«Dass man selber richtet, ist im Islam auf keinen Fall erlaubt»

Sakib Halilovic, Imam in Schlieren, ist wütend auf die Terroristen von Paris. Und er macht sich Sorgen um uns alle.

«Gott der Erhabene hat wahr gesprochen» als Motto an der Wand: Imam Halilovic im Moscheeraum des Islamisch Bosnischen Zentrums Schlieren. Foto: Urs Jaudas

«Gott der Erhabene hat wahr gesprochen» als Motto an der Wand: Imam Halilovic im Moscheeraum des Islamisch Bosnischen Zentrums Schlieren. Foto: Urs Jaudas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gab es bei Ihnen im islamisch-bosnischen Zentrum in Schlieren in den letzten Tagen Anfeindungen?
Nichts. Keine Drohbriefe, keine Anrufe.

Vor drei Monaten montierten Sie Überwachungskameras. Warum?
Zur Sicherheit der Leute, die bei uns verkehren. Wir leben in einer schwierigen und dummen Zeit. Man weiss nie, wer in welcher Absicht kommt. Falls etwas passiert, haben wir wenigstens etwas in der Hand. Man hört aus Deutschland und Schweden von Übergriffen. Sogar in der Schweiz, in Flums, gab es einen.

Was lösten die Terrorakte letzte Woche in Frankreich in Ihnen aus?
Unglaube, dass so etwas möglich ist. Dass Muslime auf diese Art Terror machen. Das war ein Schock. Ist denen überhaupt klar, was sie tun, fragten wir uns in Schlieren. Sofort war uns klar, dass diese Vorfälle für alle Muslime negative Folgen haben. Solche Taten verleihen den Rechtspopulisten Aufwind.

Welche Koranstelle würden Sie als Geistlicher Terroristen wie denen in Paris entgegenhalten?
Es gibt viele gute Stellen. Schön und berühmt ist natürlich die: «Wenn jemand einen unschuldigen Menschen tötet, tötet er die ganze Menschheit. Wenn jemand einen unschuldigen Menschen rettet, rettet er die ganze Menschheit.» Der Koran hat durchaus ein Bewusstsein dafür, dass es verschiedene Rassen, Kulturen, Völker gibt. Und verschiedene Religionen. Ich würde die Gewalttäter auch fragen: Unter welchen Umständen ist es im Islam erlaubt, dass man selber Justiz betreibt? Unter keinen Umständen!

Wer darf richten?
Aus theologischer Sicht ist es Gott. Im Alltag, auf Erden anerkennt der Islam auch den Staat und sein Rechtswesen. Sicher dürfen sich nicht Einzelne Gewalt anmassen. Ihre Stimme klingt, als seien sie in einem wütendem Dialog mit den Terroristen. Ich frage mich aber, ob man mit solchen Leuten überhaupt vernünftig reden kann. Sie verhalten sich total irrational.

Bleibt einer, der etwas derart Schreckliches tut, Muslim?
Ob jemand Muslim ist oder nicht, darf kein anderer Muslim entscheiden. Das ist Gottes Sache. Unsere Pflicht im Islam ist es, dass wir jeden anerkennen, der sich Muslim nennt. Aber dass die Taten von Paris unislamisch sind, das darf auch jeder von uns sagen.

«Kämpft gegen die Ungläubigen und tötet sie» kommt im Koran oft als Motiv. Wie erklären Sie das?
Wir Imame setzen uns mit diesen Stellen nicht gross auseinander. Wir sehen keinen Sinn, uns mit Stellen zu befassen, die sich auf die Zeit beziehen, als der Prophet Mohammed in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt war.

Ist es nicht ein Fehler, solche Sätze zu ignorieren?
Darin liegt wirklich eine Gefahr. Und tatsächlich können solche Stellen, ausserhalb ihres Zusammenhangs betrachtet, Angst machen. Für mich sind es Stellen, die ich ruhen lasse.

Der Kabarettist Andreas Thiel beschrieb in der «Weltwoche» den Koran als finsteres Buch.
Ich fragte mich beim Lesen: Was tut er? Was ist sein Ziel? Auf derart simple Art unser heiliges Buch abzuwerten – da stimmt etwas nicht. Thiels Sätze haben eine zu einfache Botschaft für ein so komplexes Buch!

Aber jeder darf den Koran doch lesen und sich eine Meinung bilden?
Klar. Doch auch ich als Theologe brauche flankierende Literatur, die mir beim Verstehen hilft. Der Koran ist ungeheuer vielfältig. Er spricht über das All, die Natur, den Menschen und sein Wesen. Und es gibt Geschichten über die früheren Propheten vor Mohammed.

Thiel sieht bloss böse Sätze.
Der Koran ist nicht einfach. Auch wenn mir ein Muslim sagt, er lese den Koran, habe ich einen Vorbehalt. Ich werde ihm nicht die Lektüre verbieten, frage aber diplomatisch: «Benutzt du Hilfsliteratur?» Ohne sie ist es hoffnungslos. Der einfache Mensch versteht vielleicht 20 Stellen aus dem Koran. Oder weniger.

Was ist Ihre Lieblingsstelle?
In der Sura «Luqman», dem 31. Kapitel, steht: «O mein lieber Sohn, verrichte das Gebet, gebiete das Rechte und verbiete das Verwerfliche und ertrage standhaft, was dich trifft.»

Lesen Sie oft im Koran?
Täglich. Manche Stellen lese ich, um sie nicht zu vergessen, ich will sie als Imam im Gebet benutzen. Und ich lerne neue Stellen auswendig. Dafür bekommt ein Muslim gemäss Mohammed Wohltaten von Gott. Daneben gibt es das intellek­tuelle Koranlesen mit Kommentarbüchern. Ich muss ja auch meine Freitagspredigt vorbereiten. Und Kurse für Erwachsene. Das ist mein Beruf.

Sind bei Ihnen im Zentrum schon Extremisten aufgetaucht? Fremde?
Nein. Man kennt sich halt.

Kennen Sie muslimische Eltern, die Angst haben, ihr Kind könnte unter extremen Einfluss geraten.
Das habe ich nie gehört.

Und doch gibt es Moscheen in der Schweiz, wo Radikalismus gedeiht.
Nicht bei den strukturierten Vereinen, die einem Dachverband angehören. Sondern bei Moscheen mit gemischtem Volk, die keinem Verband angehören.

Bei den Wildwuchs-Moscheen?
Ja. Es gibt Islamvereine, die nirgendwo angegliedert sind. Verbandsstrukturen sind eine Versicherung, sie stabilisieren und schützen ein bestimmtes Gedankengut. Sie sind eine Garantie, dass die Ideen vernünftig bleiben.

Vielleicht läuft die Radikalisierung abseits Ihrer Moschee im Internet.
Ich glaube, über 90 Prozent der Radikalisierung passieren dort. Im Vergleich dazu sind die zwielichtigsten Moscheen relativ problemlos. Als ich mich im Internet über radikale Prediger informierte, entdeckte ich Leute, die unglaublich einfache Weltbilder zeichnen. Es sind Schwarzweissbotschaften.

In Freiburg gibt es bald ein staatlich reguliertes Islam-Bildungsangebot an der Uni. Wieso ist das wichtig?
Geistliche, Pädagogen, Sozialarbeiter, die hier ausgebildet werden, sind mit dieser Gesellschaft stärker verknüpft. Sie verstehen sie, statt sie abzulehnen.

Nimmt die Islamfeindlichkeit zu?
Die Leute verbinden mit dem Islam erstaunlich viel Schlechtes. Ich verstehe bei der Zahl der Muslime im Land, dass man sich mit dem Islam beschäftigt. Wie man es macht, verstehe ich nicht. Studien zeigen, dass es in der Schweiz keine speziellen Islamprobleme gibt.

Wirklich? Was ist, wenn Mädchen nicht ins Schulschwimmen dürfen?
Das sind kleine Dinge. Verglichen mit dem Rest der Welt müssen wir doch einfach sagen, dass wir in der Schweiz in einer Art Paradies leben. Das Leben funktioniert, der Alltag funktioniert. Was macht manche Menschen nur so düster?

In Deutschland demonstriert Pegida neuerdings gegen den Islam.
Da sagt ein Taxichauffeur aus Nürnberg, viele seiner Kollegen seien Muslime. Es seien gute Leute, doch wisse er nie, ob sie nicht doch Terroristen seien. So ein Statement macht mich als Muslim unsicher. Denkt mein Nachbar: Halilovic ist nett, aber wer weiss, vielleicht kommt er eines Tages mit der Kalaschnikow und mit Bomben. Woher das Misstrauen? Wir Muslime sind normale Menschen.

Wie gefährlich ist Pegida?
Sehr gefährlich. Und zwar für die ganze Gesellschaft. In den 1930er-Jahren brannten in Deutschland die Synagogen. Dann brannte Europa. Mindestens 50 Millionen Menschen starben im Zweiten Weltkrieg. Alle waren Opfer. Wenn ich sehe, wie sich heute Demonstrationen und ­Gegendemonstrationen hochschaukeln, denke ich: Die Gewinner sind die Terroristen. Und die Rechtspopulisten.

Was ist das grösste Problem der Muslime in Schlieren? Das Schulsystem funktioniert, es gibt wenig Arbeitslosigkeit, wir haben Wohlstand, Freiheit, Menschenrechte, eine offene Gesellschaft. Ich bin kein Schönredner, wenn ich sage: Es geht uns gut.

Und all die Ressentiments? Wir leben in einer globalisierten Welt. Europa schaut auf Afghanistan, den Irak, die arabische Welt – und es bestraft die Muslime hier für die Missstände dort. Als ob wir die fünfte Kolonne des Islam wären und heimlich Saudiarabiens System oder die Taliban unterstützten. Unser Einfluss auf die Taliban beträgt unter null Prozent. Was können wir in Schlieren bitte für den Bürgerkrieg in Syrien? (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.01.2015, 06:53 Uhr

Von Bosnien ins Limmattal

Sakib Halilovic (49) ist Imam, geistlicher Leiter, des islamisch-bosnischen Zentrums in Schlieren. Er wurde in Bosnien geboren und ausgebildet, studierte später auch in der Schweiz und ist längst Schweizer. Halilovic sitzt in der Arbeitsgruppe, die ein Islam-Bildungsangebot für Religionsgelehrte und -pädagogen an der Uni Freiburg anstrebt. Er ist verheiratet und hat fünf Kinder. (tow)

Artikel zum Thema

«Gewalt hat etwas Lustvolles»

Interview Der Zürcher Psychoanalytiker Peter Passett sagt, dass gewisse Religionen und Ideologien zum Ausbruch aus der Friedfertigkeit einladen. Mehr...

«Ich zeichnete weinend die Titelseite»

Die überlebenden Karikaturisten erzählten heute, wie die erste «Charlie»-Ausgabe nach dem Attentat zustande kam. Mittlerweile ist bekannt, dass das Waffenarsenal der Terrorbrüder nicht aus Frankreich kam. Mehr...

Geheimdienst hat Attentäter vom Radar genommen

Der französische Geheimdienst hat die Pariser Terroristen überwacht, abgehört, observiert – und laufen gelassen. Ein Bericht zeigt auf, wie das passieren konnte. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Blogs

Mamablog Bye, mein Grosser

Sweet Home Die schönste Rückendeckung

Newsletter

Kurz, bündig, übersichtlich

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Auch ein Rücken kann entzücken: Ein Elefant zeigt sich im Joburg Zoo in Johannesburg nicht gerade von der besten Seite (18. August 2017).
(Bild: Kim Ludbrook) Mehr...