Dating-App Tinder lanciert interaktive Serie «Swipe Night»

In den USA kann man nun neben potenziellen Dates auch zwischen Weltuntergangsszenarien entscheiden. Dies soll als Eisbrecher dienen.

Soll man die Frau oder den Hund retten? «Swipe Night» überlässt dem Tinder-Nutzer die Entscheidung. Foto: Tinder

Soll man die Frau oder den Hund retten? «Swipe Night» überlässt dem Tinder-Nutzer die Entscheidung. Foto: Tinder

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Und dann musst du dich innerhalb von nur sieben Sekunden entscheiden, ob du während der Apokalypse eine junge Frau oder doch lieber einen Hund retten willst. Ein Komet stürzt auf die Erde, das Telefon brummt permanent, ein Kumpel betrügt seine Freundin auf der Toilette, und am Ende läufst du vor einem grimmigen Schlägertypen davon und hüpfst in das dreckige Auto einer Rapperin. Hund und Frau sind da längst wieder weg.

Klingt völlig durchgeknallt? Genau so soll es auch sein – auf Tinder. Das Dating-Portal hat in den USA ein interaktives Video in seiner App, es heisst «Swipe Night». Tinder ist mit dem Wischen nach links oder rechts, mit dem sich mögliche Partner basierend auf Fotos oder Videos auswählen lassen, berühmt und auch berüchtigt geworden. In «Swipe Night» trifft der Nutzer nun durch eben dieses Wischen an dramaturgisch wichtigen Gabelungen jeweils eine Entscheidung. Das kann banal sein, wie zum Beispiel, ob man das Outfit einer Freundin begeistert oder angewidert kommentiert. Und es kann um das moralische Dilemma gehen, den untreuen Kumpel zu verpfeifen oder nicht.

Ein Projekt für die Generation Z

Es ist ein Projekt für die sogenannte Generation Z, Leute im Alter von 18 bis 25 Jahren, die derzeit ungefähr die Hälfte aller Tinder-Nutzer ausmachen. Mit einer traditionellen TV-Serie hat «Swipe Night» so viel gemein, wie wenn man die Handlung des Romans «Grosse Erwartungen» von Charles Dickens mit ein paar Einträgen auf dem sozialen Netzwerk Twitter erzählen würde. Es geht um junge Leute, die vom Ende der Welt erfahren und die nächsten Stunden irgendwie überleben müssen. Zwischen den Entscheidungen gibt es ultraschnell geschnittene Videos und digitale Elemente wie SMS, Notfall-Benachrichtigungen und Video-Chat. Tinder hat die erste von vier Folgen in den USA letzten Sonntag um 18 Uhr freigeschaltet, der Haupt-«Swipe»-Zeit des Portals, um Mitternacht war sie wieder verschwunden.

Aber ist Z nicht jene Generation, die sich nicht mehr vorschreiben lässt, wann und wie sie Filme und Serien gucken soll? So richtig das ist: Diese Generation fürchtet eben auch kaum etwas mehr, als dass sie etwas verpassen könnte. Genau damit spielt dieses Projekt. Es ist gemeinsames Erleben, fünf Minuten lang, und danach können die Nutzer auf sozialen Netzwerken mitteilen, wofür sie sich jeweils entschieden haben. Auch das ist ja eine Eigenschaft dieser Generation: Sie spricht unfassbar gerne über sich selbst.

Protagonist ist immer der Tinder-Nutzer selbst

Das Konzept ist nicht revolutionär, viele Autoren experimentieren mit Erzählformen, die Science-Fiction-Anthologie «Black Mirror» hat gerade mit der interaktiven Folge «Bandersnatch» den Emmy für den besten TV-Film gewonnen – und doch ist faszinierend, was da während des Ansehens (oder besser: Erlebens) passiert.

Gewöhnlich ist der Protagonist gegeben, bei Bandersnatch etwa ist es ein junger männlicher Programmierer. Bei «Swipe Night» hingegen ist die Hauptperson der Tinder-Nutzer, das kann ein 35 Jahre alter bisexueller Mann sein oder eine junge heterosexuelle Frau. Es ist völlig egal, die Geschichte funktioniert trotzdem. Das ist das Verdienst der 23 Jahre alten Regisseurin Karena Evans, die kürzlich bei den BET Awards als «Video Director of the Year» ausgezeichnet wurde. Derzeit ist das popkulturelle Event auf die USA beschränkt, Tinder will jedoch bald in andere Länder expandieren.

«Wir haben festgestellt, dass Leute nach dem Kennenlernen bisweilen Probleme haben, Gesprächsthemen zu finden. Das wollen wir mit diesem Projekt ändern.»Tinder-Chef Elie Seidman

«Wir haben das Kennenlernen von Menschen revolutioniert», sagt Tinder-Chef Elie Seidman bei der Premiere in der Firmenzentrale auf dem Sunset Boulevard in Los Angeles: «Wir haben festgestellt, dass Leute nach dem Kennenlernen bisweilen Probleme haben, Gesprächsthemen zu finden. Das wollen wir mit diesem Projekt ändern.»

Die Leute wischen ordentlich, jeden Tag gibt es weltweit 26 Millionen sogenannter Matches, aber dann reden sie offenbar nicht miteinander. Tinder will nicht verraten, wie viele Nutzer nach dem Verbinden keine Konversation starten – was für eine Firma, die doch recht viele Daten über das Verhalten der Kunden sammelt, eher kein gutes Zeichen ist.

Entscheidungen sollen als Eisbrecher dienen

Nun sollen sie sich also darüber unterhalten, ob sie ins dreckige Auto gestiegen oder doch lieber zurück zum Haus der Freundin gerannt sind. Sie haben gemeinsam etwas erlebt am Sonntagabend, und dennoch ist jeder die Hauptperson seiner Geschichte. Die Entscheidungen werden im Profil gespeichert und sollen als Eisbrecher für Konversationen mit neuen Freunden dienen. Der Algorithmus verbindet während der «Swipe Night» Nutzer, die gleiche Entscheidungen getroffen haben. Es scheint zu funktionieren, das Projekt war zum Start eines der meistdebattierten Themen bei Twitter.

Tinder hilft den Leuten seit ein paar Jahren dabei, einander attraktiv zu finden und jemanden kennen zu lernen, der einen auch attraktiv und interessant findet. Nun gibt es Nutzern, die einander attraktiv finden, ein paar Gesprächsthemen vor, damit sie sich weiterhin interessant finden. Wenn das so weitergeht, dann wird Tinder den Menschen irgendwann zeigen müssen, wie das mit dem Fortpflanzen funktioniert.

Erstellt: 13.10.2019, 18:13 Uhr

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