Das verrät das Verhalten im Restaurant über den Charakter

Erstes Date? Wie man beim gemeinsamen Essen erkennt, ob das Gegenüber als Partner taugt.

Wie geht sie mit dem Kellner um? Ist sie ein gern gesehener Stammgast oder beschwert sie sich wegen jeder Kleinigkeit? Ein Besuch im Restaurant kann erhellend sein. Foto: Getty Images

Wie geht sie mit dem Kellner um? Ist sie ein gern gesehener Stammgast oder beschwert sie sich wegen jeder Kleinigkeit? Ein Besuch im Restaurant kann erhellend sein. Foto: Getty Images

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Beim ersten Date entscheiden sich die meisten für ein gemeinsames Essen in einem Lokal. Dabei kann man mitunter sehr viel über sein Gegenüber lernen, sagt Petra Lienhop. Die Kommunikationsexpertin aus Hannover blickt auf eine Jahrzehnte lange Erfahrung in der Hotellerie zurück und trainiert in Seminaren die Kunst des Umgangs. Dabei sei gutes Benehmen nicht alles, sagt Lienhop. Wie wir ein Lokal betreten, was wir bestellen und wie wir uns dabei verhalten, sagt mitunter mehr darüber aus, als uns bewusst ist. Ein Gespräch über das erste gemeinsame Essen als Lackmustest für die Beziehung.

Warum findet das erste Date fast immer in einem Lokal statt?
Evolutionsgeschichtlich ist das gemeinsame Essen die ursprünglichste Form sozialen Verhaltens, das wissen wir zu schätzen. Schon unsere Vorfahren kamen am Lagerfeuer zusammen und teilten sich das erlegte Wild und die gesammelten Beeren. Zudem vermittelt ein Restaurant als halb-öffentlicher Raum eine gewisse Sicherheit. Es hat den Vorteil, dass man mit der unbekannten Person einerseits ungestört reden kann, zugleich aber nicht alleine mit ihr ist. Dann bietet so ein Ort die Gelegenheit zum Abgleich mit anderen Gästen, aber auch mit den eigenen Werten: Ist er oder sie Vegetarier, besitzt er oder sie ein ethisches Bewusstsein? Wie geht er oder sie mit den anderen Gästen, mit dem Personal um? Und schliesslich steigt beim gemeinsamen Essen nachweislich unsere Aufmerksamkeit für Emotionen und damit die Möglichkeit der sozialen Interaktion. Wir können uns nicht aussuchen, wie wir fühlen, und den meisten Menschen ist ihr Gefühlszustand anzumerken – aber genau das wollen wir doch erfahren beim ersten Date, oder?

Können Veganer und Fleischesser eine Beziehung eingehen?
Für manche ist Ernährung eine Frage von Hunger, für manche eine Frage der Lebenseinstellung. Wer sich einer Ernährungsform verschrieben hat, wird dies auch auf seine Lebensweise übertragen. Das kann für eine Partnerschaft durchaus eine Rolle spielen. Doch erst einmal geht es darum, sich besser kennenzulernen und den Abend zu überstehen. Der Rest ist eine Frage der Kommunikation und der Wertschätzung. Wenn ich sage «Alle Fleischesser sind Mörder», dürfte das wenig zuträglich sein für die Stimmung, genau wie eine herablassende Sicht auf Vegetarier. Geht jemand mit dem Thema gelassen um, zeugt das von Toleranz – und die ist ja ebenfalls eine wichtige Basis für jede Liebesbeziehung.

«Leute, die sich wirklich auskennen, bleiben souverän und verzichten auf Belehrungen.»

Dann kann ein gemeinsames Essen ein Belastungstest für eine spätere Beziehung sein?
Auf jeden Fall kann man dabei einiges über sein Gegenüber erfahren. Zum Beispiel lässt sich sehr gut beobachten, ob jemand Essen als sinnlichen Vorgang versteht. Ob die Person also eine Mahlzeit in sich hineinschaufelt oder geniesst. Ob jemand im Essen herumstochert oder mit Freude isst. Ob jemand erst einmal alles prüft oder der Küche vertraut und freudestrahlend zum Besteck greift. All das sagt etwas über die Persönlichkeit eines Menschen aus – genau wie die Vorliebe oder Offenheit für Spezialitäten aus anderen Kulturen. So gesehen kann es durchaus ein erster Baustein für eine spätere Beziehung sein.

Beim ersten Date möchte man um jeden Preis einen guten Eindruck machen – können Sie das bestätigen?
In der Kennenlernphase denken viele, sie sollten besonders glänzen. Nicht selten erliegt jemand der Versuchung, in ein Lokal einzuladen, das er oder sie sich nicht leisten kann – in der Hoffnung, dass die Begleitung nur eine Vorspeise bestellt. Doch was, wenn es das Drei-Gänge-Menü wird? Deshalb besser authentisch bleiben. Aufschneider erreichen bestenfalls das Gegenteil. Wenn Besserwisser die Weinempfehlung des Kellners mit einem Impulsreferat kontern – «Also ich halte Wein aus Südfrankreich ja für überschätzt» – oder die Aussprache des Partners korrigieren – «Das heisst Wuuustersosse!» – tun sie das in der Regel aus Unsicherheit. Leute, die sich wirklich auskennen, bleiben souverän und verzichten auf Belehrungen. Wer keine Ahnung hat, gewinnt durch Ehrlichkeit: «Ich kenne mich nicht aus, trinke aber gern guten Wein. Was magst du, weiss oder rot?» Daran zeigt sich auch, ob jemand am anderen interessiert ist – und darauf kommt es beim ersten Date doch eigentlich an.

«Es ist hilfreich, interkulturell zu verstehen, wie diese Person essen gelernt hat.»

Gibt es Gerichte, von denen Sie beim ersten gemeinsamen Abendessen abraten würden?
Wenn Sie nicht in Loriots Fussstapfen treten möchten, empfehle ich, auf Spaghetti ebenso zu verzichten wie auf Erbsen, die von der Gabel rollen. Dasselbe gilt für Gerichte, bei denen unklar ist, wie sie zu essen sind. Ausser, ich bin ehrlich und sage: «Wir können gerne den Hummer nehmen, habe damit jedoch keine Erfahrung. Kannst du mir zeigen, wie das geht?» So ersparen wir uns selbst und anderen nicht nur eine Enttäuschung, sondern schaffen zugleich Vertrauen. Lieber zehn Punkte in der Sympathie- als in der Benimmskala.

Wie gehe ich damit um, wenn mich das Verhalten meines Gegenübers irritiert?
Es wird immer vorausgesetzt, doch nicht jeder weiss um den stilvollen Umgang mit Messer und Gabel. In den USA etwa wird erst zerschnippelt und dann «geschaufelt». Da ist es hilfreich, interkulturell zu verstehen, wie diese Person essen gelernt hat. Oft kommen wir nicht umhin, auf so ein Verhalten zu reagieren, doch kommt es auf den Ton an. Beim ersten Date würde ich selbst Ellbogen auf dem Tisch nicht ansprechen, sondern lieber mit gutem Beispiel vorangehen. Dann fällt der anderen Person hoffentlich ganz von selbst auf, dass sich unser Benehmen unterscheidet. Übrigens lässt das Verhalten in einem Restaurant durchaus auf den Charakter schliessen. Achten Sie mal darauf, wie jemand den Raum betritt, wie die Person sich dort bewegt und verhält: Ist sie dort ein gern gesehener Stammgast und der Chef klopft ihm auf die Schulter? Scheucht sie den Kellner herum und beschwert sich wegen jeder Kleinigkeit?

«Der Selbstwert sollte hoch genug sein, um eine Einladung als Ausdruck von Wertschätzung anzunehmen.»

Was ist mit höflichen Gesten – sind alte Rollenbilder noch gefragt?
Das kommt ganz auf die Situation und die beiden Personen an. In einer Pizzeria kann ich von einem 25-Jährigen vielleicht nicht erwarten, dass er mir den Stuhl zurechtrückt – das wäre auch deplatziert. Andererseits kann es höchst irritierend wirken, eine solch nette Geste aus falscher Eitelkeit abzulehnen, nach dem Motto «Danke, doch bis zum ersten Schlaganfall kann ich mir den Mantel alleine anziehen».

Am Ende steht häufig die Frage, wer bezahlt. Ist es am einfachsten, die Rechnung zu teilen – etwa, um sich von möglichen Erwartungen zu befreien?
Eine Möglichkeit, jedoch kein Zwang. Zahlen kann auch die Person, von der die Einladung ausgeht. Der Selbstwert sollte hoch genug sein, um eine solche Einladung als Ausdruck von Wertschätzung anzunehmen. Dennoch darf ich sagen: «Vielen Dank für die Einladung, aber ich bin nicht interessiert an einem weiteren Treffen.» Sicher ist es problematisch, wenn die Erwartungshaltung unterschiedlich ist. Frauen tun sich besonders schwer damit, zu sagen: «War nett, doch ab heute trennen sich unsere Wege wieder». Doch auch am nächsten Tag, wenn der Dank für die Einladung telefonisch erfolgt, besteht die Möglichkeit, das klarzustellen. Ohne Rechtfertigung, ohne sich auf eine Diskussion einzulassen.

Erstellt: 09.12.2019, 18:07 Uhr

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