Hintergrund

Der Chic auf zwei Rädern

Frauen fahren auf dem Velo den Männern davon. Und verwandeln dabei den Fahrradstreifen in einen aufregenden Catwalk.

Treten in High Heels – kein Problem für die urbane Cyclistin: Model und Bloggerin Hanneli Mustaparta fährt in New York ihr Bike aus.

Treten in High Heels – kein Problem für die urbane Cyclistin: Model und Bloggerin Hanneli Mustaparta fährt in New York ihr Bike aus. Bild: hanneli.com

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Der Mann mag das Rad erfunden haben, das Fahrrad sowieso (Karl Freiherr von Drais) – deshalb aber zu glauben, Velofahren sei in erster Linie Männersache, wäre ein grosser Irrtum. Das Umgekehrte ist der Fall: Es sind die Frauen, die mittlerweile dem anderen Geschlecht um die Ohren fahren. Unter der Woche, so Zahlen von Velo-Suisse, legen Frauen auf dem Zweirad die doppelte Distanz der Männer zurück. Und in einem Jahr überwinden rund 300'000 Schweizerinnen zusammengezählt um die 600 Millionen Kilometer – eine ganz erstaunliche Distanz.

Ob in der Stadt, in der Agglo oder auf dem Land: Frauen benützen das Velo im Alltag öfter als Männer. Einer der Gründe: Viel mehr Frauen als Männer splitten ihren Alltag in Teilzeitarbeit und Haushaltsführung und legen mehrmals pro Tag Kurzstrecken für Arbeitsweg oder Einkauf per Velo zurück. Man muss nicht so weit gehen wie das österreichische Magazin «anschläge», das in einer Sondernummer behauptet, Fahrradfahren sei an sich schon feministisch. Aber wenn es heute so etwas wie ein weibliches Verkehrsmittel gibt: dann das Fahrrad. Übrigens: 52 Prozent aller neuer Velos werden von Frauen gekauft.

Frau und Velo – eine Liebesgeschichte

Doch man darf sich die Beziehung der Frau zum Fahrrad keinesfalls als bloss nüchtern zweckgerichtet vorstellen. Im Gegenteil: Velofahren wird für immer mehr Frauen zum Statement des eigenen Stils, zum Ausdruck des persönlichen Geschmacks. Das Verhältnis der Frau zum Zweirad ist heute oftmals so leidenschaftlich wie dasjenige zur Mode.

Der deutsche Fotograf Horst Friedrichs bringt diese hoch emotionale und in der Regel hoch ästhetische Verbindung in seinem Fotoband «Cycle Style» bildstark auf den Punkt: Das lange als biederes Ökogefährt verpönte Rad gilt heute vor allem jungen Frauen als eigentliches Modeaccessoire, das mit gleichviel Sorgfalt und Gestaltungswillen gewählt, kombiniert und vorgeführt wird wie die It-Bag von Fendi. (Mehr Cycle-Chic-Bilder finden Sie hier.)

Im ultrakurzen Blümchenkleid auf der Überholspur

In den europäischen Trendstädten London, Berlin, Amsterdam, aber auch Zürich verwandelt sich die Velospur durchaus zu einer Art Laufsteg. Friedrichs zeigt in «Cycle Style» wie in London Kostümträgerinnen in High Heels vor der Fahrradampel geduldig auf Grün warten oder Rennradfahrerinnen im ultrakurzen Blümchenkleid auf die Überholspur wechseln. (Lesen Sie auch: «Die Mini-Rock-Lüge».) Weibliches Velofahren im urbanen Raum wird hier zum Paradieren, wofür die Frauen Technik und Garderobe gleichermassen akkurat wählen.

Der Trend wird derzeit unter dem Schlagwort «Cycle Chic» auf den Punkt gebracht und im Web durch unzählige Blogs dokumentiert. Der dänische Fotograf Mikael Colville-Andersen war mit seinem Blog «Copenhagen Cyclechic» einer der Ersten, der den modischen Auftritt städtischer Velofahrerinnen richtig zu würdigen wusste. Sein Blog gilt als einer der zehn besten Modeblogs überhaupt, und Colville-Andersen selbst wird «The Sartolialist on two Heels» («The Guardian») genannt; die besten seiner Bilder sind nun in einem diesen Mai erschienenen Fotoband vereint. Auf «Copenhagen Cyclechic» sind nicht nur sehr stylishe Frauen auf ihren Hightech-, Classic- oder One-Speed-Bikes zu sehen. Vielmehr erhalten modebegeisterte Cyclistinnen auch vielerlei Tipps, etwa welche Röcke sich auf welchen Fahrradmodellen ganz besonders gut machen.

Die Fixie-Girls aus Taiwan

Dass die Beziehung der Frau zum muskelbetriebenen Zweirad zur eigentlichen Liebesgeschichte geworden ist, in der das Velo nicht nur eine Person, sondern auch deren Stil, Haltung und Weltsicht transportiert, zeigt sich auf unzähligen weiteren Blogs – nachfolgend nur eine Auswahl der spannendsten.

  • Bike Fancy: Fotografin Martha Williams aus Chicago zeigt coole Frauen und ihre Fahrräder – und lässt sie in Interviews auch zu Wort kommen. Suchanfragen auf der Seite lassen sich sogar nach Fahrradtypen sortieren.
  • Vienna Cyclechic: Streetstyle-Blog mit den bestgekleideten Wiener Velofahrerinnen.
  • Fixed Gear Girl Taiwan: Coole Mädchen aus Taiwan, die der ganzen Welt zeigen, wie toll sie Fixies finden. (Hier die Blog-Übersicht mit URLs.)

Es gab einmal diesen etwas sonderbaren Spruch «Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad», der mit dem Vorurteil aufräumen sollte, eine Frau ohne Mann sei nur ein halber Mensch. Heute müsste es wohl anders heissen: Eine Frau ohne Fahrrad ist wie ein Fisch ohne Wasser. Und Männer brauchts zum Velofahren ohnehin nicht.

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Erstellt: 03.07.2012, 21:03 Uhr

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Das Velo als Mode-Accessoire: Abby aus London mit ihrem 1970er Bickerton Portable Bicycle. (Prestel)

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