«Das Tempo der Übermittlung heizt die Gefühle an»

Der Paartherapeut Klaus Heer sagt, wie das Handy die Liebe verändert und warum SMS so gefährlich sein können.

Stephan Melzl: «Smartphones», 2012. (Aus: Melzl. Pinakothek der Moderne München. München: Distanz, 2014.) www.distanz.de

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Die Schweiz redet immer noch über Geri Müller. Was empfinden Sie angesichts einer Enthüllung, die nicht für die Öffentlichkeit gedacht war, also auch nicht für Sie?
Abscheu. Widerwille dagegen, dass man jemanden plattmacht, indem man Dinge über ihn verbreitet, die niemanden etwas angehen – unter dem verlogenen Vorwand, es gebe ein öffentliches Interesse daran.

Fachleute sagen, das Handy sei zu einem neuen Organ geworden.
Was macht das mit uns als Paar? Es entkräftet unterschwellig unsere Paarschaft – ein starkes Wort von Max Frisch. Intern tun wir so, als wäre alles klar und in Ordnung mit uns zweien. Nach aussen ist das Handy so etwas wie eine Antenne aus unerfüllten Sehnsüchten. Die wir jederzeit unter Strom setzen könnten, wenn wir wollten oder sich eine Gelegenheit böte. Natürlich wollen wir uns nicht eingestehen, dass es so ist.

Sie arbeiten seit vielen Jahren als Paartherapeut, kennen also die Zeit vor dem Handy. Wie wirkt es sich auf die Beziehung aus?
Ich habe staunend miterlebt, wie die Paare inzwischen nicht mehr zu zweit sind, sondern zu viert: du und dein Handy, ich und meines.

Also ein Beziehungsquartett mit Mensch und Gerät.
So ist es. Das Erstaunlichste daran ist nicht, dass es allgegenwärtig ist, immer und überall, am Esstisch, auf dem Sofa, im Ehebett. Das ist offensichtlich, jedermann weiss es, ist sich dessen bewusst, meist mit einigem Unbehagen. Man nimmt auch hin, dass es immer wieder zu Streit darüber kommt. Am Erstaunlichsten finde ich die Sache mit dem PIN-Code.

Was ist damit?
Die Partner lassen ihre Handys gewöhnlich offen und für beide zugänglich herumliegen. Die meisten haben kein Bewusstsein für Privatsphäre. «Wir haben nichts zu verbergen», sagen sie, wenn ich sie darauf anspreche. Das Thema kommt zwischen den beiden nie zur Sprache, es bleibt unberührt bis zu dem Augenblick, wo die ersten Schatten von Misstrauen auf die Zweisamkeit fallen.

Sind Geheimnisse nicht eine Bedingung für die Liebe?
Erst das Geheimnis, das Mann und Frau voreinander hüten, mache sie zum Paar, schreibt Max Frisch sinngemäss. Nichts voreinander zu verbergen haben, zeugt von einem totalitären System. Verbindend ist da die Angst, nicht die Liebe. So sind zwei liebende Menschen, beide mit einem eigenen Handy ausgerüstet, herausgefordert wie noch nie.

Sind die Beziehungen dadurch stärker bedroht als früher?
Vielleicht. Zwar werfen die Leute nie leichtfertig ihre Ehen weg. Wut, Schmerz und Enttäuschung sind noch genauso da wie eh und je, wenn der Partner sagt: «Meine Gefühle sind weg.» Die neue Bedrohung könnte darin bestehen, dass sich um die Beziehung herum alles verschoben hat. Keine massgebende Instanz bestimmt mehr, dass man zusammenbleiben muss oder sollte, und gleichzeitig gibt es jetzt diese subtilen digitalen Versuchungen, die immer stärker werden.

Das SMS als erotischer Verstärker?
Erst wenn einer der beiden fremdgeht, entdeckt er die erotische Potenz der Kurznachrichten – mit jemand anderem. Sogar sprachhölzerne Männer werden plötzlich richtig poetisch, zur Verblüffung ihrer angestammten Partnerin.

Was macht die Kurznachricht so potent?
Im Moment, wo ich sie losschicke, kommt sie schon an. Diese erotische Unmittelbarkeit lässt die Schmetterlinge tanzen. Auch wenn man schon zehn, zwanzig Jahre zusammen ist. Vorausgesetzt natürlich, man ist beherzt und etwas sprachbegabt.

Ist Sprache denn erotischer als ein Bild?
Ja, sicher! Viel, viel wirkmächtiger. Das Wort fährt direkt in das Lustzentrum.

Geben Sie ein Beispiel.
Okay, ich probiers mal: «Wie lange haben wir nicht mehr zart gefüsselt unter dem Tisch! Fünf Jahre oder zehn? Ich stell grad fest: Es fehlt mir, jetzt wos so warm ist, draussen und zwischen dir und mir.»

Das klingt jetzt aber blümchenkeusch. Besteht die erotische Kunst nicht darin, Härte mit Humor aufregend zu kombinieren?
Die Geschmäcker sind verschieden. Wenn Sie sexuelle Härte suchen, wenden Sie sich bitte an die halbe Milliarde Porno-Sites. In ortsüblichen festen Beziehungen kommen Sie in dieser Tonart nicht weit. Härte ist zweckmässig für die einsame Selbstbedienung. Und vor allem für Männer.

Sie haben das zweite, entscheidende Wort unterschlagen: den Humor.
Ja, und Sie fragen so, als wüssten Sie genau, was in der ehelichen Erotik entscheidend ist: die Dreifaltigkeit von Härte, Humor und Aufregung. Mir ist zuwider, über Sex und Humor zu reden. Es gibt nichts Tristeres, als den Humor zum Thema zu machen. Natürlich ist Lieben ohne Lachen schlimm. Aber diese Erkenntnis ist banal, da selbstverständlich.

Warum funktioniert Ironie so schlecht in Mails und SMS, selbst wenn man sich kennt?
Im Nahbereich funktioniert Ironie nie. Fast nie. Die Frage ist: Warum setzen wir immer wieder ironische Meldungen ab, obwohl wir doch erfahren, dass sie meistens nicht verstanden, sondern wörtlich genommen werden und damit verstören.

Viele Leute garnieren ihre Texte mit Emoticons. Verludert da die Sprache oder sind sie nötig, um Missverständnisse zu vermeiden?
Jedes Emoticon macht deutlich, wie ­anspruchsvoll es ist, das auszudrücken, was man empfindet. Aber bitte: Gelingt das besser mit gesprochenen oder geschriebenen Worten? Nein. Ich erlebe jeden Tag, dass auch gestandene Paare beim Reden ihre Mimik krass missverstehen. Und ihre Rede erst recht.

Stimmt der Eindruck, dass Tempo und Kadenz von SMS eine Intensität erzeugen, die das Aufhören schwerer machen als beim Briefwechsel?
Es stimmt: Das Tempo kann sich unglaublich beschleunigen. Die Lichtgeschwindigkeit der Übermittlung heizt die Gefühle an, und die Eskalation ist kaum zu bremsen. Umso mehr, als das schnelle, kurze Schreiben Missverständnisse verstärkt. Kurzmeldungen schaffen weder Klärung noch Lösung.

Kommt es in Ihrer Praxis oft vor, dass eine Beziehung in eine Krise gerät oder gar beendet wird, weil ein SMS an die falsche Adresse ging?
Das gibt es tatsächlich. Ein weiteres Indiz dafür, welch enorme Kraft digital übermittelte Sprache auf ein wenigen Zeilen entwickeln kann. Da staune ich jedes Mal über das Beben, das die beiden erschüttert. Die Sprache wirkt wie eine Druckwelle.

Was würden Sie einem Paar raten, das in eine solche Situation gerät?
Oft bin ich der einzige im Zimmer, der noch bei Sinnen ist. Da sitze ich und stelle Fragen, in aller Ruhe; ich sammle zusammen mit den beiden aufgeregten Leuten die Dinge, die durch die Explosion versprengt sind, und suche einen neuen Platz für sie, der neuen Sinn ergibt. Der bisherige Bauplan des Paares hat ja offensichtlich ausgedient.

Gibt es für Sie im therapeutischen Alltag auch moralische Fragen oder nur welche der Psychologie?
Jeder Paarkonflikt hat eine moralische Seite. Man sieht das daran, dass es so wehtut und dass man vom anderen immer eine Entschuldigung erwartet.

Gerade wenn es Streit gibt oder Kränkungen drohen, macht das schnelle Texten alles schlimmer.
Streit gibt es ja nur, wenn niemand zuhört. Je gefühlsgeladener und schneller das Gegenüber auf mich eindrischt, umso überforderter bin ich. Ich will und kann nicht hören oder lesen, was der andere sagt. Und ich werde es mit ihm genauso machen wie er mit mir. Weit­gehende Eskalation auf dem winzigen Handy­display – Irrsinn zu zweit.

Schlimmer als eine hastige Reaktion ist gar keine. Je besser man erreichbar ist, desto mehr schmerzt das Schweigen. Es wird zur Waffe.
An der Erreichbarkeit liegt es nicht. Schweigen und Sichentziehen war schon immer qualvoll, besonders dann, wenn nach einem Streit Reden nötig gewesen wäre. Ich habe früher häufiger erlebt, wie Paare sich drei, vier Wochen lang in kaltem Krieg anschwiegen.

Wie sieht es heute aus?
Häufig flüchtet der eine überstürzt aus der gemeinsamen Wohnung und lässt den anderen dort zurück, unterlegen, wütend, unsicher, verwirrt, verängstigt und voller Schuldgefühle. Dieser versucht ihn dann zu erreichen, meistens per SMS, bestürmt ihn mit den widersprüchlichsten Botschaften, von der Beschimpfung bis zur Beschwörung. Das Allerschlimmste, das ihm passieren kann, ist, wenn gar keine Antwort kommt und er zum Warten verdammt ist. Das ist Folter. Der Liebeskrieg hat sich auf die digitale Ebene verlagert. Dort quält er doppelt. Dabei sind beide ohnmächtig: der Schweigende und der Wartende.

Erstellt: 30.08.2014, 07:48 Uhr

«Das Handy ist so etwas wie eine Antenne aus unerfüllten Sehnsüchten», sagt Klaus Heer. Foto: Cortis & Sonderegger

Der mit den Paaren redet

Der 71-Jährige Psychologe arbeitet seit vierzig Jahren als Paartherapeut in seiner Berner Praxis. Klaus Heer kam in Luzern als ältestes von 13 Bauernkindern auf die Welt. Er studierte Psychologie in Hamburg und Bern und promovierte 1973 mit einer Dissertation zur Frage, wie die Stimme Vorurteile über Menschen auslöst. Von 1968 bis 1992 arbeitete er teilzeitlich bei Radio DRS und für Sendungen wie «Sind Sie sinnlich?». Heer hat mehrere Sachbücher veröffentlicht, vor allem über die Sexualität.

Das vorliegende Gespräch wurde auf Heers Wunsch per Mail geführt. (jmb.)

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