«Den ersten Sex sehen Jugendliche nicht im Internet»

Für die Kinder- und Jugendpsychiaterin Dagmar Pauli ist Pornografie eine Realität im Leben von heutigen Teenagern. Ein ernsthaftes Problem sei dies aber nur für eine Minderheit der jungen Menschen.

«Internetfilter anzubringen, schützt nicht wirklich», meint die Expertin: Jugendlicher beim Surfen im Netz. Foto: Brian Shumway (Gallery Stock)

«Internetfilter anzubringen, schützt nicht wirklich», meint die Expertin: Jugendlicher beim Surfen im Netz. Foto: Brian Shumway (Gallery Stock)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Pornografie ist überall und gelangt auch auf Smartphones von Kindern und Jugendlichen. Wie gross ist das Problem?
Um einmal die Fakten festzuhalten: Die Studie «EU-Kids Online» mit den Daten von 2013 zeigt, dass 21 Prozent der schweizerischen Jugendlichen zwischen 9 und 16 Jahren im Internet schon auf sexuelle Inhalte gestossen sind. Dabei gibt es die, die solche Bilder aus Neugier gezielt abrufen, und solche, die damit konfrontiert werden, weil etwa ein Pop-up aufgeht oder weil sie nicht geahnt haben, was sich hinter einer Website verbirgt. Ohne Zweifel ist das Handy eine Plattform für eine solche Konfrontation: Rund ein Fünftel der Jungen – und zehnmal weniger Mädchen – sagen, dass sie schon mal einen Porno- oder Brutalofilm via Handy bekommen haben. Die Zürcher Fachstelle für Sexualerziehung hat dazu 2012 die «Lust und Frust»-­Studie vorgelegt; mit dem nicht sehr überraschenden Ergebnis, dass Jungs doppelt so oft Pornobilder oder Pornofilme anschauen wie Mädchen.

Warum ist das nicht überraschend?
Damit sind wir bei der Frage nach den Auswirkungen. Die Mehrheit der Jungs findet weiche Pornografie stimulierend, die Mehrheit der Mädchen hingegen nicht. Auf harte, gewalttätige Pornografie reagieren beide Geschlechter mit Ekel. Und in den allermeisten Fällen bleibt es, auch bei den Jungs, beim ­einmaligen oder zumindest beim nicht häufigen Besuch solcher Sites.

Also alles im grünen Bereich?
Nein, so würde ich das nicht formulieren. Dass Kinder in einem Alter, in dem das weder reifemässig noch juristisch vertretbar ist, pornografischen Abbildungen ausgesetzt werden, ist ein Problem. Aber man darf es nicht dramatisieren. Überhaupt: Die allermeisten Kinder sehen, auch gemäss neueren Umfragen, ihre erste Sexszene nicht auf dem Handy oder am Computer, sondern daheim im Wohnzimmer am Fernsehen. Abgesehen davon darf man sich nichts vormachen: Zu Hause Internetfilter anzubringen, schützt nicht wirklich. Alle schweizerischen Jugendlichen besitzen ein Smartphone, und alle können sich pornografische Bilder anschauen, so sie es wollen. Die meisten wollen aber gar nicht.

Und die, die doch wollen?
Neue Studien haben festgestellt, dass es eine Korrelation ungünstiger Komponenten gibt. Jugendliche – typischerweise männliche Jugendliche –, die regelmässig Pornos konsumieren, nehmen häufiger Drogen als andere und begehen häufiger Delikte. Meine These dazu ist, dass diese Jugendlichen grundsätzlich weniger Halt in ihrem psychosozialen Umfeld finden. Da verbinden sich ein Mangel an Grenzen und Leitplanken, Misserfolge in der Schule und ähnliche Bedingungen zu einer problematischen Gesamtsituation. Es ist die Frage nach Huhn oder Ei. Für mich sind die Pornos nicht die Ursache für Schwierigkeiten, sondern ein Signal. So ein Jugendlicher gehört einer Risikogruppe an, und man sollte sich um ihn besonders kümmern.

Ab wann würden Sie Pornokonsum als besorgniserregend bezeichnen? Gibt es Pornosucht?
Ja, für meine Begriffe gibt es die. Sie liegt dann vor, wenn die Befriedigung hauptsächlich über den Pornokonsum erreicht wird, der täglich oder mehrmals wöchentlich stattfindet. Wenn sich ein Jugendlicher etwa heimlich von einer Party wegschleicht, weil er seinen Porno konsumieren will. Wenn der Konsumwunsch also ihn kontrolliert statt umgekehrt: Dann muss man von Sucht sprechen. Aber dieser Fall ist selten.

Verändern sich durch Pornokonsum denn das Beziehungsverhalten und die eigene Erlebnisfähigkeit beim Sex?
Da bewegen wir uns auf dünnem Eis. So etwas lässt sich nicht hieb- und stichfest beweisen. Was man weiss, ist, dass 10 bis 20 Prozent der Jugendlichen pornografische Darstellungen für wahrheitsgetreue Abbildungen von Sexualität halten; bei dieser Risikogruppe sollte man mit Aufklärung ansetzen. Das bedeutet aber auch: 80 Prozent können differenzieren. Interessanterweise halten Mädchen diese Bilder eher für realistisch als Jungen. Vielleicht, weil sie eher Ungleichwertigkeit erfahren haben? Ich glaube: Wenn zu Hause die Gleichwertigkeit der Geschlechter vorgelebt wird, ein gutes Beziehungsklima herrscht und es Zärtlichkeit gibt, wenn offene Gespräche möglich sind und das Kind erfahren hat, dass Nein sagen möglich und in Ordnung ist, dann fährt es auf Gewaltpornos oder die Erniedrigung von Frauen in Pornos nicht ab. Die wesentlichen Ressourcen für Beziehungsfähigkeit werden im sozialen Umfeld aufgebaut.

Gewaltvideos haben aber auch einen Effekt aufs Verhalten.
Es ist nachgewiesen, dass nach Gewaltvideos das Spielverhalten bei Kindern und Jugendlichen gröber und ruppiger wird. Aber den direkten Link zwischen Video und Realität konnte man auch bei Amokläufern nicht herstellen. Viele spielen, aber würden dies nie in die Tat umsetzen. Das ist wieder die Frage nach Ursache und Wirkung: Wer suchtmässig Egoshooter-Spiele spielt, gehört tendenziell eher zu einer Risikogruppe.

Und wie verändern Pornos die Wahrnehmung des eigenen Körpers?
Das Körperbild, das durch Medien und Werbung vermittelt wird, ist viel dominanter. Und gefährlicher. Dazu gibt es tatsächlich belastbare Studien: Durch die überschlanken Frauen in den Medien sinkt das Selbstwertgefühl der Mädchen in Bezug auf ihren eigenen Körper; diese Frauenbilder sind erwiesenermassen ein Faktor für die grosse Verbreitung von Essstörungen. Aber kaum ein Mädchen will Körbchengrösse D, weil sie das so auf Youporn gesehen hat.

Hat die freie Zugänglichkeit von Sexbildern zu einer verfrühten Sexualisierung geführt?
Auch da kann ich entwarnen. Wie auch eine eidgenössische Studie über die Jugendsexualität im Wandel der Zeit zeigt, bewegt sich der Anteil der Jugendlichen, die mit 17 Jahren sexuell aktiv sind, seit Mitte der Achtzigerjahre konstant zwischen 50 und 60 Prozent. Kontinuierlich abgenommen haben seither die Teenagerschwangerschaften, zugenommen hat die Nutzung von Kondomen. Das alles ohne eine Zunahme von Abtreibungen. Und ein ganz junger Trend geht sogar wieder in Richtung mehr Treue und späterem erstem Geschlechtsverkehr. In den USA gibt es eine viel höhere Anzahl an Teenagerschwangerschaften; dort ist die Prüderie viel ausgeprägter, das­­ ­offene Gespräch über solche Themen ist weniger vorhanden.

Womit wir beim Thema der elterlichen Massnahmen sind: Was können sie tun?
Das A und O ist: Bleiben Sie mit Ihrem Kind im Gespräch. Verdammen Sie nicht pauschal Internet, Facebook, Insta­gram. Ermuntern Sie das Kind dazu, sich mit Ihnen darüber auszutauschen, interessieren Sie sich für die Inhalte. Dann ­kriegen Sie auch mit, wenn etwas in eine falsche Richtung geht. Es geht ums ­Verstehen und Grenzensetzen; man muss grössere und kleinere Risiken unterscheiden und den Kindern er­klären können. 2 Prozent der Kinder ­haben sich, so die jüngste Studie, schon einmal mit einem Fremden getroffen, den sie über das Internet kennen gelernt haben, und dabei eine beunruhigende Er­fahrung gemacht. Solche Treffen sind wirklich riskant – und es wäre ­wichtig, dass das Kind Ihnen von einem solchen Erlebnis erzählt.

Wie war das eigentlich bei Ihren drei Kindern?
Mittlerweile sind sie alle über 16. Aber natürlich gab es Konflikte über das lange Abtauchen ins Internet. Wir haben da Vereinbarungen getroffen und über ­Risiken gesprochen.

Wie schätzen Sie denn das Risiko des Sexting ein?
Im Allgemeinen hat die Medienkompetenz der Jugendlichen sehr zugenommen, so auch in Bezug auf Sexting. Nacktbilder von sich selbst ins Internet zu stellen oder Pornofilme zu drehen, ist ein Randphänomen – allerdings auch ein Alarmzeichen. Gemäss der «EU-Kids ­Online»-Studie überschätzen Eltern, ­gerade bei jüngeren Kindern, sowohl solch ein riskantes Verhalten als auch ­generell den Pornokonsum. Da spielen irrationale Ängste eine grosse Rolle.

Was bedeutet es in diesem Zusammenhang denn eigentlich genau, ein offenes Gespräch zu führen? Offenbar stellen die ­sexualpädagogischen Fachstellen ­zunehmend die Tendenz fest, dass Eltern ihre Kinder aus dem schulischen Aufklärungsunterricht herausnehmen.
Es reicht nicht, die Jugendlichen immer wieder darauf hinzuweisen, dass jeder sich noch so authentisch gebende Youporn-Film ein Fake ist. Sondern sie müssen konkret erfahren dürfen, was Sache ist. Die sexualpädagogischen Fachstellen der Stadt Zürich leisten da Hervorragendes. Zwischen Eltern und Kindern kann ein Gespräch über Kondome, Orgasmus und dergleichen schwierig sein. Wenn das aber fachlich und sachlich in der Schule besprochen wird, kommt das gut an. 80 Prozent der Kinder sagen, dass sie mehr der Aufklärung durch die Schule – und das Elternhaus – vertrauen als jener durchs Internet. Die Fachstelle thematisiert bei den Schülerbesuchen, dass Sex nicht stets gleich zur Super­ekstase führt; und schon gar nicht für beide gleichzeitig. Sie nimmt den Leistungsdruck weg, zeigt, dass es okay ist, einen Rückzieher zu machen, Nein zu sagen und Ängste zu haben. Ich halte es für grundverkehrt, dass Kinder vom  Sexualkundeunterricht dispensiert ­werden dürfen. Unwissenheit ist immer schädlich und kann Fehlentwicklungen begünstigen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.04.2014, 23:28 Uhr

Dagmar Pauli

Die 50-Jährige arbeitet seit 2010 als Chefärztin und stellvertretende ärztliche Direktorin des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes der Universität Zürich.

Artikel zum Thema

«Die Jugend ist heute weniger sexualisiert»

Samstagsgespräch Kinderpsychiaterin Dagmar Pauli weiss, ab wann Aufklärung sinnvoll und warum sie wichtig ist. Bald stimmen wir darüber ab, ob Kinder bereits im Kindergarten Sexualerziehung brauchen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Outdoor Langlauftipps für Anfänger
Geldblog So sicher ist Ihr Freizügigkeitsgeld
Michèle & Friends 10 Jahre, 3 Einsichten

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Hi Fisch! Vor Hawaii lebt dieser Haifisch Namens Deep Blue. Wer mutig ist und lange die Luft anhalten kann, darf ihn unter Wasser streicheln (15. Januar 2019).
(Bild: JuanSharks) Mehr...