Der Landarzt, der die Fachwelt verblüfft

Markus Gassner, Landarzt im sankt-gallischen Grabs, prägt bis heute die Allergieforschung. Er beobachtete als Erster das scheinbare Paradox, dass Bauernkinder seltener unter Allergien leiden als Stadtkinder.

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Giebeldachhaus, Baujahr 1979, an der Spitalgasse in Grabs SG. Es hat zwar zwei Eingänge, einen zur Hausarztpraxis, einen zu den Privaträumen. Doch wo man klingelt, spielt keine Rolle: Drinnen sind alle Räume miteinander verbunden, und Markus Gassner kommt da heraus, wo es ihm gerade passt. Dabei ist er immer alles gleichzeitig – Privatperson, Forscher, Hausarzt.

Die «Work-Life-Balance» von Markus Gassner ist offensichtlich völlig aus dem Lot. Doch während andere diese Vermischung von Beruf und Privatem innert kürzester Zeit an ihre Leistungsgrenze bringen würde, ist es für Gassner die natürlichste Sache: «Ich kann meistens gar nicht sagen, ob das, was ich gerade tue, Arbeit oder Freizeit ist», sagt er. Wahrscheinlich ist dies auch das Geheimnis, weshalb er mehr ist als ein einfacher Hausarzt.

Winterheuschnupfen entdeckt

Gassner, der sich selber am liebsten als Landarzt bezeichnet, gehört zu den wenigen, die auch ausserhalb der «heiligen Hallen» von Hochschulen und Universitätsspitälern forschen. Und das mit Erfolg. Sein jüngster Coup ist die Entdeckung eines Winterheuschnupfens, ausgelöst durch die als Stadtbaum beliebte Purpurerle. Es war eine kleine, feine Studie, die Gassner zusammen mit anderen unlängst veröffentlichen konnte. Und zwar im «New England Journal of Medicine» – einem angesehenen Fachblatt, bei dem schon mancher ehrgeizige Forscher abgeblitzt ist.

Am bekanntesten ist Gassner für seine Untersuchungen in den 80er-Jahren. Damals belegte er als Erster mit Blutuntersuchungen, dass Bauernkinder weniger häufig an Allergien leiden als andere. «Daraus ist eine ganze Forschungsrichtung entstanden mit unzähligen Veröffentlichungen», sagt Peter Schmid-Grendelmeier, Leiter der Allergiestation am Zürcher Unispital. Auf Gassners Beobachtungen stützt zum Teil auch die viel zitierte «Hygiene-Hypothese». Demnach stimulieren Mikroben und deren Bestandteile das Immunsystem von Kindern und machen sie weniger allergisch.

Blutproben zahlloser Kinder

Obwohl das Forschen seine zweite Natur ist, traut man Gassner die wissenschaftlichen Erfolge auf den ersten Blick nicht zu. Stets freundlich, mit gemütlichem Schnauz und leiser Stimme wirkt er ein wenig harmlos. Erst wenn er sein Leben und seine zahllosen Forschungsinteressen in allen ihren Verästelungen zu schildern beginnt, dämmert es einem, dass der erste Eindruck trügt.

Gassners wichtigster Trumpf ist seine Sammlung von Blutseren mit dazugehörigen Patientendaten. Damit startete er, kurz nachdem er 1980 zusammen mit seiner Frau als Hausarzt nach Grabs zog und gleich Schularzt wurde. Mit rund 80 Kindern pro Jahrgang, die er jeweils über mehrere Jahre betreute, konnte er umfangreiche Daten von einer durchschnittlichen Schweizer Gemeinde sammeln. Jeder andere Schweizer Schularzt hätte in seiner Gemeinde einen solchen Schatz anlegen können. Aber nur Gassner hatte die Idee und auch die Hartnäckigkeit dafür. Der 67-Jährige hat erst vor wenigen Jahren mit Sammeln aufgehört, seit der Gang zum Schularzt in Grabs nicht mehr obligatorisch ist. Hausarzt und Forscher bleibt er jedoch weiterhin.

«Originell und unermüdlich»

Bereits bei den ersten Messungen Anfang der 80er-Jahre bemerkte Gassner, dass Bauernkinder weniger allergisch sind als andere. «Anfangs ging das allen auf die Nerven», erinnert sich Gassner. Die Fachwelt war skeptisch oder ignorierte seine Resultate. Schliesslich widersprachen Gassners Befunde dem Dogma, dass Allergien wahrscheinlicher werden bei häufigem Kontakt mit allergenen Stoffen. Bei Bauernkindern war gerade das Gegenteil der Fall. Zusätzlich waren die Patientenzahlen in Gassners Untersuchungen zu tief, um Epidemiologen zu überzeugen. «Man konnte sich keinen Reim auf die Entdeckung machen, weshalb es seine Zeit brauchte, bis sie akzeptiert wurde», sagt die Basler Epidemiologin Charlotte Braun, die Gassners Beobachtungen in grossen Studien später weiterführte.

Der Landarzt stürzt sich auf alles, was ihm über den Weg läuft und ihn interessiert. So ist die Bauernstudie nur ein kleiner Ausschnitt seiner Forschungen. Über die Jahre konnte er bei seinen Schulkindern eine generelle Zunahme von Allergien bestätigen. In einer anderen Studie zeigte sich, dass Impfungen gegen Masern, Mumps und Röteln nicht zu einem erhöhten Allergierisiko führen. In einem anderen Fall deckte Gassner auf, wieso ein Mumps-Impfstoff Schweizer Kinder nicht gut genug schützte. Und er beobachtete, dass Bauern trotz weniger Allergien wegen ihres staubigen Arbeitsplatzes im Stall häufiger an Lungenkrankheiten starben.

«Er bleibt dran»

Noch während der Ausbildung zum Mediziner gelang es Gassner erstmals in der Schweiz, das Alpha-1-Fetoprotein nachzuweisen. Mit diesem Eiweiss konnte er im Blut von Patienten Leber- oder Hodenkrebs feststellen. Die gleiche Methode wurde später in der Pränataldiagnostik von Missbildungen wie Spina bifida verwendet. «Ich habe dann aufgehört, weil ich moralisch nicht dahinterstehen konnte», sagt Gassner. Bei seinen beiden Töchtern hatte er diese Pränataldiagnostik nicht durchführen lassen.

«Neben seinen originellen Ideen ist seine Stärke, dass er unermüdlich dranbleibt und andere Forscher und Institutionen einbezieht», sagt Brunello Wüthrich, emeritierter Leiter der Allergiestation am Unispital Zürich, der lange Zeit mit dem Grabser Arzt zusammengearbeitet hat. Gassner knüpft immer wieder neue Kontakte an Kongressen, die er auf der ganzen Welt besucht. Dabei wird sein bescheidenes Auftreten zur Stärke: «Akademische Forscher nehmen mich nicht als Konkurrenz wahr», sagt er.

Typisch ist, dass sich Gassners Interesse nicht nur auf den eigentlichen Forschungsgegenstand beschränkt. Seine Neugier scheint manchmal fast grenzenlos zu sein. Zum Beispiel bei der Erle, der jüngst sein Interesse gilt. Viele Wissenschaftler erkennen ihr eigenes Forschungsobjekt in der freien Natur nur knapp, obwohl sie sehr viel Zeit mit ihm im Labor verbringen. Gassner hingegen weiss fast von allen Schwarz-, Grau- und Grünerlen in der Umgebung von Grabs, wo sie stehen. Und bei der Purpurerle, die für den Winterheuschnupfen verantwortlich ist, kennt er die Hintergründe zu deren Herkunft und Züchtung. Er legt auch selber Hand an, um Pollen für weitere Untersuchungen zu sammeln.

Mit Niklaus Meienberg in Paris

Weshalb Gassner Mediziner wurde, kann er nicht mehr so genau sagen. Wenn er über seine Studienzeit spricht, kommt bei ihm jedoch schnell die Rede auf seinen halbjährigen Aufenthalt in Paris im Jahr 1969. Dort war er als Anfangzwanziger zusammen mit dem Journalisten Niklaus Meienberg unterwegs. Ihn kannte er vom Internat in Disentis. «Diese Zeit hat mir den Horizont erweitert», sagt er. Das Leben in der Grossstadt Paris sei origineller und unkomplizierter gewesen. Politisch engagiert habe er sich damals aber nie. «Ich studierte Medizin und hatte keine Zeit dafür», erinnert er sich.

Gerne erzählt der Grabser Hausarzt auch, wie er in den 70er-Jahren mehrfach als unerfahrener Unterassistent an Regionalspitälern die Verantwortung für ganze Abteilungen übernehmen musste. «Das war damals üblich, heute aber undenkbar», sagt er. In dieser Beziehung sei heute vieles besser. Doch bedauert er die heutige Entwicklung zu Guidelines, standardisiertem Denken und zur Apparatemedizin, die unumkehrbar scheint. «Heute ist es fast nicht mehr möglich, ausschliesslich mit Kopf und Hand Medizin zu betreiben», sagt er. «Dabei käme man damit unheimlich weit.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.02.2013, 08:45 Uhr

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