«Das Unerwartete macht uns schlauer»

Um die Leser und Zuschauer zurückzuholen, brauche es einen konstruktiven, an Lösungen interessierten Journalismus. Ulrik Haagerup, Nachrichtenchef des dänischen Rundfunks, hat Erfolg damit. Aber was heisst «konstruktiv»?

Umdenken im Journalismus: Ulrik Haagerup über die Bedeutung des konstruktiven Journalismus. Quelle: Youtube/Deutsche Welle Global Media Forum

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Ihr Buch über den konstruktiven Journalismus gibt in den Medien viel zu reden.
Das war die Idee. Ich wollte eine Debatte auslösen. Ich möchte aufzeigen, dass wir anders über die Welt berichten können. Nicht bloss positiver, wie mir oft unterstellt wird, sondern konstruktiver.

Dennoch bleiben viele Journalisten skeptisch.
Das erlebe ich differenzierter. Die überwiegende Reaktion, die ich von Journalisten bekomme, ist Zustimmung: Sie sind froh darüber, dass jemand die Frustration thematisiert, die sie bei ihrer Arbeit erleben. Und sie sind an Alternativen interessiert. Daneben gibt es natürlich die reflexartig kritische Reaktion. Sie kommt von Journalistinnen und Journalisten über fünfzig, also meine Generation. Diese Generation hat gelernt, dass eine tolle Geschichte meistens eine schlechte Nachricht überbringt. Und dass jeder, der dieses Selbstverständnis hinterfragt, einen kritischen Journalismus verhindern möchte.

Jeden Tag erfahren wir neue Schreckensmeldungen über erstickte, ertrunkene, geschlagene, verzweifelte Flüchtlinge. Die Medien berichten gross darüber.
Das müssen sie auch, ich fände es als Journalist indiskutabel, solche Zustände zu verschweigen. Es geschehen grauenvolle Dinge, die auch wichtig sind und deshalb berichtet werden müssen. Mich interessiert aber genau deshalb: Was ist entscheidend für unseren Beruf? Was ist seine Aufgabe? Es gibt verschiedene Formen von Journalismus, etwa in Form von Unterhaltungsmagazinen. Mir geht es hier in erster Linie um den Nachrichtenjournalismus: Warum sollen sich die Leute dafür interessieren? Meine Antwort: Wir müssen über eine Sache von allen Seiten berichten, sie sozusagen mit beiden Augen sehen.

Was soll das denn heissen?
Journalismus sei keine Stenografie, hat mir Carl Bernstein gesagt, einer der beiden Reporter der «Washington Post», die den Watergate-Skandal recherchierten. Journalismus ist die bestmögliche Version der Wahrheit. Das heisst für mich, mit beiden Augen zu sehen. Und das bezieht sich auch auf die Themen und den Zugang zu ihnen. Wenn wir nur noch über die Löcher berichten und nicht mehr über den Käse, dann entgeht uns Wichtiges, wir verlieren die Perspektive und damit unser Publikum.

Welche Perspektive?
Das Konstruktive als Haltung. Ich will, dass wir ganze Journalisten sind.

Wie hat sich diese Haltung auf die Quoten Ihres Senders ausgewirkt?
Das ist deshalb schwer zu sagen, weil wir eine Menge geändert haben. Wir berichten weniger boulevardesk und mehr über gesellschaftliche Themen, die uns relevant scheinen. Dabei bemühen wir uns, diese Themen auf moderne, attraktive Weise darzubieten. Der konstruktive Ansatz spielt da immer mit. Die Reaktionen des Publikums geben uns recht, und das gilt gerade auch für die Quote. Zum ersten Mal seit 15 Jahren senden wir die erfolgreichste Nachrichtensendung des Landes; die kommerziellen Konkurrenten liegen deutlich zurück. Unsere Wahlberichterstattung erreichte 83 Prozent des Fernsehpublikums, und was noch besser ist: 86 Prozent der Zuschauerinnen und Zuschauer zwischen 18 und 29 Jahren.

Das klingt ermutigend, nur: Die Gefahr ist enorm, dass diese sogenannt konstruktive Haltung missbraucht wird. Eine kritische Berichterstattung ist viel aufwendiger, während Lob nie begründet werden muss. Ihre Forderung könnte dazu führen, dass Journalisten vom Recherchieren abgehalten werden: oberflächlich statt konstruktiv, billig statt umfassend.
Meine Erfahrung zeigt das Gegenteil: Konstruktiver Journalismus braucht meistens länger. Erstens, weil man anders, weiter denken muss. Und zweitens, weil man dazu hinausmuss aus der Redaktion, um das Konstruktive zu ergründen, oft weit hinaus. Etwa um jene Stadt zu finden, die trotz schwerer Krise anders mit ihren Bauruinen umgeht als Detroit. Wenn man jenes Land bereisen möchte, das Flüchtlinge anders behandelt als zum Beispiel Australien, wo die Navy zu ihrer Abwehr aufgeboten wird. Wenn man zeigen kann, wie ein dermassen lang gezogenes Land wie Norwegen Ärzte davon überzeugen kann, auch 3000 Kilometer nördlich von Oslo zu praktizieren.

«Konstruktiv» heisst also, von guten Beispielen zu erzählen?
Natürlich müssen wir über die Probleme der Gesellschaft berichten. Der Journalismus bleibt ein zentrales Instrument der gesellschaftlichen Selbstkorrektur. Das Problem beginnt damit, dass wir uns meist mit der Beschreibung der Missstände begnügen. Und dann höchstens noch den Bürgermeister oder Minister fragen, wie er darauf reagieren würde. Worauf die entweder sagen, sie seien nicht schuld, sondern ihr Vorgänger, die Opposition, die EU. Oder nach Geldern verlangen, noch viel mehr Geldern, um das Problem zu lösen. Konstruktiver Journalismus dagegen würde in der Suche nach Lösungen bestehen, die anderswo oder von anderen ausprobiert werden. Billiger ist das für die Verlage nicht zu haben. Ich denke nur, das Geld wäre so besser investiert.

Wer online arbeitet, gerät unter den Einfluss der Klicks, das ist unvermeidlich. Und die Klicks zeigen überdeutlich, was die Leute interessiert: Skandale, Unfälle, Katastrophen. Übertreibung, Vulgarität, Sex, Verbrechen. Das Donald-Trump-Prinzip. Verstärkt die Onlineberichterstattung nicht gerade den destruktiven Journalismus, den Sie überwinden möchten?
Sehen Sie, darum habe ich mein Buch geschrieben: um ein Gegenbeispiel aufzuzeigen. Etwa die Onlinezeitung «The Huffington Post», die bewusst auf andere Geschichten setzt. Dabei zeigt sich, dass diese Art von Artikeln besonders häufig über die sozialen Medien verlinkt wird. Interessant auch die Erfahrung von «Information», der am meisten links stehenden, nach allgemeiner Einschätzung am negativsten eingestellten Zeitung Dänemarks. Sie beschloss, einen Tag lang nur konstruktive Geschichten ins Netz zu stellen, um herauszufinden, was passieren würde. Und es passierte Folgendes: Die Zeitung hatte noch nie an einem Tag so viele zustimmende Reaktionen der Leserschaft bekommen, noch nie wurden so viele ihrer Artikel weiterempfohlen, noch nie hatten so viele Leser ein Abonnement gelöst.

Ja schon, aber was sagt das über die sozialen Medien aus, über die Mentalität von Facebook-Usern? Aaron Sorkin, Drehbuchautor von «The Social Network», mag die Plattform nicht. Sie verdränge das Entscheidende, das uns menschlich mache: unsere Fehler. Zu diesem Verdrängen passt die Vorliebe für konstruktive Geschichten.
Das habe ich mir noch nie überlegt, aber ich teile Sorkins Kritik an Facebook, wenn auch aus einem anderen Grund. Ich sehe die Plattform als Gefahr für die Demokratie. Immer mehr Leute wenden sich von der Politik und der Berichterstattung über sie ab, weil sie beide abstossend finden und deprimierend. Facebook bietet sich als Gegenwelt dar, als affirmativer Filter, der nur jene Geschichten, Anekdoten und Bilder passieren lässt, die von Freunden kommen und mit denen man einig geht. Das Gute an Zeitungen, gedruckt oder online, ist doch: Du stösst beim Lesen auf ein Thema, das du nicht gesucht hast und von dem du nicht weisst, dass es interessant ist. Das Unerwartete macht uns schlauer.

Was dem Konstruktiven widerspricht, ist die menschliche Natur. Darum die hohen Klickzahlen bei Bombardierungen, Enthauptungen, Erschiessungen und Katastrophen.
Das stimmt nur bedingt: Die Evolution hat unsere Instinkte so geformt, dass wir auf mögliche Gefahren sofort reagieren, nur so konnten wir überleben. Bis heute nehmen wir negative Signale viel stärker wahr, und das gilt auch für Nachrichten. Davon profitiert der Journalismus: Er dramatisiert Ereignisse, um die Aufmerksamkeit zu garantieren. Mir scheint aber, dass wir es damit übertreiben. Wer dauernd schreit, wird nicht mehr gehört. Abgesehen davon, zeigen die Verhaltenswissenschaftler, dass der Mensch von Geburt an den Konsens sucht, nicht den Dissens. Zudem widerspricht der Eindruck, wonach alles immer schlimmer wird, vielen Fakten. Eine Analyse der UNO-Entwicklungsziele macht deutlich: Noch nie kamen so wenig Menschen durch Kriege um wie heute, so schrecklich die Berichte aus Syrien oder Zentralafrika auch sein mögen. Noch nie haben so viele Menschen freien Zugang zu sauberem Wasser gehabt wie heute. Selbst in Afrika, wo übrigens 90 Prozent aller Kinder zur Schule gehen und die Armut sich in den letzten 50Jahren halbiert hat. Wissen das unsere Zuschauer, Ihre Leser? Ich behaupte: Nein. Eine der Folgen dieser einseitigen Berichterstattung ist übrigens mit ein Grund, warum Afrika so viele Flüchtlinge produziert: Sie glauben nicht, dass es bei ihnen je einmal besser sein wird. Weil ihre Medien vor Ort genauso negativ berichten wie die unsrigen.

Der Impuls zum konstruktiven Journalismus kommt ja aus den USA und vor allem von David Bornstein, den Sie in Ihrem Buch an einer Stelle erwähnen. Wie analysieren Sie die Unterschiede zwischen der amerikanischen und der europäischen Berichterstattung?
Ich registriere in den amerikanischen Medien eine Tendenz zur Einseitigkeit und Oberflächlichkeit, die mir Angst macht. Für Fox News wird kein Wort jemals gut sein, das von Barack Obama kommt oder von Hillary Clinton. Andere Fernsehstationen wie CBS oder NBC tun das Gleiche, nur unter anderem Vorzeichen: Für sie war alles schlecht, was George W. Bush tat. Diese Art von Berichterstattung verstärkt die politische Ignoranz. Noch schlechter arbeiten die lokalen Medien, und sie sind die wichtigste Informationsquelle Amerikas. Um sich die Aufmerksamkeit und damit die Werbung zu sichern, betreiben lokale Zeitungen und Fernsehsender keine News im journalistischen Sinn, sie beschränken sich auf fünf Ressorts: Wetter, Verbrechen, Verkehr, Sport und Skandale, womit die Berichterstattung über die Politik gemeint ist. So wird dort versucht, die Vielfalt einer Gesellschaft abzubilden. Es vermittelt den Eindruck, dass alle Politiker korrupt sind und dumm. Die USA haben einige der besten Medien der Welt, auch weil diese einen so grossen Markt bedienen können. Aber Zeitungen wie die «New York Times» erreichen weniger als 1Prozent der Bevölkerung. Ich beneide die Amerikaner um ihre Medien nicht, aber ich fürchte ihren Einfluss auf Europa. Sie verleiten unsere Politiker dazu, auch bei uns auf die Gebührensender loszugehen und eine Privatisierung nach amerikanischem Vorbild zu verlangen.

Eine der Zeitungen, die sie als geglücktes Beispiel für konstruktiven Journalismus zitieren, ist «Die Zeit», das Hamburger Wochenblatt. Die Zeitung hat aber auch investiert, hat mehr Leute eingestellt, statt sie zu entlassen wie überall sonst.
Mehr Geld und Personal bieten noch keine Gewähr für höhere Qualität. Es kommt darauf an, was man damit anstellt. Es geht nicht darum, schneller zu schreiben, billiger zu drehen, Journalisten herumzuhetzen. Es geht um eine Debatte darüber, wozu es den Journalismus braucht. Warum wir noch relevant sind.

Wie sollen solche Werte in den Redaktionen installiert werden: vom Newsroom aus nach oben oder von der Chefredaktion hinunter?
Es muss doch von beiden Seiten kommen. Sicheres Anzeichen für den Überdruss ist die Erleichterung so vieler Journalisten, in den Ferien keine Zeitung oder Nachrichtensendungen konsumieren zu müssen. Meine Empfehlung ist, es einfach einmal zu versuchen – und die entsprechenden Fehler zu korrigieren. Man muss experimentieren, diskutieren, die Sache langsam entwickeln. Was haben wir denn zu verlieren?

Die entscheidende Frage ist, wo das Konstruktive endet und die Public Relations beginnen. Auf den Redaktionen wird permanent abgebaut, bei Politik, Verwaltung und Wirtschaft ununterbrochen aufgebaut. Und oft sind es Journalisten, welche die Seite wechseln. Was Sie verlangen, kann von kompetenten PR-Leuten so manipuliert werden, dass der konstruktive Artikel einen Manager, einen Politiker, ein Produkt oder eine Firma zum Leuchten bringt.
Zunächst: Es besteht immer die Gefahr, dass Journalisten manipuliert werden – durch Public Relations, Interessengruppen, Politiker, Spin Doctors, Unternehmenssprecher, Nichtregierungsorganisationen oder Diktatoren. Das passiert dauernd. Lassen Sie mich eine Anekdote erzählen. Ich hielt vor einigen Professoren und Studenten einen Vortrag über unser Thema, den konstruktiven Journalismus. Nach einer Dreiviertelstunde streckte eine junge Frau die Hand auf und sagte, sie lerne Journalismus im zweiten Jahr und sei verwirrt. Sie möge zwar, was ich erzähle, aber es müsse eine Lüge sein. Denn was ich da vortrage, widerspreche allem, was sie gelernt habe. Vom ersten Tag an habe man ihr gesagt, das Wichtigste im Journalismus sei die kritische Haltung.

Hat sie denn nicht recht?
Selbstverständlich. Vertraue nicht auf das, was sie dir sagen, überzeuge dich selber. Journalismus handelt davon, zu sehen, was sie machen, wenn sie tun, was sie sagen. Aber unsere Absicht muss bleiben, den Leuten die breitestmögliche Version der Wahrheit darzubringen. Kritik ist eine Haltung, aber kein Ziel. Sich der PR auszuliefern, ist das Allerletzte, worum es mir geht.

Medien tendieren dazu, im Nachrichtenteil das Seriöse und Schlimme zu bringen und weiter hinten über das Gärtnern zu schreiben, das Kochen und Reisen, die neuen Kopfhörer…
Ja, wir haben unseren Journalismus in verschiedene Fächer unterteilt. Im ersten Teil kommen alle Probleme zur Sprache, im zweiten werden Rezepte für Konfitüre abgegeben, dann kommt der Sportteil. Diese Aufteilung hat aber nichts mit dem tun, worum es beim konstruktiven Journalismus geht. Dieser soll die grossen gesellschaftlichen Fragen beantworten helfen. Im Übrigen funktioniert dieser Ansatz auch in anderen Ressorts. Nehmen wir den Sport und stellen uns die Fussballmannschaft einer Stadt vor, in der die Zeitung erscheint. Nehmen wir an, sie habe elfmal nacheinander verloren, stecke in der Krise, die Entlassung des Trainers stehe bevor. Die Zeitung könnte sich dieser Forderung anschliessen. Oder aber Vergleichsfälle recherchieren, wie das Management anderer Clubs auf solche Krisen reagierte. Wie hat Southampton vor fünf Jahren reagiert, nachdem die Mannschaft 34 Spiele in Serie verloren hatte? Wie oft hat es etwas genützt, den Trainer zu entlassen, wie oft hat ein Sportpsychologe mehr gebracht, eine Retraite mit der Mannschaft, ein Verstärkung des Teamworks?

Konstruktiver Journalismus ist lösungsorientiert. Manchmal gibt es eine Lösung, nur ist die kompliziert oder löst ihrerseits neue Probleme aus. Asylsuchende arbeiten zu lassen, wäre viel besser, als sie bis zum Asylentscheid in Militärbaracken festzuhalten. Aber damit würde die Schweiz noch attraktiver für Menschen, die aus wirtschaftlicher Not nach Europa kommen.
Die Welt ist kompliziert, ja, und der Journalismus handelt davon, Komplexitäten zu reduzieren. Bei Ihrem Beispiel würde ich an der Redaktionskonferenz fragen: Welches Land hat auf ein ähnliches Problem welche Lösung ausprobiert? Wie macht es zum Beispiel Singapur, das den Staat wie ein Unternehmen führt und Millionen von Arbeitnehmern braucht, um es zu unterhalten und um seine Sozialkosten zu finanzieren? Man könnte auch an abschreckenden Beispielen zeigen, was nicht funktioniert, zum Beispiel an der Grenze von Mexiko und den USA.

Soll das Konstruktive in einer Rubrik abgehandelt werden oder in jedem Ressort?
Ich halte nicht viel von Ghettos, zumal konstruktiver Journalismus für mich eine Haltung ist und nicht ein Genre.

Welche Rolle spielt die Sprache im Journalismus?
(Er überlegt) Ich liebe gut geschriebene Artikel. Und darum hasse ich das, was ich jetzt sagen werde: Die Lösung der Probleme von Zeitungen und Fernsehstationen hängt nicht von der Qualität der Berichterstattung ab. Sondern wovon diese Berichterstattung handelt. Natürlich sollte diese dann so gut wie möglich sein. Auch wenn Ihre Zeitung sehr gut geschriebene Beiträge über schreckliche Ereignisse publiziert, werden sich die Leserinnen und Leser davon abwenden, weil es sie deprimiert und ihnen wenig bringt.

Wie stehen Sie denn zu den Primeurs aus der Verwaltung? Ein Computersystem funktioniert nicht, ein Amt überzieht das Budget, eine interne Studie kritisiert das Arbeitsklima, diese Sorte von Artikeln.
Journalisten sollten sich dabei beobachten, was sie selber gerne lesen und was sie bloss lesen müssen. Dann würden sie vielleicht merken, dass ihnen jene Artikel am besten gefallen, die von aussergewöhnlichen Menschen handeln, die ausserordentliche Taten vollbringen, es können auch ausserordentlich schlimme Taten sein. Was sind News? Aussergewöhnliche Ereignisse. Wenn das Gewöhnliche die Arbeitslosigkeit ist, die Unsicherheit, ein anhaltender Konflikt, wird eine Story als aussergewöhnlich wahrgenommen, in der Leute Arbeit finden, aus einer guten Idee heraus ein kleines Unternehmen gründen. Wir hatten beim dänischen Fernsehen 60Beiträge über Busse ausgestrahlt, die immer weniger Passagiere hatten. Also nahmen noch weniger den Bus. Worauf die Busgesellschaften die Preise erhöhten und den Service verbilligten. Also brachten wir noch mehr Beiträge über die Probleme beim Busfahren. Als wir wieder einmal über eine bankrotte Busgesellschaft berichten wollten, fragte ein Reporter an der Morgensitzung: Wäre es nicht schön, auch nur eine Busgesellschaft zu finden, die pünktlich fährt, zufriedene Passagiere bedient und dennoch Geld verdient? Er fand eine und machte einen grossartigen Beitrag über sie. Auch diese Firma war kurz vor dem Ende gestanden, als einer ihrer Manager beschloss, allen Buschauffeuren einen Kurs über den Umgang mit ihren Kunden zu geben. Sie das Lächeln zu lehren. Er sorgte dafür, dass die Busse pünktlich fuhren und sauber waren. Es gab freien Wi-Fi-Zugang und gratis Kaffee. Das war eine gute Story. Ich glaube wirklich nicht, dass die Menschen nur Geschichten hören und lesen wollen über all das, was schiefläuft.

Manchmal dominiert ein Skandal die Aktualität während Wochen, und das zu Recht, weil Menschen zu Schaden kamen, Politiker schwer versagten oder grosse Geldsummen veruntreut wurden. Wenn nun eine Zeitung bei der Berichterstattung nicht mitmacht und auf andere Inhalte setzt, wirkt das nicht eigenständig, sondern töricht, unprofessionell.
Ich kenne das Phänomen, wenn alle Medien derselben Geschichte folgen, immer neue Details veröffentlichen und die Berichterstattung sich im Kreis dreht. Ein guter Reporter bricht aus und fragt sich, was ebenso relevant sein könnte, aber anders. Wir sprachen von der Flüchtlingskatastrophe, die uns schon so lange beschäftigt. Ein guter Reporter würde vielleicht in ein Dorf oder ein Land reisen, aus dem die Flüchtlinge aufgebrochen sind, um zu verstehen, warum sie ihre Heimat verlassen mussten oder wollten. Die grösste Selbsttäuschung bei Journalisten meiner Generation ist das Beharren auf dem Thesenjournalismus. Ich darf das sagen, weil ich selber sehr gut darin war. Du stellst eine Annahme über ein Thema auf und recherchierst dann so, dass sich diese Annahme bestätigt. Du findest die richtigen Statistiken, befragst den zustimmenden Experten, veröffentlichst deinen Artikel und suchst am nächsten Tag den Politiker, der das Anliegen ins Parlament tragen will, und schon hast du wieder etwas zu schreiben. Es ist nicht falsch, was du geschrieben hast, die Frage ist nur: Ist es richtig im Sinne von «umfassend»?

Was erwarten Sie von den Verlagen?
Um konstruktiven Journalismus zu betreiben, wie ich ihn verstehe, muss es zuallererst darum gehen, ihn den Journalisten zurückzugeben. Mir missfällt der wachsende Einfluss von Managern, Beratern und Politikern auf unsere Arbeit. Sie haben kein Verständnis für das, worum es bei unserer Arbeit geht. Sie denken zynisch und sind einzig an der Rendite interessiert. Sie wollen Klicks um jeden Preis und Artikel beziehungsweise Beiträge, die ihnen diese Quoten garantieren. Wo das hinführt, zeigen die amerikanischen Lokalmedien. Im Gegenzug müssen wir den Journalismus von der politischen Korrektheit befreien. Was sie bewirken kann, hat man in Ländern wie Schweden oder Frankreich gesehen. Dort haben Leitmedien während Jahren bestimmt, welche politische Haltung gut zu sein hat und welche nicht. Französische Medien haben lange versucht, den Front National zu ignorieren, weil ihnen seine Absichten nicht passten. Die Partei wurde immer stärker. Dasselbe passierte mit einer rechten Partei in Schweden. Möglichst wenig über eine politische Haltung zu berichten, die man als Journalist ablehnt, finde ich unprofessionell und letztlich auch schädlich. Wir können Bewegungen nicht ignorieren, wir müssen über die Probleme berichten, die sich aus der Einwanderung ergeben.

Es gibt auch das umgekehrte Phänomen, man sah das in Amerika während der Clinton-Jahre. Die «New York Times» ist eine ausgesprochen demokratische Zeitung, aber ihre Berichterstattung über Bill Clintons Amtszeit war nicht nur kritisch, sie war bösartig. In der Schweiz wiederum berichten Journalisten ununterbrochen über die Schweizerische Volkspartei, deren Haltung sie mehrheitlich ablehnen. Als müssten sie durch Überkompensation ihre Unbefangenheit beweisen.
Ja, gerade deshalb ist es so wichtig, bei unserer Berichterstattung auf die Balance zu achten. Und zwar auf beiden Seiten, auch der positiven. Ein liberaler dänischer Parlamentarier, der aus Syrien stammt, organisierte eine Konferenz über Einwanderer, die ihr eigenes Geschäft gestartet und neue Stellen geschaffen haben, er hatte über 100 Beispiele. Er lud alle Zeitungen, Radio- und Fernsehsender ein. Wissen Sie, wie viele Reporter kamen? Kein Einziger. Hätte er eine Veranstaltung über eine kleine Gruppe fanatisierter Muslime in Dänemark abgehalten, wäre der Saal voll gewesen. Wir bilden die Welt verzerrt ab, weil wir das Normale zu selten zeigen und das Extreme zu häufig. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.09.2015, 09:11 Uhr

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Ulrik Haagerup (52) ist seit 2007 Nachrichtenchef des dänischen Rundfunks DR, zuständig für Fernsehen, Radio und online. Zuvor leitete er als Chefredaktor die Tageszeitung «Jyllands-Posten» und beriet die dänische Regionalmediengruppe Nordjyske Medier. Sein Buch «Constructive News: Warum ‹bad news› die Medien zerstören und wie Journalisten mit einem völlig neuen Ansatz wieder Menschen berühren» erschien im Juni als Taschenbuch in der dritten Auflage (Oberauer-Verlag, 220 Seiten) (Bild: www.dr.dk)

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