Der Heldenmacher

«Ich glaube, dass ich fanatisch war, ein Islamist», sagt Ahmad Mansour über sich selbst. Heute hilft der Psychologe in Berlin Jugendlichen, sich von extremistischer Indoktrination zu emanzipieren.

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Die Jungen folgten dem Imam über den Friedhof eines palästinensischen Dorfs. Ahmad Mansour erinnert sich: Im Mondlicht bildeten sie einen Halbkreis um eine Grube. Dann beschwor sie der Geistliche: Wer Allah im Leben nicht gehorche, werde im Grab auf ewig von Schlangen und Dämonen gequält. Mansour war damals noch ein Kind. Bis heute erinnert er sich an den bizarren Initiationsritus: Einer nach dem anderen stieg in das Grab, keiner weigerte sich.

Erst Jahre später fasste Mansour Mut, sich aus den Fängen der Islamisten zu befreien. Es war ein langer Weg, sagt er rückblickend: «Ich glaube, dass ich fanatisch war, ein Islamist.»

Heute hilft Mansour Jugendlichen in Berlin. Er ist Diplompsychologe, lebt seit rund acht Jahren in der Hauptstadt. Der 1976 in Tira bei Kfar Sabah in Israel geborene palästinensische Israeli sitzt zudem als muslimischer Einzelvertreter in der Arbeitsgruppe «Präventionsarbeit mit Jugendlichen» der Deutschen Islam-Konferenz (DIK).

Um Prävention, Muslimfeindlichkeit und Extremismus geht es bei der DIK-Jahreskonferenz am Dienstag in Berlin. Was lässt sich tun gegen Extremismus, Radikalisierung, Antisemitismus aber auch gegen die Ablehnung von Muslimen?

Die DIK hat dazu Vorarbeit geleistet: Grundlegendes wie den Präventionsbegriff geklärt, Projekte und Massnahmen gesichtet, aber auch Differenzen offen gelegt: Den Begriff «Islamismus» würden viele muslimische Vertreter lieber durch die Formulierung «religiös motivierter Extremismus unter Muslimen» ersetzen, um die Religion Islam aus der Auseinandersetzung zu nehmen.

Vorbilder gesucht

Auch bei einem anderen Begriff wurde nachgebessert: Statt «Islamfeindlichkeit» soll es «Muslimfeindlichkeit» heissen. So ziele der Begriff «auf die betroffenen Menschen und nur indirekt auf ihre Religion», erläuterte der Lehrstuhlinhaber für Menschenrechtspolitik an der Universität Erlangen-Nürnberg, Heiner Bielefeldt, bereits 2010 im Präventionsarbeitskreis.

Mansour hält solche «wir-ihr-Debatten», wie sie beispielsweise über das umstrittene Buch «Deutschland schafft sich ab» von Thilo Sarrazin geführt wurden, ohnehin für Gift. Sie erschweren seine Präventionsarbeit, wenn er mit den muslimischen Jugendlichen über Demokratie, Gewalt, Ehre oder Sexualität zu reden versucht. «Die Jugendlichen müssen das Gefühl haben, sie sind mit ihrer Religion und ihren kulturellen Wurzeln anerkannt», sagt Mansour.

Er weist zugleich darauf hin, dass das Schlagwort Muslimfeindlichkeit auch benutzt werde, um «Kritik abzuwehren». Mansour fordert eine innermuslimische Debatte: «Muslime müssen in der Lage sein, Themen wie Ehre zu diskutieren. Meine Ehre ist nicht die Jungfräulichkeit meiner Schwester.» Wichtig seien «Vorbilder», aufgeklärte Muslime, die in die Schulen gingen.

Durch Arbeit an sich selbst zum Helden

Solche Vorbilder hatte Mansour nicht, als er noch in Kfar Saba lebte und der Imam ihm fundamentalistische Ideologie verabreichte. Erst als im ersten Irakkrieg (1990-1991) irakische Scud-Raketen in Tel Aviv einschlugen, erschrak der damals 15-Jährige über seine auf Dächern tanzenden arabischen Landsleute, die zuvor noch an der Seite von Israelis verängstigt Hamsterkäufe in Supermärkten gemacht hatten.

Heute arbeitet Mansour unter anderem für das Präventions-Projekt Heroes, das Jugendliche mit Migrationshintergrund bestärkt, sich gesellschaftlich zu engagieren sowie Vorurteile und Traditionen zu hinterfragen. Nach einem Jahr intensiver Arbeit erhalten die Jugendlichen eine Urkunde: als anerkannter «Held». Sie sollen sich dann sicherer und als Vorbilder fühlen - und niemanden mehr brauchen, dem sie blinde Gefolgschaft schwören.

(kle/AFP)

Erstellt: 04.05.2013, 22:07 Uhr

«Die Jugendlichen müssen das Gefühl haben, sie sind mit ihrer Religion und ihren kulturellen Wurzeln anerkannt»: Ahmad Mansour.

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