Das jährliche Massenkiffen

An jedem 20. April um exakt 16.20 Uhr zünden weltweit über 100'000 Menschen einen Joint an. Der Anlass heisst «420 Day» – und seine Entstehungsgeschichte ist fast zu kurios, um wahr zu sein.

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Es kommt vor, dass dem fleissigen Kiffer das eine oder andere entfällt. Meist sind es Kleinigkeiten wie der Geburtstag der Mama, der Termin beim Psychiater, der Name der Lieblingsband. Kann passieren, ist halb so wild, der Kiffer und sein Umfeld gewöhnen sich an solche Lücken. Verblüffend aber ist, wenn die Jointfreunde aller Länder nicht mehr wissen oder, noch gravierender: überhaupt keine Ahnung haben, warum sie heute Nachmittag um 16.20 Uhr eigentlich ihre Haschisch- oder Marihuana-Tüten zum Glimmen bringen.

Wenigstens, dass der Termin heilig ist, scheint den meisten bewusst, das zeigt ein Blick in themenorientierte Internetforen. «Der four-twenty ist einfach das Geilste», liest man da. Oder: «Hasch mi, Chäfi, hüt Nami am zwänzgabvieri.» Oder etwas mondäner: «420: Always the best day of my life.» Viel mehr kommt dann aber nicht mehr, das Pulver ist verschossen (oder passender: das Gras verraucht). Eine Diskussion – Pardon: ein Chat – über Sinn oder Herkunft des alljährlichen Massenkiffens findet nicht statt.

Von Hitler bis Albert Hofmann

Das ist bedauerlich. In erster Linie, weil die Mythen, die sich um die Entstehung des «420 Day» ranken, eine Menge fantastischen Stoff beinhalten, um es passend zu formulieren. Die absurdeste These lautet, der Ursprung des «420 Day» stehe in direktem Zusammenhang mit dem Geburtstag von Adolf Hitler – er kam an einem 20. April zur Welt. Nicht weniger verschwörungstheoretisch sind aber auch andere gängige Herleitungen. Die eine führt die Zahl auf einen Bibelvers zurück.

Eine andere will wissen, dass 420 der interne Code der kalifornischen Staatshüter für den Verstoss gegen das Marihuana-Konsumverbot sei. Ebenfalls populär: 420 beziffere die Anzahl der im Cannabis nachweisbaren Inhaltsstoffe. Oder: Albert Hofmann habe um 16.20 Uhr das erste Mal LSD ausprobiert (allerdings war das blöderweise nicht am 20., sondern am 19. April 1943). Und, last but not least, 420 sei früher die bevorzugte Hotelzimmernummer der Psychedelic-Rock-Band Grateful Dead gewesen. Diese letztgenannte Legende, so seltsam das klingen mag, birgt zumindest Spurenelemente der Wahrheit über den «420 Day». Oder sagen wir: der wahrscheinlichen Wahrheit – letztlich ist nämlich auch sie nicht frei von wunderlichen Ingredienzien. Zu lesen war sie vor zwei Jahren in der amerikanischen Onlinezeitung «Huffington Post».

Jedem war klar, was ‹420› bedeutete

Im Zentrum des Berichts stehen «The Waldos»: fünf Kalifornier, die in den 70er-Jahren an die San-Rafael-Highschool gingen, und die heute, alle Mitte 50, als erfolgreiche Geschäftsleute tätig sind. Deshalb auch das Pseudonym: Es soll verhindern, dass ihr heutiges Saubermann-Image durch die nicht so cleane Vergangenheit ramponiert wird. Jedenfalls bekamen diese Waldos 1971 von einem Mitarbeiter der Küstenwache den Tipp, dass sich auf der nahen Halbinsel Point Reyes ein gut verstecktes Hanffeld befinde. Die Freunde, dem Grünzeug sehr zugetan, wollten den «Schatz» natürlich unbedingt bergen.

Also verabredeten sie sich an einer Louis-Pasteur-Statue bei der Schule – und zwar, eine klassische Kiffermacke, um exakt 16.20 Uhr. Waldo Steve dazu im «Huffington»-Artikel: «Wir trafen uns, nahmen meinen 66er Chevy Impala, fuhren nach Point Reyes und rauchten dabei wie blöd. Vielleicht waren wir deshalb zu zugedröhnt, um das Feld zu finden. Jedenfalls fuhren wir dann Woche für Woche da raus, um weiterzusuchen. Der Code für die Treffen lautete bald nur noch ‹420›, damit war jedem klar, dass er um 16.20 Uhr an der Statue sein musste.»

«420» verbreitete sich wie ein Virus

Fündig wurden die Waldos nie, es wird vermutet, dass die Plantage gar nicht existierte. Der Code blieb trotzdem, und sein Anwendungsspektrum wurde gar erweitert. Sagte einer der Waldos: «I go 420», wussten die andern, dass er einen Joint drehen würde; wenn er fragte: «Hat jemand 420?», war den Eingeweihten klar, dass er Gras suchte. Eltern, Lehrer und Mitschüler jedoch hatten keine Ahnung, wovon er sprach.

Und damit zu Grateful Dead. Als die Hippie-Utopie in San Francisco Ende der 60er-Jahre kollabierte, zog die Gruppe um Jerry Garcia in die Hügel von Marin County, unweit von San Rafael. Da der ältere Bruder von Waldo Dave mit dem Grateful-Dead-Bassisten Phil Lesh befreundet war, durften die fünf Kiffer im Bandraum abhängen. Natürlich wurde auch dort Pot geraucht, natürlich machte auch dort die ominöse Zahl die Runde. Die Musiker schnappten sie auf, übernahmen sie in ihr Vokabular. Als die Grateful Dead dann endgültig zu Helden der Post-Flowerpower-Generation geworden waren und dadurch regelmässig durchs Land tourten, verbreiteten sie «420» und dessen Bedeutung wie ein Virus.

Fast alle Uhren in «Pulp Fiction» stehen auf zwanzig nach vier

Ab Ende der 80er-Jahre wurde die Sache zum Selbstläufer. Zur Uhrzeit kam der Tag hinzu – 4/20 steht im Amerikanischen für den 20. April. Magazine und später vor allem das Internet trugen das Phänomen in die Welt, und am 20. April 1991 um 16.20 Uhr fand in Marin County die erste «420 Day»-Zeremonie statt. Bald folgten weitere Events, zuerst in den USA selbst, dann in Kanada, Australien, Neuseeland, in den letzten Jahren auch in Europa. Man schätzt, dass inzwischen über 100'000 Leute an den Feiern teilnehmen, die meist in Parks abgehaltenen werden.

Dabei wandelte sich der plauschige «High Holiday» mehr und mehr zur gesellschaftspolitischen Protestkundgebung. Vorab in den USA wird am 20. April für die Entkriminalisierung der weichen Droge gekämpft; ebenso ist man gewillt, noch mehr Bundesstaaten (heute sind es 14) davon zu überzeugen, Cannabis für medizinische Zwecke zuzulassen. Zudem soll der «420 Day» künftig zum Gedenktag für erschütternde Ereignisse werden, zum Beispiel für den Amoklauf an der Columbine Highschool, der am 20. April 1999 geschah.

Glaubt man den Legenden, soll sich der Kult um die Zahl auch in der Popkultur niedergeschlagen haben. So heisst es, die Zeile «Where the grass is green» im Song «Paradise City» von Guns N’ Roses, die nach 4:20 Minuten erklingt, sei eine eindeutige Reverenz an die Bewegung. Und, darauf sind die «420»-Anhänger besonders stolz: Fast alle Uhren, die im Tarantino-Film «Pulp Fiction» zu sehen sind, stehen auf zwanzig nach vier.

Erstellt: 20.04.2012, 17:07 Uhr

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