Das verflixte 25. Jahr

Schwarzenegger und Shriver gehen nach 25 Jahren Ehe getrennte Wege. Auch in der Schweiz nehmen Scheidungen im Alter rasant zu. Ein Fachmann erklärt wieso und zeigt, was man dagegen machen kann.

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Die Nachricht einer Scheidung erschüttert heutzutage praktisch niemanden mehr, zu gross ist die Zahl der sich trennenden Paare: In der Schweiz wird praktisch jede zweite Ehe geschieden. Im Fall der Anfang dieser Woche bekannt gewordenen Trennung des Ex-Gouverneurs Arnold Schwarzenegger und seiner Frau, der Journalistin Maria Shriver, war das Erstaunen trotzdem gross. Einerseits, weil das ungleiche Paar als Traumpaar galt, andererseits, weil sie schon seit 25 Jahren verheiratet waren.

Wer es so lange miteinander ausgehalten hat, trennt sich nicht im Alter, sollte man meinen. Die Zahlen des Bundesamtes für Statistik sprechen aber eine andere Sprache. Waren es im Jahr 1970 genau 991 Ehen, die nach einer Dauer von 20 Jahren und mehr geschieden wurden, stieg die Zahl 1990 auf 2853 und 2009 auf 5282 – man kann somit von einer Verdoppelung der Scheidungen (nach 20 Jahren Ehe und mehr) in den letzten 20 Jahren sprechen. Der Professor für Psychologie Guy Bodenmann sprach mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet über dieses neue Phänomen.

Was bewegt ein Paar, das 25 Jahre «durchgehalten» hat, dann doch aufzugeben?
Das hat verschiedene Gründe. Eine grosse Rolle spielt etwa die gesteigerte Lebenserwartung. Ein fünfzigjähriger Mensch hat heute noch gut 30 Jahre vor sich, da ist es nachvollziehbar, dass er sich überlegt, wie er diesen doch noch beachtlichen Lebensabschnitt gestalten will. Und dazu gehört unter anderem auch die Evaluation eines Neuanfangs. Langjährigen Beziehungen fehlt es oft an Frische und Spannung. Ziehen die Kinder aus, sieht sich ein Paar mit einer neuen Situation konfrontiert: Verantwortungsbereiche wie die Kindererziehung fallen plötzlich weg, man hat wieder Zeit, sich mit sich selber auseinanderzusetzen.

Und somit beginnt das grosse Hinterfragen der Beziehung?
Genau. Man fragt sich plötzlich «Wo stehe ich? Will ich tatsächlich den Rest meines Lebens mit diesem Partner verbringen? Welche Alternativen habe ich?». Und tatsächlich, man hat mehr Optionen als früher. Es ist leichter geworden, einen neuen Partner kennenzulernen. Online-Dating ist zu einem wichtigen Bestandteil der Partnersuche geworden, aber auch die Tatsache, dass viele Frauen berufstätig sind, hat einen Einfluss auf dieses Phänomen: Sie sind oftmals finanziell unabhängig und gleichzeitig haben sie am Arbeitsplatz mehr Möglichkeiten, einen neuen Partner kennenzulernen oder zumindest ihre Attraktivität zu testen.

Trotzdem ist es doch erstaunlich, dass sich jemand nach 25 Jahren Ehe scheiden lässt.
Erstaunlich oder auch sehr spannend ist an den «späten Trennungen» vor allem die Tatsache, dass viele dieser Paare zufriedene Paare sind und keine dysfunktionalen Beziehungen haben. Aus diesem Grund reagiert das Umfeld mit Erstaunen oder Unverständnis auf den Entscheid.

Wie stark beeinflussen berufliche Veränderungen eine Beziehung?
Grundsätzlich sind Veränderungen jeglicher Art ein Prüfstein für die Beziehung: Eine berufliche Neuorientierung kann frischen Wind ins Leben des Betroffenen bringen, und auf einmal kann man nicht mehr mit dem neuen Elan des Partners mithalten oder bekommt ihn nur noch selten zu Gesicht, weil er ständig mit der Arbeit beschäftigt ist. Bei einer Pensionierung ist das Gegenteil der Fall: Ein Paar hat nach Jahren wieder Zeit füreinander. Wer es versäumt hat, an der Beziehung zu arbeiten, weil er sich vor allem auf den Beruf konzentriert hatte, wird sich auf einmal der Inhaltslosigkeit der Beziehung bewusst. Japan – wo die Arbeit einen äusserst hohen Stellenwert hat – weist die höchste Rate an Scheidungen nach über zwanzig Jahren Ehe auf.

Was kann man tun, um das verflixte 25. Jahr unbeschadet zu überstehen?
Hart daran arbeiten – und zwar von Anfang an. Also nicht erst dann, wenn die Beziehung bereits am Ende ist. Man kann seine Beziehung nicht jahrelang vernachlässigen und hoffen, dass sie ohne jegliche Anstrengung attraktiv bleibt. Ich vergleiche eine Paarbeziehung oft mit einer Pflanze: Um die muss man sich auch regelmässig kümmern, sonst geht sie ein. Eine Beziehung verkümmert, wenn man sie nicht pflegt.

Vielleicht ist es einfach langweilig, so viele Jahre mit dem gleichen Partner zu verbringen.
Die sogenannte «Verstärkererosion», welche zur Monotonie und zum Zerfall der Vitalität einer Beziehung führt, nimmt mit jedem Jahr zu. Das heisst, was wir am Anfang am Partner als attraktiv empfinden – das Aussehen, gewisse Charaktereigenschaften –, verliert seinen Attraktionswert, je länger eine Beziehung andauert. Die Partnerschaftszufriedenheit nimmt ab und das Scheidungsrisiko zu.

Das tönt aber ziemlich entmutigend, denn die Zeit kann man ja nicht anhalten.
Richtig. Aber im Gegenzug nehmen die Intimität, das Vertrauen, die Verlässlichkeit jährlich zu. Was wiederum eine Beziehung ungemein stärkt und der Verstärkererosion entgegenwirkt. Damit eine Beziehung hält, muss man sie lebendig erhalten, indem man immer wieder neue Spannungsfelder erzeugt, gemeinsame Projekte angeht. Das ist wichtig, sonst lebt man sich auseinander. Das ist zwar anstrengend, aber auch sehr spannend. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.05.2011, 18:04 Uhr

Guy Bodenmann ist seit 2008 Professor für klinische Psychologie an der Uni Zürich und Autor zahlreicher Ratgeber («Was Paare stark macht - das Geheimnis glücklicher Beziehungen») und Gründer des Stresspräventionstrainings für Paare «Paarlife». (Bild: Frank Brüderli)

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