Den Irrsinn umarmt

Klettern, Basejumpen, ungesichert auf dem Hochseil: Dean Potter trieb das Risiko auf die Spitze wie kein anderer. Jetzt ist sein grösster Albtraum wahr geworden. Er starb beim Fliegen.

Gassi klettern mit Whisper: Wenn Potters Hündin mitwollte, packte er sie in einen Rucksack – und sprang mit ihr sogar vom Eiger. Foto: Adidas, Keystone

Gassi klettern mit Whisper: Wenn Potters Hündin mitwollte, packte er sie in einen Rucksack – und sprang mit ihr sogar vom Eiger. Foto: Adidas, Keystone

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Wenn Dean Potter im Lauterbrunnental «seinen Körper ausflog» und vogelähnlich durch die Luft zischte, bedeutete das für ihn «Freiheit». Bei seinen lebensgefährlichen Free-Solo-Klettereien erreichte er «einen Zustand höchster Emotionen». Balancierte er ohne jegliche Sicherung auf einem Hochseil über Schluchten, unter ihm Hunderte Meter Abgrund, empfand er das als «unglaublich furchterregend. Etwa das Schrecklichste von all den Dingen, die ich mache.»

Der Amerikaner stand in der Welt des Extremsports über allen anderen. Was er machte, macht kein anderer. Er trieb das Spiel gegen die Schwerkraft auf die Spitze, begab sich in Situationen, wo keine Marge für Fehler mehr existierte. Oder wie er es ausdrückte: «Wenn du es vermasselst, stirbst du.» Für seine Freunde war er ein «Bad Ass», ein Kreativer, der versucht, immer neue Dinge zu tun, ein Pionier. Seine Fans sahen ihn als «Superman». Einer, der das Hochrisiko im Griff hat. Dean Potter umgab eine Aura der Unsterblichkeit. Nach seinen Grenzgängen wunderte er sich oft selber: «Yo, cool, ich bin nicht gestorben!»

Nicht selten hatte Dean Potter einfach nur Glück. Als er mit dem Flügelanzug einen Rekord-Basejump vom Eiger ausprobierte, zog er den Fallschirm so knapp über dem Boden, dass er unkontrolliert in die Bäume schoss. «Ich blieb unversehrt, aber das war knapp», sagte er danach. In Mexiko schlug er nach einem Sprung von einem Felsen praktisch ungebremst auf dem Boden auf. «Nach diesem Nahtoderlebnis litt ich zwei Jahre an einem posttraumatischen Stresssyndrom und einer Depression.» Darauf zog er sich zurück, hinterfragte seine Methoden und erfand Free Base, eine Disziplin, die ihm ungefährlicher schien: Beim ungesicherten Soloklettern trug er nun einen Rucksack mit Fallschirm am Rücken, den er bei Stürzen zog. Das Konzept klang überzeugend, blieb aber Hochrisiko. Auch wenn er die Technik unzählige Male übte. Kletterte, stürzte, kletterte, stürzte. Es endete immer gut. Doch stand er fürchterliche Ängste aus.

Solo-Klettern mit Fallschirm: Dean Potter hats erfunden. Video: Outside Television (Youtube)

Die Angst zu sterben, war in Potters Universum zentral. Sie war sogar einer der Gründe für seine Grenzgänge. Seit seiner frühen Kindheit verfolgte ihn ein Traum, der im Albtraum endete: An seinen Armen waren Federn gewachsen, er konnte fliegen wie ein Vogel. Am Ende stürzte er zu Tode – jedes Mal von neuem. Diese Vorstellung liess ihn nicht los, er konnte ihr nicht entfliehen. Irgendwann beschloss er, sich seiner Furcht zu stellen, und erklärte sie zu seinem Lebensinhalt: «Ich will die Angst nicht besiegen, ich will sie zulassen», betonte er. Situationen, wo «stürzen sterben bedeutete», waren seine Form von Seelenreinigung, die ihn in «Harmonie mit dem Universum» brachte. «Wenn ich loslasse, öffnet sich mir eine neue Welt.»

Noch wichtiger als körperliches Training war ihm die mentale Stärke. Wochenlang sass Potter vor seiner kleinen Hütte im Yosemite-Nationalpark an der frischen Luft im Schneidersitz, meditierte und machte Atemübungen. Seine spirituelle Seite habe er von der Mutter geerbt, einer Yogalehrerin, sagte er. Die rationale von seinem verstorbenen Vater, einem Armeeangestellten.

Die meditative Blase

Manche sagen, Potter habe über eine «übernatürliche Fähigkeit» verfügt, sich auf seine Projekte zu fokussieren. Wie er das machte, zeigt etwa das Beispiel von Deep Blue Sea am Genferpfeiler in der Eigernordwand: Die 320 Meter hohe Sportkletterroute (Schwierigkeitsgrad 7b+) ist stark ausgesetzt und bleibt auch mit Seil nur psychisch stabilen Gemütern vorbehalten. 2007 durchstieg er sie gesichert mit seinem Freund Beat Kammerlander, ebenfalls ein Free-Solo-Kletterer. 2008 nahm sich Potter dann vor, Deep Blue Sea mit seinem Free-Base-Konzept zu klettern: allein, ungesichert und mit Notfallschirm auf dem Rücken. «Ich wollte den Grenzen des menschlichen Körpers entfliehen, aber ich wollte danach noch leben.»

Eineinhalb Monate biwakierte er vorher allein in der Wand unter einem Felsvorsprung. Es regnete fast die ganze Zeit. Nur an drei Tagen erlaubte ihm das Wetter, in die Wand einzusteigen und die Kletterzüge auszutesten. Das machte er allein, mit Seil und Selbstsicherung. An den restlichen Tagen sass er nur da, machte Yoga und meditierte. In Gedanken ging er die winzigen Griffe durch, immer und immer wieder, sah sich in der riesigen, überhängenden Felswand. «Manchmal schlief ich 16 Stunden am Stück und träumte davon, wie wir als Kinder vor dem Fernseher sassen und ‹Tarzan› schauten.»

Dean Potter über Sprünge vom Pilz am Eiger-Westgrat. Video: Piotr Wojnowski (Youtube)

Nach sechs Wochen befand er sich «in einer meditativen Blase», wachte gar nicht mehr richtig auf. «Im Halbschlaf träumte ich, wie ich im Freifall gegen den Boden sauste. Kaboom. Der Aufschlag ging mir durch Mark und Bein. Ich konnte mich nicht bewegen.» Am nächsten Tag hellte der Himmel auf, und der grosse Moment stand bevor. Potters Magen rebellierte. «Etwas schien nicht richtig.» Er wiederholte den Yoga-Sonnengruss wieder und wieder, um die Angst unter Kontrolle zu bringen. Dann streifte er seinen Basejump-Anzug über und wollte in die Route einsteigen. «In diesem Moment merkte ich, dass es genau dieser Anzug war, der hier nicht richtig war.» Er behinderte ihn beim Klettern. «Als ich das realisierte, wurde ich ganz ruhig.» Er zog sich bis auf die Surfer-Shorts aus, hängte sich den Fallschirmrucksack über den nackten Rücken. Sein Körper war ausgemergelt, er hatte in zwei Monaten acht Kilo abgenommen, «um das Gewicht des Rucksacks» zu kompensieren.

Er atmete noch einmal tief durch, aus dem Tal hörte er Kuhglocken. «Ich wusste, jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, den Irrsinn zu umarmen.» Während der Kletterei sei er an seine mentale Grenze gekommen, aber er habe sich «auf der sicheren Seite» gefühlt. «Rational konnte ich das nicht verstehen.» Als er den Ausstieg von Deep Blue Sea erreichte, schrie er: «Ich bin in Sicherheit! In Sicherheit!» Er stieg barfuss über die Eiger-Westflanke ab, zurück in sein Biwak unter dem Felsvorsprung – und fiel in einen langen, tiefen Schlaf.

Der Traum vom Fliegen

Seine Mutter konnte nie verstehen, wie sich jemand wiederholt in solche Gefahren begibt: «Am Anfang dachte ich, es sei nur eine Phase, die Dean durchmacht», sagte sie. Aber es war keine Phase. In den 90er-Jahren gehörte er zu einer Generation Kletterer, die für ihre Leidenschaft alles aufgaben: Job, Familie, ein anständiges Zuhause. Er lebte wie ein Vagabund in seinem alten VW Jetta, ohne feste Adresse. Das erste Mal erregte er Aufsehen, als er im Yosemite-Tal den Half Dome im Speedtempo solo durchstieg. Es folgten Speedrekorde am El Capitan und Solotouren am Cerro Torre und Fitzroy in Patagonien. Er lernte, über eine Slackline zu balancieren, die zwischen zwei Bäumen gespannt war. Bald spazierte er ungesichert über Schluchten. Die Liste seiner Rekorde ist lang.

Am meisten fesselte ihn jedoch sein «Traum vom Fliegen». Potter machte es sich zur Lebensaufgabe, die Grenzen des Menschenmöglichen zu entschlüsseln. Er wollte seinen Körper in der Luft agil auf und ab bewegen können – und ohne Fallschirm landen. Wie ein Vogel. «Ich bin nicht der Einzige, der das möchte. Aber ich arbeite am intensivsten daran», sagte er vor drei Jahren. Er war überzeugt, dass er das «Landeproblem» bald lösen würde. Mit seinem neu entwickelten, hochprofessionellen Anzug konnte er bereits so langsam fliegen «wie ein schneller Skifahrer». Wenn seine Hündin Whisper mitwollte, packte er sie in einen speziell angefertigten Rucksack, sprang mit ihr sogar vom Eiger, was ihm von der breiten Öffentlichkeit noch mehr Kritik einbrachte, als all seine anderen «Egotrips».

Hündin Whisper fliegt im Rucksack vom Eiger. Video: Dean Potter (Vimeo)

Dean Potter verbrachte viele Wochen im Lauterbrunnental. Ihn ärgerte, dass es daheim im Yosemite-Nationalpark ein rigoroses Basejump-Verbot gibt. «Es macht mich zu einem Kriminellen», sagte er. «Ich habe dieses Räuber-und-Gendarm-Spiel mit den Rangern satt. Ich will frei sein.» Im Berner Oberland konnte er springen, so viel er wollte. «Manchmal sechsmal pro Tag», so Potter. Ihm gefiel es, im Horner-Pub mit Polizisten, Rettern und Bauern am gleichen Tisch zu sitzen: «Wir konnten koexistieren.»

Jetzt ist Potter tot. Sein letzter Sprung mit dem Flügelanzug war ein «illegaler» im Yosemite Valley. Aus seinem Umkreis kommen Stimmen auf, es sei das Verbot, das seinen grössten Albtraum wahr gemacht habe. Um nicht in den Händen der Polizei zu landen, werde in der Morgen- oder Abenddämmerung geflogen. So sprangen auch Dean Potter (43) und sein Kumpel Graham Hunt (29) am späten Nachmittag des 16. Mai 2015 vom Taft Point, einem 900 Meter hohen Felsvorsprung. Eine Kletterin beobachtete die beiden von weiter oben. Innert weniger Sekunden waren sie mit den Flügelanzügen aus ihrem Blickfeld verschwunden. «Dann hörte ich ein Geräusch und hoffte, es seien die Fallschirme der beiden, die sich geöffnet hatten», sagte sie. Aber es waren nicht die Fallschirme. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.05.2015, 07:28 Uhr

Fliegen statt fallen

«Wenn du es vermasselst, stirbst du»: Potter beim Absprung mit dem Wingsuit am Mount Butte in Kanada. Foto: Deanspotter.com

Er war ein Pionier: Die Nachricht von Dean Potters Tod auf Channel 4 News.

Ein grosser Alpinist

Dean Potter (1972-2015) hatte Charisma, er war ein Mann mit dem gewissen Etwas. Seine Stimme warm und ruhig, der Wortschatz reich und poetisch. 195 Zentimeter gross, dunkles wuscheliges Haar. Die grossen braunen Augen schauten schelmisch wie die eines jungen Hundes. Als er 2011 am International Mountain Summit, dem Bergsteigerkongress in Brixen (I) teilnahm, heftete sich die Autorin zwei Tage an seine Fersen.

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