Der Doktor nach dem Roulette

Psychologe Renanto Poespodihardjo behandelt Spielsüchtige. Wie er arbeitet und was ihm am meisten Sorge macht.

«Es findet eine Umverteilung statt, und das stört mich»: Renanto Poespodihardjo.

«Es findet eine Umverteilung statt, und das stört mich»: Renanto Poespodihardjo.

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Wer erst seinen Lohn und dann Kredite und schliesslich das Geld seiner Frau oder das Vermögen seiner Eltern verspielt hat, in der Folge kriminell wurde beim Versuch, das Verlorene wieder hereinzubringen, weil er dem Wort verfiel, das die Branche für seine Sucht bereithält, nämlich Glücksspiel, obwohl kein Glück im Spiel ist und es nicht um das Spielen geht, sondern einzig um das Verlieren: Der läuft möglicherweise diesen langen, fensterlosen Raum entlang und findet sich in einem hellen Behandlungszimmer ein, in der Universitären Psychiatrischen Klinik Basel am Stadtrand, Gebäude U, zweiter Stock.

Und sitzt dann vielleicht ihm gegenüber. Renanto Poespodihardjo, Renanto für alle, die seinen Namen nicht aussprechen oder behalten können, und das sind die meisten. Renanto kam 1962 in Indonesien zur Welt, sein Vater war Arzt, seine Mutter Dekorateurin. Er wuchs in Hamburg auf, studierte klinische und pädagogische Psychologie in Freiburg im Breisgau. Aufgrund seiner klinischen Erfahrung fragte man ihn aus Basel an. Seit acht Jahren leitet er die Beratungsstelle für Spielprobleme, seit vier die Abteilung für Verhaltenssüchte.

«Zur Therapie gehört, dem Spielsüchtigen zu zeigen, wie unwahrscheinlich eine Gewinnkombination ist. Dass sie nichts mit Glück und Ritualen und der Krawattenfarbe des Croupiers, Gerüchten über die Einstellung der Automaten und anderen Gedankenver­zerrungen zu tun hat. Sondern mit Zufall.»

Er spricht in langen, genau formulierten Sätzen, er hat eine angenehme Stimme und weiss es, seine Gestik bleibt sparsam, Ruhe geht von ihm aus. Dabei ist er besorgt. Die Zahl der gesperrten Spielsüchtigen nimmt zu (siehe rechts). Bis zu zwei Prozent der Bevölkerung sind nicht in der Lage, rechtzeitig mit dem Roulette, dem Blackjack, den Einarmigen Banditen oder dem Onlinespielen aufzuhören. Sie verkommen, sie verarmen, sie reissen ihre Familien mit. Zum ersten Mal reiht das Handbuch der psychiatrischen Diagnosen DSM-V das krankhafte Glücksspiel in die Kategorie der Süchte ein, da es ähnliche Vorgänge im Gehirn auslöse.

Aber der Spielsüchtige wird nicht körperlich abhängig. Und er weiss, dass immer die Bank gewinnt, immer, wieso macht er trotzdem weiter? Gibt es Risikogruppen? Woran liegt der Kick der Spieler, wenn sie keinen Flash bekommen wie bei Heroin, kein Hochgefühl wie nach dem Koksen, keinen Rausch wie die Trinker? Welche Therapie hat sich bewährt, wann droht Rückfall, und vor allem: Welche psychische Krankheit kommt am häufigsten zum Vorschein, wenn die Spielsucht als Symptom verschwindet?

Die Jagd nach der Erdbeere

Renanto hat zu fast allem eine Antwort und sagt sonst, was Fachleute selten sagen: «Ich weiss es nicht.» Seine Antworten lassen sich so verknappen: Der Spielsüchtige kann nicht aufhören, weil schon kleine Gewinne ein Glücksgefühl auslösen, also die Fantasie, einer Befreiung und Lösung nahezukommen, etwa seine Verluste wieder wettzumachen. Und selbst wenn er nicht gewinnt, weil die Maschine vier Sternchen zeigt statt fünf, und das tut sie jedes dritte Mal, wird der Verlust als Gewinn verbucht. Das sei so seit den Jägern und Sammlern, sagt der Psychologe: Wer im Wald etwas Rotes sieht, das wie eine Erdbeere aussieht, reagiert darauf, als wäre es eine.

Zu den Risikogruppen zählen vor allem Männer, unter ihnen eher einkommensschwache und auffallend viele Ausländer. Mit ihrem Geld werden die Casinobetreiber reich, der Fonds von Swisslos finanziert die Kultur, der Bund bekommt Geld für die AHV. Dass Spielsüchtige nicht besser geschützt werden wie zum Beispiel in Norwegen, wo jemand beweisen muss, wie viel er verdient: Das hat einerseits mit der liberalen Haltung zu tun, den Bürger nicht zu bevormunden. Aber auch mit den Sekundärprofiten der Gesellschaft zugunsten von Renovationen, Opern und anderen Investitionen. Hart formuliert: Arme verspielen ihr Geld, von dem dann Wohlhabende profitieren. «Es findet eine Umverteilung statt», sagt Renanto, «und das stört mich, auch politisch.»

Die Rückfallgefahr schätzt er für so hoch ein, dass er nicht daran glaubt, dass es etwas anderes geben kann als Abstinenz. Die Gefahr ist umso grösser, als die Spielsucht oft, wie andere Süchte auch, andere Störungen überdeckt, sexuelle Traumatisierung zum Beispiel oder eine Depression. Was die Therapie angeht, kann es ein Jahr dauern, bis ein Spielsüchtiger die Entzugserscheinungen nicht mehr spürt, und noch viel länger, bis die Probleme gelöst sind, die zur Sucht führten oder sich aus ihr ergaben.

Die Lügen durchschauen

Sowieso hält der Therapeut die Therapie als einzige Massnahme für nutzlos. Es braucht auch die Schuldenberatung, «die allein schon sehr intensiv verläuft und einen hochtherapeutischen Charakter hat». Dazu kommt der Umgang mit der Justiz: Manche Spielsüchtige sind nicht nur verschuldet, sondern verurteilt, ihnen droht das Gefängnis. Schliesslich hält Renanto den Kontakt mit den Familien für unumgänglich. Die Partnerinnen müssen die Lohnkontrolle übernehmen, aber es geht um mehr. «Sie wollen manchmal, dass ihr Mann nicht nur therapiert, sondern auch bestraft wird. Zugleich fühlen sie sich mit ihrer Enttäuschung, ihren Sorgen alleingelassen. Darauf müssen wir achten.»

Als Technik verwendet Renanto die kognitive Verhaltenstherapie, also eine direkte, im Gespräch erarbeitete, mit Zielen und Kontrollen strukturierte Behandlungsmethode. Er beschreibt sie als Fundament für eine Psychotherapie. Die schädlichen Auswirkungen des Glücksspiels seien dermassen gravierend, sagt er, «dass unsere Therapie den Keller aushebt, nicht das Haus baut». Das klingt bescheiden, es ist entscheidend. Was nimmt er bei Spielsüchtigen am stärksten wahr? «Ihre Scham über das, was sie anderen antun.» Was möchte er ihnen am meisten vermitteln: «Dass ich ihre Lügen durchschaue, mich aber nicht von ihnen abwende.»

Gegenüber der Klinik steht ein grosses, rotes Haus. Es hat fast keine Fenster. Es ist das Grand Casino Basel.

Erstellt: 07.08.2014, 23:11 Uhr

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