Das Starren der Schweizer

Zuwanderer verzweifeln: Weshalb wird man in der Schweiz so ungeniert von Fremden angestarrt? Die Antwort ist kompliziert – und irgendwie ernüchternd.

Eher wachsam: «Schweizermacher» Walo Lüönd (l.) und Emil Steinberger im Film von 1978. Foto: SRF

Eher wachsam: «Schweizermacher» Walo Lüönd (l.) und Emil Steinberger im Film von 1978. Foto: SRF

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Sie verlässt die Schweiz, fliegt heim nach Amerika. Ein paar Dinge wird sie vermissen, sagt sie: den Sprung in den See im Sommer, das Licht im Engadin, Trinkwasserbrunnen überall und die Armada der Putzwägelchen, die den öffentlichen Raum poliert. Anderes eher nicht: das Selberwägen des Gemüses, Hochnebel, DJ Bobo. Und den «Swiss Stare», das ständige Angestarrtwerden.

«Erst dachte ich: Mist, ich habe noch ein Cornflake an der Backe. Dann realisierte ich: Die gucken einfach. Auf mich.» In der S-Bahn, beim Betreten eines Lokals, beim Warten auf der Post mit dem Nümmerli in der Hand: Die Schweizer starren, Männer wie Frauen, Junge wie Alte. Ins Gesicht, auf den Bauch, in die Augen. Mag das Land in vielen Lebensbereichen (Reden halten, Lieder singen) eine eher hemmungsreiche Kultur sein: Das Anstarren anderer ist erlaubt.

Länger, als anständig ist

Wer nun meint, das sei subjektives Empfinden, der liegt falsch. Der «Swiss Stare» ist ein Problem unter Expats. «Die Leute schauen mich länger an, als anständig ist», klagt ein Amerikaner, der in der Westschweiz lebt, auf der Website Reddit. Und auf Englishforum.ch bittet jemand anonym um Hilfe: «Wir werden dauernd angestarrt, die Blicke dauern scheinbar ewig.»

Die Antwort eines Landeserfahrenen ist knapp und bitter: «Welcome to Switzerland.» Das sei etwas Kulturelles hier, niemand solle den Grund bei sich selber suchen. Also nicht wie die junge Frau aus den USA, die auf ihrem Blog schreibt: «Die Schweizer können Nichtschweizer riechen. Ich spüre, wie sie mich überall anstarren. So frustrierend.» Das sei der falsche Schluss. Die Schweizer starrten alle an, Fremde wie Eigene.

Fängt man an, darauf zu achten, so zeigt sich rasch: Die Zuwanderer haben recht. Wir mustern uns oft und ohne Scham. Im Tram, durchs Schaufenster des Coiffeurs, ja beim Vorübergehen auf dem Trottoir: Weshalb betrachten wir uns eigentlich alle so intensiv? Neid, Angst, Attraktion? Zuweilen wird es grotesk, wie ein hier lebender Australier erklärt: «Wenn im Restaurant ein Glas herunterfällt und zerbricht, dann wird der Raum still und starrt. Manche verrenken sich oder stehen auf, um besser sehen zu können.»

Lokalen Gepflogenheiten hat man sich anzupassen, klar. Doch beim Angestarrtwerden hört für viele Angelsachsen der Spass an fremder Kultur auf. «Das ist so schräg hier! In den USA und Grossbritannien lernst du als Kind: Starr die Leute nicht an, das ist unhöflich. Die Schweizer haben die Lektion wohl geschwänzt», empört sich eine Frau aus Georgia, die in Zug lebte, auf ihrer Website. Starren ist nicht eigen, sondern unhöflich. Wenn man bei Google die Worte «Why are the Swiss» eintippt, so will die Autovervollständigung daraus «Why are the Swiss so rude?» machen, warum sind sie so grob? Das Starren ist das meistgenannte Problem – neben desinteressiertem Servicepersonal, mangelndem Sinn fürs Schlange stehen und dem interessanterweise immer wieder beobachteten Vordrängeln von Pensionären. Gehört unser Selbstbild revidiert?

Vielleicht. Zwar glaubt eine Kanadierin, der Blick der Schweizer sei «ehrlich», nicht unhöflich: Wer die Augen aufreisse, sei irgendwie ja auch offen. Doch das überzeugt nicht, unser Starren ist nicht einladend. Eher wachsam, schreibt ein Ethnologe, ebenfalls aus Kanada, auf seinem Blog «How to be Swiss». Das Starren sei ein Indiz dafür, dass die Schweiz als kleines Land inmitten stärkerer Nachbarn sich auf eine Art kollektives Frühwarnsystem geeinigt habe: «Indem sie ein Auge auf alles halten, sichern die Schweizer, das alles stimmt in ihrer Welt.» Andernorts gucken die Leute, wenn jemand Cornflakes an der Backe hat, also bereits etwas passiert ist. In der Schweiz aber wird vorbeugend gestarrt.

Ernüchternder Gedanke: Ein Leben in Alarmbereitschaft. Vielleicht erklärt das eine gewisse Verspanntheit hier. Man könnte aktiv dagegenhalten, mehr Neugierde statt Skepsis im Blick tragen. Täte uns gut. Manchmal braucht es die Augen der anderen, um sich zu erkennen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.12.2016, 17:46 Uhr

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