Analyse

Der Bleicher-Effekt

Andrea Bleicher, die erste Frau an der Spitze des «Blicks», wird bereits nach einem halben Jahr wieder abgesetzt und verlässt Ringier. Sie verhielt sich nicht, wie man es von einer Frau erwartet, sondern wie ein Mann.

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Anfangs war die Angelegenheit überraschend, jetzt ist sie delikat. Als Ringier Andrea Bleicher im Februar zur «Blick»-Chefin ad interim machte, war die Resonanz gross, man konnte gar einen Bleicher-Effekt ausmachen. Erstmals eine Frau! Jung noch dazu und Mutter zweier Kinder! Was natürlich auch Kritik hervorrief: Endlich eine «Blick»-Chefin – und trotzdem bleiben die Dessous-Mädchen auf der Titelseite? Und was wird aus den armen Kindern bei einem solch anstrengenden Job? Für Bleicher selbst waren diese Kommentare allenfalls Fussnoten. Sie hatte immer schon «Blick»-Chefin werden wollen. Nicht weil sie eine Frau ist, sondern weil sie es wollte.

Prekäre Situation

Bleicher selbst verhielt sich an der Spitze des «Blicks», wie man es gemeinhin von Männern erwartet: selbstbewusst, entschlussfreudig, durchsetzungsstark. Sie baute sich während des halben Jahres ihres Wirkens ein schlagkräftiges Team auf. Richtete das Blatt neu aus. Und sie war sich ihrer prekären Position bewusst: Auf die Frage einer Journalistin, wie man sich so fühle als erste «Blick»-Chefin der Schweiz, antwortete sie: So weit sei es noch nicht, dazu müsste erst das ad interim weg.

Inzwischen ist das weibliche Interregnum beim «Blick» beendet. Bleicher verlässt per sofort das Haus, den Chefsessel wärmt künftig René Lüchinger. Und wieder rätselt die Branche über die Personalie. Steckt Frank A. Meyer dahinter, der nur mit älteren Herren übers grosse Ganze salbadern will, nicht aber mit einer jungen Frau? Hatte Bleicher die Finanzen nicht im Griff? Scheiterte sie am Glückskäferspiel? Oder war es am Ende Sexismus?

Entscheidungsträger

Die eigentliche Frage ist, warum die Ringier-Chefs Bleicher überhaupt zur Interimschefin gemacht haben, wenn sie die Konsequenzen nicht in Kauf nehmen wollten. Dass die Ernennung einer Frau für Aufsehen sorgen würde, war genauso absehbar wie Bleichers Weigerung, ins zweite Glied zurückzutreten. Und da sie ihre Sache gut gemacht hat, sowohl was die Zeitung als auch die Organisation des Newsrooms betrifft, stehen dem «Blick» wohl weitere Turbulenzen und Abgänge bevor.

Nur Ringier scheint davon nichts geahnt zu haben. Aus internen Kreisen ist jedenfalls zu vernehmen, dass der Bleicher-Effekt für Ringier völlig überraschend kam. Als man ihr dann vor sechs Wochen eröffnete, dass Lüchinger ihren Platz einnehmen werde, habe man von ihr ein weibliches Verhalten erwartet: dass sie dankbar wäre für die paar Monate an der Spitze, für das lukrative Jobangebot irgendwo im mittleren Kader, das Versprechen, irgendwann doch noch Chefin zu werden. Aber Bleicher reagierte wie ein Mann. Sie sagte: Entweder ich bleibe die Nummer eins, oder ich gehe.

Dass die Zeitungsbranche kränkelt, weiss jeder. Nur über die Therapie ist man sich nicht einig. Sicher ist, dass man als «Blick»-Chef nicht Kaffee trinken und nebenher noch ein bisschen das Blatt machen kann. Stattdessen fällt man den lieben langen Tag Entscheide. Eine Eigenschaft, die man gemeinhin eher Männern zutraut als Frauen. Ob Lüchinger es besser kann als Bleicher, wird er nun zeigen müssen.

Erstellt: 20.08.2013, 15:48 Uhr

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