanden ausschliessen wollen. Man habe ihn falsch verstanden. Pop-Idol Lady Gaga ermuntert ihre jungen weiblichen Fans, sich vom herrschenden Schönheitsideal zu befreien und Eigenheiten stolz vorzuführen. In den reichen Ländern weitet sich das Schönheitsideal aus. Heute entzücken auch androgyne Männer und Frauen. Das sei eine historische Neuheit, schreibt Hamermesh. Fast alle vergangenen Kulturen hätten nur männliche Männer und weibliche Frauen als schön geduldet.

«Abbildungszwang»

Viel spricht dagegen, dass die Menschheit ihre Schönheitsfixierung abstreift. Das Geschäft mit Kosmetika und plastischer Chirurgie boomt trotz Wirtschaftskrisen. Dank operativer Hilfe setzt sich das westliche Schönheitsideal auf der ganzen Welt durch. Südkoreanische Eltern bezahlen ihren 16-jährigen Kindern Eingriffe, die Augenlider rumpfliger und Nasen gerader machen. In den U-Bahn-Stationen Seouls werben unzählige Plakate für schmälere Kiefer. Um solche zu erreichen, müssen die Knochen gebrochen und abgeschliffen werden. Die Vorher-nachher-Bilder zeigen eine Verwandlung zu neuen Menschen.

Auch alle Versuche von Subkulturen, Schönheitsideale zu unterlaufen, seien misslungen, kritisiert die Anti-Lookism-Bewegung. Solche Aktionen endeten meist darin, dass sie Gegennormen festsetzten. Diese wirkten so ausschliessend wie die einst bekämpften. Dazu kommt, dass keine andere Epoche dem Schein so viel Platz einräumte: Fernsehen, Digitalfotografie und Internet überschütten die Gegenwart mit Bildern. 91 Prozent der amerikanischen Jugendlichen stellen Fotos, die sie von sich selber aufnehmen, ins Internet. Kritiker befürchten, dass der «Abbildungszwang» den Schönheitsdruck erhöht.

Auch Mike Jeffries ist nicht von seiner Ideologie abgefallen. Der Umsatz von Abercrombie schrumpft. Unter dem Gewinner-Stammpublikum habe die Marke ihre Coolness eingebüsst, sagen Beobachter. Allein deshalb umwerbe Jeffries nun die weniger Schönen.

Erstellt: 13.12.2013, 09:11 Uhr

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