Debatte

Das alltägliche Twitter-Gewitter und seine Folgen

Wer twittert, kann seinen Ruf zerstören wie der SVP-Politiker A. M. Oder Falschmeldungen verbreiten, die alle glauben. Woher die Faszination für das neue Medium?

«Früher entschieden Journalisten darüber, was in die Zeitung kommt. Heute kann theoretisch jeder ein Massenpublikum erreichen», sagt der Kommunikationswissenschaftler Bosshart.

«Früher entschieden Journalisten darüber, was in die Zeitung kommt. Heute kann theoretisch jeder ein Massenpublikum erreichen», sagt der Kommunikationswissenschaftler Bosshart.

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Twitter bietet nicht viel Platz. 140 Zeichen kurz sind dort die Nachrichten, und bis zum gleich folgenden Punkt sind es schon 129.

Seit der Amerikaner Biz Stone den Dienst 2006 erfunden hat, sind Milliarden von Kurznachrichten, sogenannte Tweets, versendet worden. Sie waren meist so aufregend wie das Gezwitscher (englisch: Twitter) der Vögel in der Morgendämmerung: belanglos im Inhalt, die meisten überhört von den meisten. Man twittert, was man vom Finaleinzug der Spanier an der Fussball-EM hält. Man schreibt, in welchem Restaurant man am Abend isst.

Twitter ist wie ein SMS. Nur geht die Nachricht an mehrere gleichzeitig, an Follower. Niemand lässt sich so gern verfolgen wie die Sängerin Lady Gaga. Sie zwitschert zu 21 Millionen Fans.

Sie ist gewählt!

In der Flut der Tweets finden sich jedoch immer wieder relevante Nachrichten: Noch bevor die Bundesversammlung erfuhr, dass Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf im letzten Dezember wiedergewählt worden war, konnte man auf Twitter lesen: «Sie ist gewählt.»

Andrea Caroni soll diese Meldung verfasst haben. Der Ausserrhoder FDP-Nationalrat war bei den Bundesratswahlen vom 14. Dezember Stimmenzähler, er kannte das Wahlergebnis, bevor es der Bundesversammlung mitgeteilt wurde. Weil er damals gar keinen Account besass, muss jemand unter seinem Namen getwittert haben. Caroni liess daraufhin seinen vermeintlichen Account sperren. Inzwischen twittert der Politiker «echt»: Er habe «als Schutzmassnahme» einen eigenen Account eröffnet.

Ein globaler Stammtisch

140 Zeichen reichen auch aus, um die eigene Karriere zu ruinieren. A. M. brauchte dazu sogar nur 77: «Vielleicht brauchen wir wieder eine Kristallnacht . . . diesmal für Moscheen», schrieb der SVP-Mann am letzten Samstagabend auf Twitter. Hätte er den Satz vor 30 Jahren in bierseliger Runde am Stammtisch von sich gegeben, hätten zwei Leute am Tisch ausgerufen: «Jawohl!» Drei hätten sich allenfalls über die Geschmacklosigkeit empört, der Rest peinlich berührt geschwiegen. Damit wäre die Sache vom Tisch gewesen: Kaum jemand ausserhalb der Runde hätte je davon erfahren.

Jetzt aber ist M. ein öffentlich geächteter Mann. Und er hat innert weniger Tage alles verloren: seinen Job, seine Parteimitgliedschaft, sein Amt als Schulpfleger, seinen Ruf. M. hat unterschätzt, dass im Gegensatz zum traditionellen Stammtisch die ganze Welt auf Twitter mithören kann. Man braucht keinen Account, um mitzulesen, wer was schreibt. Im Unterschied zu Facebook lässt sich der Kreis der Mitleser nicht auf Freunde, Bekannte und Kollegen beschränken.

Schneller Skandal

Nur wer selber twittert, braucht einen Zugang. Er kann die Nachrichten auf wenige Personen beschränken – doch meist verschickt er sie an alle Follower. Was mit seinem Tweet dann geschieht, ist nicht mehr unter seiner Kontrolle. Die Follower leiten den Tweet weiter an ihre eigenen Follower – vor allem dann, wenn sie sich empören. Danach lässt er sich nicht mehr löschen.

Am virtuellen Stammtisch von A. M. sassen 400 Follower. Seinen Tweet zur Kristallnacht hatten Stunden später schon 40'000 gelesen – auch eine Journalistin vom TA.

Hysterische Letten

«Twitter ist ein Medium ohne viel Substanz», sagt Stefan Bosshart, der sich als Kommunikationswissenschaftler an der Universität Freiburg mit neuen Medien beschäftigt. Weil die kurzen Nachrichten zu Zuspitzungen verleiten, könne schnell ein Skandal entstehen. Doch es wäre falsch, das Medium zu beschuldigen. «Der Einzelne ist selber verantwortlich für den Inhalt», sagt Bosshart. Bevor er einen Tweet absende, müsse er sich fragen: Was bewirke ich damit?

Diese Frage stellte sich ein Twitterer aus Lettland Ende letzten Jahres nicht. Er glaubte zu wissen, dass sich die schwedische Bank Swedbank aus Lettland zurückziehen werde. Sein Tweet verbreitete sich epidemisch, und nur Stunden später bildeten sich Schlangen vor den Filialen der Bank: Die Letten hoben ihr Geld ab. Erst ein Fernsehauftritt des Bankdirektors konnte die Massenhysterie stoppen.

Im Januar dieses Jahres verdichtete sich ein anderes Gerücht kurzzeitig zur Wahrheit: Die exilkubanische Schriftstellerin Zoé Valdés twitterte von Madrid aus, Fidel Castro sei tot. Sie berief sich auf Freunde in Havanna. Weil die Schriftstellerin als glaubwürdig gilt, war die Meldung zwölf Stunden später das weltweit vierthäufigste Thema auf Twitter. Am gleichen Abend rückte sie eine peruanische Zeitung ins Blatt. Kurz darauf musste sie dementieren.

Es gab es schon früher...

Schon vor dem Internet gab es Skandale, Massenhysterie und Falschmeldungen. Orson Welles zum Beispiel löste 1938 eine Panik an der Ostküste der USA aus, nachdem er am Radio von einem Einfall Ausserirdischer berichtet hatte. Es war nur ein Hörspiel. Und das britische Boulevardblatt «News of the World» trieb einen Mann in den Selbstmord, weil es ihn zu Unrecht als Pädophilen an den Pranger gestellt hatte.

Im Unterschied zum analogen Zeitalter gelangen heute Nachrichten jedoch viel schneller an die Öffentlichkeit. Und: Für den Einzelnen ist es einfach geworden, selber eine Meldung publik zu machen. «Früher entschieden Journalisten darüber, was in die Zeitung kommt. Heute kann theoretisch jeder ein Massenpublikum erreichen», sagt der Kommunikationswissenschaftler Bosshart.

Neue Form des Journalismus?

Das hat eine gute Seite: Während der arabischen Revolutionen twitterten Demonstranten und Oppositionelle Nachrichten, die über die herkömmlichen Kanäle der Zensur zum Opfer gefallen wären. Vom Massenprotest im Iran 2009 hätte man nicht so viel erfahren ohne Twitter. Das gleiche Medium bescherte Frankreich eben eine politisch-sentimentale Eifersuchtsszene, über die das ganze Land tagelang sprach: Valérie Trierweiler, die Lebenspartnerin von Präsident Hollande, unterstützte per Tweet den Wahlgegner von dessen Ex Ségolène Royal.

Die Gefahr von Twitter zeigte sich jedoch gleich beim ersten Tweet, der das Medium richtig bekannt machte: Es ist fehleranfällig. Die Nachricht vom Terroranschlag in Mumbai Ende 2008, bei dem über 160 Menschen starben, verbreitete als Erster ein Twitterer vor Ort – noch bevor Fernsehstationen und Presseagenturen davon wussten. «In den letzten 35 Minuten hat es sechs Explosionen gegeben», schrieb er. Twitter wurde als neue Form von Journalismus gefeiert: Weil es schneller und authentischer sei.

Doch der Twitterer machte einen Fehler, der auch Journalisten unterläuft: Er verwechselte zwei Ziele der Terroristen. Sie hatten nicht das Mariott-, sondern das Trident-Hotel angegriffen – der Tweet versetzte so die «falschen» Angehörigen in Aufregung.

Noch fehlt die Sensibilisierung

Nicht jeder, der auf Twitter Geschmackloses wie der SVP-Mann M. verbreitet, löst einen Skandal aus. Der Zürcher Freidenker Andreas Kyriacou schrieb nach dem Car-Unglück im Wallis, bei dem im März dieses Jahres 28 Menschen, darunter 22 belgische Kinder, ums Leben gekommen waren: «Der allgütige Herr wollte wohl nur verhindern, dass die armen Schüler belgischen Kinderschändern in die Hände fallen.»

Kyriacou hatte mit seinem Tweet, der sich auf eine im «Tages-Anzeiger» zitierte Aussage des Pfarrers von Siders bezog («Nach einer solchen Katastrophe muss man sich der Präsenz Gottes bewusst sein»), zwar ein Tabu gebrochen. Trotzdem blieb es ausserhalb seines Follower-Stammtisches ruhig. «Erst wenn die traditionellen Medien ein Thema aufgreifen, wird es zum Skandal», sagt der Wissenschaftler Bosshart. Das sei dann der Fall, wenn der Twitterer prominent ist oder ein öffentliches Amt inne hat – wie M. als Schulpfleger. Kyriacou ist weder breit bekannt noch in einer öffentlichen Funktion. Zudem muss der Twitterer gegen ein besonders grosses Tabu verstossen: Dazu gehören antisemitische und rassistische Äusserungen.

Für den Wissenschaftler Bosshart sind Radio, Fernsehen, Zeitungen und ihre Online-Ausgaben weiterhin die wirksamsten Verstärker. Und sie werden von Meinungsführern gelesen. Erst wenn diese einen geschmacklosen Tweet mitbekommen, werden moralische Standards in einer breiten Öffentlichkeit diskutiert.

11 Prozent mit Internet twittern

Ein Tweet allein macht aus einem andern Grund noch keinen Skandal: Twitter ist eine in der Social-Media-Welt kleine Plattform. In der Schweiz zwitschern gemäss einer aktuellen Studie des Instituts für Publizistikwissenschaft der Universität Zürich lediglich 11 Prozent aller Internetnutzer. In Deutschland sind es gar nur 3 Prozent. In den USA, dem Land des Erfinders, stagnierte die Nutzung in den letzten Jahren bei knapp 20 Prozent.

Eine andere Untersuchung aus Deutschland zeigt, dass vor allem Männer zwitschern: Sie sind im Durschnitt 33 Jahre alt, haben das Abitur gemacht und arbeiten als Werber, PR-Leute, Journalisten. Gut vertreten sind auch Politiker. In der Schweiz dürfte das Twitterer-Profil ähnlich sein.

«Wir sind erst am Lernen», sagt der Kommunikationswissenschaftler Bosshart mit Blick auf den Fall M.. Möglicherweise brauche es Gerichtsentscheide, bis Twitterer darauf sensibilisiert seien, dass für sie das gleiche gelte wie überall: Gesagt ist gesagt. Getwittert ist getwittert.

Community-Gedanke bei Facebook grösser

Stefan Bosshart glaubt nicht, dass sich Twitter als Kommunikationsmittel durchsetzen wird: Der Community-Gedanke sei bei andern sozialen Netzwerken wie Facebook, Xing oder LinkedIn ausgeprägter. Diese arbeiten mit einer Software, die zum Beispiel das Verschicken von Veranstaltungshinweisen oder den Web-Chat einfacher macht als bei Twitter.

Twitter war aufgekommen, weil Follower vom Mobiltelefon aus erreichbar sind. Mittlerweile kann man übers Handy auch auf Facebook Nachrichten posten. Und die gute «alte» E-Mail ist ohnehin leistungsfähiger. Im Gegensatz zu Twitter gibt es keine Zeichenbeschränkung.

Um die eigene Karriere zu zerstören, braucht man Twitter ohnehin nicht. Deplatzierte Aussagen im Fernsehen oder in der Zeitung werden ebenso sanktioniert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.06.2012, 07:34 Uhr

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