Dating-Tipps vom Tinder-Chef

Elie Seidman erklärt, mit welchem Foto man möglichst viele Menschen kennenlernt und worum es beim ersten Treffen letztlich geht.

«Dating-Apps haben all die klassischen Varianten abgehängt», sagt Tinder-Chef Elie Seidman. Seine Ehefrau hat er aber ganz klassisch kennengelernt – über einen gemeinsamen Freund. Foto: Getty

«Dating-Apps haben all die klassischen Varianten abgehängt», sagt Tinder-Chef Elie Seidman. Seine Ehefrau hat er aber ganz klassisch kennengelernt – über einen gemeinsamen Freund. Foto: Getty

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nach ein paar Minuten unterbricht Elie Seidman das Gespräch, das Telefon klingelt. «Das ist meine Frau», sagt der Geschäftsführer des Kennenlern-Portals Tinder in seinem Büro am Sunset Boulevard in West Hollywood. Er blickt auf den Bildschirm seines Telefons, dann legt er es weg.

Seidman kann hinüber sehen zu jenen legendären Kneipen, die im vergangenen Jahrtausend nicht nur Brutstätten für so ziemlich jede amerikanische Rockband gewesen sind, sondern eben auch Orte der Begegnung, und, ja, auch der oftmals hemmungslosen Hingabe. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Tinder seinen Firmensitz ausgerechnet hier hat – Dating-Apps haben Bars und Arbeitsplatz als wichtigsten Kennenlern-Ort abgehängt. Tinder ist die derzeit erfolgreichste dieser Apps.

Mister Seidman, wie haben Sie eigentlich Ihre Frau kennengelernt?
Ganz klassisch, über einen gemeinsamen Freund, und er hat dabei so getan, als würde es dabei noch nicht einmal um ein Date gehen. Er hat damals in eine Firma investiert, für die ich gearbeitet habe, und er hat mir gesagt: «Du solltest diese Frau treffen und mit ihr ins Geschäft kommen.» Ich habe mir das angesehen und relativ schnell bemerkt, dass es da überhaupt kein Geschäft gibt – da ist mir ein Licht aufgegangen.

Sie haben vor Ihrer Zeit bei Tinder beim Datingportal Okcupid gearbeitet. Was fasziniert Sie an dieser Branche?
Es ist wahrlich nicht neu, dass Technologie den Menschen hilft, einander kennenzulernen – genau deshalb wurde das Internet doch erfunden. Denken Sie mal darüber nach, welche Leute die Menschen vor, sagen wir, 200 Jahren getroffen haben: die Mitbewohner im Dorf, vielleicht noch die Einwohner in den umliegenden Orten, das war es dann meist schon. Dann gab es Erfindungen wie Auto oder Flugzeug, die Distanzen verkleinert haben, danach das Internet, und vor zehn Jahren begann diese gesellschaftliche Revolution, in der wir uns gerade befinden.

«Es geht um eine Verbindung mit einer anderen Person»: Tinder hat als Kennenlern-Plattform für Studenten begonnen. Bild: iStock

Es gilt nicht mehr als Stigma, wenn jemand sagt, seinen Partner auf einem Datingportal kennengelernt zu haben.
Im Jahr 2010 haben die Leute keine Apps verwendet, um andere Leute kennenzulernen. Es gab soziale Netzwerke, die Prognose damals war, dass es einen Sieger geben würde, den dann alle nutzen werden: Facebook. Das hat sich gewandelt, und das wird einem bewusst, wenn man sich mit den sogenannten Digital Natives unterhält ...

... jenen Menschen, die in eine digitalisierte Welt geboren wurden.
Diese Generation ist die erste in der Geschichte, die mit digitalen Werkzeugen aufgewachsen ist. Sie kennt nichts anderes, und sie verhält sich überhaupt nicht so, wie das vor zehn Jahren prognostiziert worden ist. Es gibt nun viele verschiedene Plattformen, zwischen denen junge Menschen agil und selbstverständlich wechseln. Ich habe mir nach meinem Studienabschluss vor 22 Jahren zusätzlich zum Mobiltelefon einen dieser digitalen Assistenten gekauft. Es war damals ungewöhnlich, so ein Gerät in der Öffentlichkeit zu benutzen, es war sogar verpönt! Schauen Sie sich heute mal um: Wer würde sagen, dass ein Smartphone ungewöhnlich ist?

Niemand – Sie haben gerade mal schnell mit Ihrer Frau kommuniziert ...
Es gibt diesen Megatrend, dass die Kommunikation junger Leute vor allem digital stattfindet. Ich erzähle Ihnen mal eine Geschichte.

Nur zu.
Wir haben kürzlich eine Studie in Auftrag gegeben, eine der Fragen lautete: «Wie würden Sie Ihre Erfahrungen im digitalen Raum mit denen im wirklichen Leben vergleichen?» Eine der Antworten: «Warum redet ihr dauernd vom digitalen und wirklichen Leben? Das digitale ist mein wirkliches Leben!» Die Definition, was das wirkliche Leben sein soll, verschiebt sich gerade.

Das kann den Aufbau intensiver Beziehungen aber erschweren ...
Es heisst, dass junge Leute immer einsamer werden – dabei verändert sich eher das, was Leute unter den Begriffen «Zusammenleben» und «Interaktion» verstehen. Für mich, ich bin 44 Jahre alt, kann das bedeuten, dass ich mit meinem Nachbarn über den Gartenzaun hinweg rede oder einen Freund anrufe. Für jemanden, der zwischen 18 und 25 Jahre alt ist, kann es eine Textnachricht oder ein Eintrag bei einem sozialen Netzwerk sein. Für meine beiden Söhne, die fünf und sieben Jahre alt sind, wird es dereinst etwas völlig anderes bedeuten. Die Antwort ist also nicht so einfach. Es kommt darauf an, was der Einzelne unter den Begriffen «Beziehung», «Zusammenleben» und «Interaktion» versteht.

«Es gibt Leute, die lernen sich auf unserem Portal kennen, ohne sich jemals in der wirklichen Welt zu treffen.»

Damit sich die Menschheit fortpflanzen kann, müssen die Leute sich dann schon noch begegnen, im, nun ja, wahren Leben.
Genau so hat Tinder begonnen: als Plattform für Studenten an amerikanischen Universitäten, um das Kennenlernen zu erleichtern und Treffen zu organisieren. Von dort aus ist es, ohne dass wir das gross vermarkten mussten, organisch gewachsen: nach New York und Los Angeles, von dort aus nach Europa und Asien und auch von Studenten zu jungen Berufstätigen und nun Leuten, die älter sind als 30 Jahre. Es geht bei dieser Reise nicht mehr unbedingt um das Ziel, sondern um Erlebnisse auf dem Weg. Es gibt Leute, die lernen sich auf unserem Portal kennen, sie unterhalten sich, ohne sich jemals in der sogenannten wirklichen Welt zu treffen. Es ist für uns wichtig, dass wir uns da nicht einmischen – wir sind nur das Portal, um Leute miteinander bekannt zu machen.

Wonach suchen die Leute?
Der Grossteil der Tinder-Nutzer ist zwischen 18 und 25 Jahre alt – für die liegt so was wie Ehe meistens noch ein Jahrzehnt in der Zukunft. Statistisch betrachtet heiraten die Leute heutzutage mit Ende 20, manchmal mit Ende 30, je nachdem, wo sie leben. Das ist schon mal eine riesige gesellschaftliche Veränderung: Vor 50 Jahren haben die Leute mit Anfang 20 geheiratet. Dieser Wandel bedeutet, dass für die meisten unserer Kunden die Reise noch zehn Jahre dauert. Wir vergessen aufgrund der Konzentration auf das Ziel oftmals die Reise selbst. Auf dieser Reise lernt der Mensch sich selbst und auch die Welt kennen.

Tinder ist nicht mehr das einzige Kennenlern-Portal.
Das gehört dazu, für jedes Unternehmen. Meine Strategie ist es, die Konkurrenz zu ignorieren.

Wie bitte?
Wer sich um Konkurrenten sorgt, der tendiert dazu, sie nachzumachen. Die Herausforderung in unserer Branche ist aber nicht die Konkurrenz, sondern vielmehr stets zu wissen, was Leute im Alter von 18 bis 25 Jahren beschäftigt. Wir analysieren, was die «Generation Z» haben will. Wir sind kopiert worden, tausendfach. Niemand kann jedoch nachmachen, was wir in zwei Jahren tun werden – weil es ausser uns niemand weiss.

Sie werden das hier auch nicht verraten?
(lacht) Nein, leider nicht.

«Es ist ein feiner Unterschied: Zwinge ich jemanden, mich zu mögen – oder biete ich ihm einen Aspekt von mir an?»

Sie analysieren, was die «Generation Z» haben will. Was muss ich tun, um auf Tinder möglichst viele Menschen kennenzulernen?
Ich glaube, dass Sie die Antwort kennen, wenn Sie sich auf sozialen Netzwerken bewegen. Ein Passbild wird nicht für Aufregung sorgen, weil es, nun ja, eher langweilig daherkommt.

Viele zeigen spektakuläre Bilder von sich – das übliche Balzverhalten?
Die wichtigeren Fragen sind: Sagt ein Foto etwas über mich aus? Gibt es an diesem Foto etwas, das mir und anderen gefallen könnte? Kann man über dieses Foto reden? Es ist ein kleiner, aber feiner Unterschied: Zwinge ich jemanden, mich zu mögen – oder biete ich ihm einen Aspekt von mir an? Der Urgedanke von Tinder ist doch das Gefallen ...

Und das schöne Gefühl zu erfahren, dass andere einen über ein Nach-rechts-Wischen für attraktiv halten.
Es geht darum, gemocht und geschätzt zu werden. Das ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Ich will das wieder historisch einordnen: Wer 1980 als 22-Jähriger in einer Kleinstadt gelebt hat, der hat womöglich nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen – wenn überhaupt.

Es gab nur diese eine Bar in der Stadt ...
Und in die musste man sich erst einmal trauen. Nicht jeder ist mit Selbstvertrauen gesegnet, es gibt Leute, die mögen keine Bars oder Nachtclubs. Für die war es nicht nur unglaublich schwer, jemanden kennenzulernen – es war noch viel schwerer, sich geschätzt zu fühlen, Anerkennung zu erfahren. Das ist einer der Gründe, warum es Tinder überhaupt gibt: Die Leute haben gesehen, wie schwer es ist, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, und sie haben eine Lösung dafür gefunden.

Ist das heute wirklich einfacher?
Ich denke schon, und das ist positiv. Wenn die Leute in 30 Jahren zurückblicken werden, dann dürften sie über die heutige Zeit grösstenteils positiv reden. Es hat sich was verändert, auf einer tiefen menschlichen Ebene.

Sie müssen das sagen, Sie leiten einen digitalen Konzern.
Ich sehe es aber wirklich positiv. Die Leute sind nicht mehr beschränkt, die ganze Welt ist ihr Dorf – und das wissen sie. Sie lernen Menschen aus anderen Ländern kennen, sie werden mit anderen Kulturen, mit anderen Denkweisen konfrontiert. Das ist doch durchweg positiv.

«Es geht nicht nur um den ersten Eindruck, sondern darum: Worüber werden wir reden?»

Auf dem Portal Hotornot, auf dem vor ein paar Jahren die Attraktivität von Menschen bewertet werden konnte, bekamen Frauen deutlich bessere Bewertungen, wenn sie leichter bekleidet waren.
Das mag schon sein, letztlich geht es jedoch um eine Verbindung mit einer anderen Person. Es geht nicht nur um den ersten Eindruck, sondern darum: Worüber werden wir reden? Das ist nicht anders als beim Kennenlernen in einer Bar vor 40 Jahren. Ich finde eine Person auf den ersten Blick interessant, bemerke aber nach fünf Minuten, dass es keine Gemeinsamkeiten gibt oder dass die Chemie nicht stimmt. So läuft das auch bei uns.

Das bedeutet?
Ich kann doch auch in einer Bar nicht erwarten, dass es beim ersten Menschen, den ich dort kennenlerne, sofort funkt und es eine Verbindung fürs Leben wird. Der Unterschied ist nicht so gross, wie manchmal getan wird: Es geht um das Bedürfnis, andere Leute kennenzulernen. Wir liefern letztlich das Werkzeug für den gesellschaftlichen Wandel, der längst vollzogen ist.

Elie Seidman, 44, ist seit 2017 Chef von Tinder, davor hat er für Finanzinvestoren gearbeitet und selbst Unternehmen errichtet. Tinder wurde 2014 gegründet und ist in 190 Ländern aktiv.

Erstellt: 03.10.2019, 15:56 Uhr

Artikel zum Thema

«Die Verlierer sind die Durchschnittsmänner»

Attraktive Menschen nur einen Wisch entfernt: Online-Dating verschiebe die Messlatte nach oben, sagt Single-Coach Eric Hegmann. Mehr...

An diesen Orten lernen sich Paare kennen

Michèle & Friends Fünf Beispiele fruchtbarer Begegnung – für alle Skeptiker von Onlinedating. Zum Blog

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Fast wie auf der Titanic: Ein Liebespaar betrachtet die untergehende Sonne im untergehenden Venedig (17. November 2019).
(Bild: Luca Bruno) Mehr...