Das zweite Glück

Ewige Liebe wünschen sich viele. Sie ist nicht selbstverständlich, man muss dafür arbeiten, manchmal kämpfen. Eva und Fred Ryter haben sogar zweimal geheiratet: einander.

Im Alter ist die Liebe selbstloser: Eva und Fred Ryter sind überzeugt, dass sie jetzt ihre besten Jahre erleben. Foto: Béatrice Devènes

Im Alter ist die Liebe selbstloser: Eva und Fred Ryter sind überzeugt, dass sie jetzt ihre besten Jahre erleben. Foto: Béatrice Devènes

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Badi Tiefenbrunnen, ein windiger Sommertag im Jahr 1970: Eva Böhm (22) hat gerade ihr Krankenschwesterdiplom in der Tasche und gönnt sich einen freien Tag. Sie schwimmt zum Floss im See – und dort sitzt er auf seinem Badetuch, Fred. Blaue Augen, dunkle Haare, ein schöner Mann. «Viel geredet hast du ja nicht gerade», sagt Eva Ryter heute, über 40 Jahre später, «aber gefallen hast du mir von Anfang an.» Fred, der gelernte Dachdecker, büffelte damals an der Akad für seinen Maturaabschluss und hatte eigentlich anderes im Kopf als einen Flirt. Doch auf dem Tanzschiff funkte es dann später so richtig, Eva und Fred wurden ein Liebespaar.

Ein sehr ungleiches Paar, wie sich bald herausstellen sollte. Der gefühlvolle, introvertierte Fred, der schon damals nach «geistigem Futter und Spiritualität» suchte, und die spontane, rationale Eva. Er, der als Sohn eines Dach­deckers mit neun Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen in einem Emmentaler Dorf aufwuchs – sie, die Pfarrerstochter aus Zürich, aus gutbürgerlicher Akademikerfamilie und mit der Etikette, die zu Hause grossgeschrieben wurde. Tischmanieren kannte Fred nur vom Hörensagen, und «s Hömmli ghört i d Hose», fand Eva immer. Ihre Eltern seien gegen die Verbindung gewesen, «und ich wollte ihn formen», sagt die 66-Jährige. «Heute nehme ich ihn so, wie er ist.»

Heute, das bedeutet Lützelflüh im Emmental. Wo Jeremias Gotthelf auf der Kanzel stand und die Welt auch 2014 noch in Ordnung zu sein scheint. Vor ­einigen Monaten haben die Ryters in einem verträumten Chalet am Ortsrand eine grosse Wohnung gemietet, hinter dem Haus weiden Kühe auf saftigen Wiesen. «Wir waren in den letzten Jahren viel unterwegs», sagt Fred Ryter, unter anderem in Indien, wo der 70-Jährige seinem Sohn bei einem Lehrerausbildungsprojekt zur Seite stand.

Zum Geburtstag, den Ryter kürzlich feierte, hat er die Wände der Wohnung mit Stationen seines Lebens tapeziert. Die Bilderfolge führt durch mehrere Zimmer, säuberlich mit Pfeilen angeschrieben. Eine eigenwillige Wand­gestaltung. Offensichtlich wohnt hier ein etwas penibler Mann, der viel erlebt hat und nicht ohne Stolz auf seinen Weg zurückblickt. Mit Intelligenz und Ehrgeiz hat es der Arbeitersohn zum Sekundarlehrer geschafft. Auch die Scheidung ist dokumentiert, 1989, «unser Chaos nach 17 Jahren Ehe».

Affären, Depression, Scheidung

Damals sei einfach nichts mehr gegangen: Eine Zukunft, die beiden Ehepartnern unerträglich schien, und drei Buben, die merkten, dass die Familie aus dem Lot war. Das Muster des schweigsamen Mannes, den Eva bei der ersten Begegnung kennen gelernt hatte, zog sich weiter. Der schöne Fred fühlte sich unerfüllt und hatte immer wieder neue Affären. Er stürzte tief ab in eine Depression, «es war eine zerstörerische Zeit», sagt er. «Und ich musste mich selber schützen», sagt Eva Ryter. «Viele Jahre haben wir offene Konflikte vermieden. Ich habe immer versucht, Streit aus dem Weg zu gehen, war eine brave, angepasste Tochter aus gutem Hause.»

«Eva hat nie richtig zu mir gestanden, und ich selber war ein Schlaffi», meint Fred Ryter entwaffnend ehrlich, als wir später beim Kaffee auf dem Sofa sitzen. «Im Grunde haben wir nie wirklich aufrichtig miteinander geredet.» Bedürfnisse wurden dem andern nicht kundgetan, Missverständnisse häuften sich, jeder zog sich zurück in die innere Emigration. «Du gabst mir damals auf deine Art zu spüren, dass du Intellektuelle zutiefst verachtest. Ich dagegen brauchte Jahre, um meine unterschwellige Missachtung der Arbeiterschicht ablegen zu können», sagt Eva Ryter. Und sie ist sich sicher: «Wenn die Herkunft zu unterschiedlich ist, ist das eine grosse Hypothek für die Beziehung.»

Durch die Kinder waren sie auch nach der Scheidung miteinander verbunden, doch die grosse Wende trat ein, als der älteste Sohn 1994 für ein Austauschjahr nach Jamaika ging. «Er war damals 17 und ziemlich störrisch», sagt Eva Ryter. Im Sommer habe er ihr dann geschrieben, dass es ihm gut gehe und er sich eine Bibel gekauft habe. «Ich dachte, du meine Güte! Ich war gegen alles, was mich an meine Kindheit erinnerte.» Doch mit der Zeit habe sie dann den Weg zu Gott gefunden. Fred hingegen sei schon immer auf der Suche nach einem tieferen Sinn gewesen, und als der Sohn zurückkam, seien die gemeinsamen Kirchgänge in die evangelische Freikirche häufiger geworden. Alte Wunden schlossen sich dank des Glaubens, und beide dachten über eine zweite Zukunft nach. An Silvester 1998 beschlossen sie: Wir annullieren ganz einfach unsere Scheidung. Das Scheidungsrichteramt Bern fand die Absicht erfreulich, sah aber nur eine rechtliche Möglichkeit: wieder heiraten. «Es war ein Vorschlag von Gott», sagt Eva Ryter lachend, «und wir hatten das Vertrauen, dass er uns nicht im Regen stehen lässt.»

Mit dem Entscheid, wieder zu heiraten, wuchs die Zuneigung zueinander; endlich konnten sie Konflikte austragen, ohne gleich an allem zu zweifeln. Im März 1999 liessen sie sich ein zweites Mal zivil trauen. «Als wir dann nach der zweiten Hochzeit auch körperlich wieder zueinanderfanden, war das ein gewaltiges Erlebnis. Das empfinden wir als grosses Geschenk in unserem Alter», sagt Eva Ryter.

Spätestens an diesem Punkt denkt man als Aussenstehende, dass es ja auch nicht so schwierig ist, unter Gottes rettendem Schutzschirm eine neue Liebe zu installieren. Wenn man sich einem grösseren Ganzen anvertraut, werden die Probleme kleiner. Doch das wollen beide so nicht stehen lassen. Es sei ein langer Prozess gewesen, bis sie zu dem glücklichen Paar wurden, das sie heute sind. «Wir waren ja nicht plötzlich andere Menschen», sagen sie.

Die Sache mit dem Brot

Auch heute gibt es noch Reibungspunkte. «Die banale Sache mit dem Brot», sagt Fred Ryter. Neulich habe er beim Nachbarn extra ein Brot erbeten, weil die Söhne zum Zvieri da waren. «Aber das ist ja ein Früchtebrot», habe Eva entsetzt gemeint, «das passt doch nicht!» Das habe ihn verletzt. Erst am Abend hätten sie darüber reden und die Unstimmigkeit bereinigen können.

Noch immer ist er der Empfindsame, Bohrende und sie die Schnelle, Pragmatische. Doch heute können sie ihre Verschiedenheit annehmen, sind gelassener und versöhnlicher miteinander. «Heute scheint mir die Liebe selbstloser, das hat vielleicht auch mit dem Alter zu tun», sagt Eva Ryter. «Wir stehen nach allen Jahren auf einem starken, eng gewobenen Teppich.»

Beide sind überzeugt, dass dies die besten Jahre sind, die sie erleben. Aber auch, dass es ohne den Glauben an Gott keine zweite Hochzeit gegeben hätte. Dennoch möchten sie anderen Paaren, die nicht gläubig sind und wieder zueinanderfinden wollen, etwas mit auf den Weg geben: «Weniger egoistisch sein, weniger beharren, die Zugbrücke zur anderen Seite herunterlassen», sagt sie. «Die Beziehung bereinigen, Bedürfnisse und Wünsche klar äussern», findet er. Und mit Überzeugung sagen können: Es tut mir leid.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.04.2014, 06:24 Uhr

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Eva und Fred Ryter sind eines von sechs Paaren, deren Geschichten in einem neuen Buch dokumentiert sind. In Dialogform berichten sie von Höhenflügen und Krisen. Ein Geheimrezept gibt es nicht, das wird im Buch klar, auch wenn ein ähnlicher sozialer und kultureller Hintergrund sowie gemeinsame Interessen des Paares förderlich für die Beziehung sind. So unterschiedlich die Faktoren sind, die im Einzelfall zu einer langen Liebe führen: Der gemeinsame Nenner aller Porträtierten liegt in der gegenseitigen Wertschätzung, die sie sich trotz aller Veränderungen über die Jahre erhalten haben. Und in der Flexibilität, sich in einer neuen Phase des Lebens immer wieder neu zu finden. (uh)

Ueli Oswald: Ja, ich will. Wörterseh-Verlag, Zürich 2014. 222 S., ca. 40 Fr. Auch der «Club» widmet sich heute der «ewigen Liebe». 22.20 Uhr, SRF 1.

Das erste Glück: Eva und Fred Ryter bei der Hochzeit 1972. Foto: Verlag Wörterseh

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